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Aus: Ausgabe vom 23.02.2019, Seite 4 (Beilage) / Wochenendbeilage
Azoren

Land in Sicht

Auf der portugiesischen Inselgruppe der Azoren begegnen sich Europa und Amerika
Von André Steiniger
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Blick auf das Zentrum von Angra do Heroísmo, dem Hauptort der Azoreninsel Terceira. Der hiesige Hafen spielte im transatlantischen Handel als Zwischenstation schon früh eine wichtige Rolle

Unter uns Wasser und nichts als Wasser. In mehr als 12.000 Metern Höhe bewegen wir uns gegen den Jetstream. Nach anderthalbtausend Flugkilometern lässt sich weit und breit noch kein Zipfelchen Land ausmachen. Zweieinhalb Stunden dauert es, bis die in Lissabon gestartete Maschine auf Terceira aufsetzt, der drittgrößten und nach Einwohnerzahl Hauptinsel der Azoren, die inmitten der schier unendlichen Weiten des Nordatlantiks aus dem Meer ragen. Aus dieser Weltecke kommt auf uns Mitteleuropäer immer wieder mal ein Azorenhoch zu, ein Hochdruckgebiet, das eine Schönwetterperiode verheißt. Wo genau die Inselgruppe liegt und zu wem die Eilande politisch gehören, wissen wohl die wenigsten.

Seit ihrer offiziellen Entdeckung durch den Seefahrer Diogo de Silves auf der Suche nach dem Ende der Welt im Jahr 1427 sind die Azoren in portugiesischem Besitz. Der vielen Bussarde wegen, die man fälschlich für Habichte hielt, wurden sie Açores, Habichtsinseln, genannt. Der Irrtum klärte sich bald auf, der Name blieb haften. Heutzutage lassen sich hier noch ganz andere Vögel bestaunen: Wer auf Terceira landet, dem fallen sofort die neben dem Rollfeld in großer Zahl aufgereihten Militärflieger auf. Es sind überwiegend »F-16«- und »F/A-18«-Kampfjets sowie »C-17«-Transporter der US-Air-Force. Das Lajes Field genannte Flugfeld, während Zweiten Weltkrieges für den Zwischenstopp alliierter Bomber ausgebaut, ist heute eine bedeutende Basis für die NATO in strategisch bedeutsamer Lage.

Doch wenden wir uns wieder der Entdeckungsgeschichte der Azoren zu. Angeblich wurden in jüngerer Zeit auf Corvo, der kleinsten der neun Inseln, mehrere karthagische und kyrenische Münzen aus dem 3. oder 4. Jahrhundert gefunden. Demnach wären die abgelegenen Eilande wenigstens 1.000 Jahre früher als bisher bekannt angesteuert worden. Führt die Spur etwa zum mystischen Inselreich Atlantis mit seiner hochentwickelten Zivilisation, deren Untergang durch eine gigantische Naturkatastrophe der antike griechische Philosoph Platon beschrieb? Allerdings wird die Echtheit des Münzfunds von Experten angezweifelt. Zweifelsfrei fest steht hingegen die Authentizität sogenannter Portolane – Seekarten aus gegerbtem Leder–, die bereits 1351 und 1375 gezeichnet wurden. Zwar sind die Azoren hier in einer falschen Achse und mit verkehrten Umrissen dargestellt, jedoch als neun Inseln in drei Gruppen, was der Realität entspricht. Mit großer Wahrscheinlichkeit wussten also Seefahrer schon vor ihrer offiziellen Entdeckung von den zunächst unbewohnten Vulkaninseln. So etwas kennt man ja von der »Entdeckung« und nachfolgenden Eroberung Amerikas.

Gescheiterte Helden

Angra do Heroísmo, die Hauptstadt Terceiras, darf sich zum UNESCO-Weltkulturerbe zählen. Die Stadt wartet mit einer der mächtigsten spanischen Festungen überhaupt auf. Das Castelo de São João Baptista wacht am Fuße des gerade mal 205 Meter hohen Monte Brasil über die Stadt. König Philipp II. ließ die Burg Ende des 16. Jahrhunderts errichten. Wegen Erbstreitigkeiten war Portugal an die Krone des iberischen Nachbarlands gefallen. 60 Jahre – von 1580 bis 1640 – währte das Zwischenspiel. Die Festung nimmt eine Fläche von drei Quadratkilometern ein und umschließt noch Teile des der Stadt vorgelagerten Bergmassivs. Dieses lässt sich übrigens hervorragend erwandern. Den Namen Angra do Heroísmo (Bucht des Heldentums) erwarb sich die Stadt mit der Unterstützung von König Pedro IV. 1831 gegen die Thronansprüche seines Bruders Miguel.

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São Miguel, die größte der neun Azoreninseln, aufgenommen vom Satelliten »Sentinel-2A«. Wie der ganze Archipel ist sie vulkanischen Ursprungs

Stets um den 24. Juni herum verwandelt sich Terceiras Hauptort für zehn Tage in einen Festplatz. Dann finden zu Ehren des Heiligen Johannes die Sanjoaninas statt, und bei groß und klein herrscht Festtagsstimmung. Aus nahezu allen Fenstern werden farbenfrohe Teppiche gehängt. Es wird musiziert, getanzt, getrunken, gelacht. Entlang der Promenaden sitzen die Leute auf ihren selbst mitgebrachten Stühlen, und durch die Gassen werden Stiere getrieben. Besonders Mutige – oder ganz Dämliche, wie man es sieht – stellen sich den schnaubenden Kolossen aus Fleisch und Blut in den Weg. Dabei gibt es immer wieder auch Schwerverletzte, mitunter sogar Tote. Da bleibt man besser hinter den Absperrungen aus Zäunen und aufgereihten Lkw. An den Abenden finden Corridas de touros statt, klassische Stierkämpfe. Für einige der Matadoren endet der angebliche Spaß vorfristig und nicht gut, wenn sie von einem der wütenden Stiere über den Haufen gerannt werden oder dessen Hörner zu spüren bekommen. Mehr zu bedauern sind jedoch die bald jämmerlich schreienden und blutüberströmten Tiere. In Portugal ist es übrigens bei Strafe verboten, den Stier in der Arena zu töten. Er darf lediglich mit Bandarilhas – farbig geschmückten Pfeilen mit Widerhaken – markiert werden. Dabei zu stark verwundete Tiere landen im Anschluss an die Vorstellung beim Schlachter. Die weniger lädierten dürfen zu Zuchtzwecken noch etwas weiterleben.

Das Landesinnere von Terceira bedecken erstaunlich dichte Urwälder, in Vulkankesseln herrscht eine savannenartige Vegetation vor. An der Küste finden sich bizarr anmutende Felsenbäder. Die Azoren überhaupt sind berühmt für solche aus dunklem Vulkangestein geformten, von Meerwasser umtosten Natursteinbecken. Nicht unbedingt das Richtige für den klassischen Familienurlaub, aber umso mehr für Schnorchler und ambitioniertere Badefreunde. Die atlantischen Gewässer um die Azoren herum zählen zu den reichsten Fischgründen der Erde. Bereits im glasklaren Wasser nahe der Ufer wimmelt es. Auch Sandstrände finden sich. Einer liegt gleich unterhalb von Angra do Heroísmo. Auf São Miguel, der größten Azoreninsel, gibt es gleich mehrere malerische Buchten mit Stränden aus herrlich weiß leuchtendem Sand. Mal heller, mal dunkler gefärbte, doch immer feinkörnig beschaffene bieten auch die Inseln Faial, Graciosa und Flores. Das Gerücht von den den Azoren angeblich fehlenden Stränden mag ein Grund dafür sein, dass sich der Tourismus hier in Grenzen hält. Auf Wanderungen oder beim Baden ist man so oft mutterseelenallein.

Ein weiterer Grund, warum die Inseln als touristisches Ziel noch wenig entdeckt sind, dürfte das Klima sein. Zwar ist das Wetter dank des Golfstroms das ganze Jahr über recht mild, aber auch sehr unbeständig. Die Azoreaner selbst scherzen, jeder Tag habe vier Jahreszeiten. Sonne, Wolken, Wind und Regen wechseln sich ab. Die Inseln ausschließlich vulkanischen Ursprungs scheinen die aus dem sie umspülenden Golfstrom als Dampf aufsteigenden Wassermassen förmlich anzusaugen. Der Regen währt jedoch meist nur kurz. Und dank der Feuchtigkeit sind die Inseln stets märchenhaft grün. Zu Recht berühmt sind die Azoren für die sich kilometerweit ausbreitenden, monatelang blühenden weißen, blauen und rosafarbenen Hortensien. Unmengen roter Strelitzien, weißer Amaryllen, blauer Agapan­thus und violetter Clematis runden das Bild ab.

Malerische Kulisse

Mit einer Bombardier »Q400«, einer kleinen Turboprop der azoreanischen SA TA, gelangt man von Terceira nach São Jorge, der am zentralsten gelegenen Insel des Archipels. Nur zwanzig Minuten dauert der Flug. Die langgezogene Küste von São Jorge erstreckt sich über mehr als fünfzig Kilometer, ihre breiteste Stelle misst sieben. Von oben sind fast keine Siedlungen auszumachen. Dafür reiht sich Vulkangipfel an Vulkangipfel. Die höchsten ragen über tausend Meter durch tiefhängende Wolken empor. Der Anblick der zerklüfteten und doch grünen Insel ist märchenhaft und bizarr. Sie wirkt wie die perfekte Kulisse für einen Abenteuerfilm.

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Malerischer Blick auf die Küste bei Ponta Delgada. Der Hauptort von São Miguel ist zugleich Verwaltungshauptstadt der Autonomen Region Azoren

Der Taxifahrer, der mich vom Flugplatz zum Hotel chauffiert, ist eigentlich Landwirt. Rund 60 Kühe hält er. Aber allein mit diesem Job käme er kaum zurecht, erzählt Mario. Dabei sind die Preise in den Geschäften hier für deutsche Verhältnisse recht erschwinglich. Doch die Löhne sind erschreckend niedrig, ein Salär von etwa 600 Euro monatlich ist in vielen Berufen keine Seltenheit.

Viele menschengemachte Sehenswürdigkeiten hat São Jorge seinen Besuchern nicht zu bieten, um so mehr findet man Natur pur. Die Insel ist der ideale Platz zum Wandern. Besonders reizvoll sind einige der rund 70 Fajãs, wie man die kleinen Landzungen am Fuße der Hunderte Meter hohen Steilküsten nennt. Auf ihnen haben sich winzige Ortschaften und etwas Landwirtschaft angesiedelt. Sie bilden einen pittoresken Kontrast zur wuchtig-grünen und schroffen Landschaft.

Kühe bekommt man auf allen Azoren­inseln übrigens mehr als genug zu Gesicht. Auf Pico, São Jorge benachbart, gibt es mehr Kühe als Einwohner. Etwa elf Euro kostet die einstündige Fährfahrt zur zweitgrößten Insel der Azoren. Das absolute Highlight für Touristen hier ist Whale Watching. Noch bis in die 1980er Jahre hinein lebten viele Azoreaner vom Walfang. Besonders das Öl aus dem Kopf des Pottwals war pures Gold wert. 1987 wurde das Walfangverbot endgültig umgesetzt. Eine Industrie brach zusammen. Viele Fischer verloren ihre Existenz. Ein Franzose machte aus der Not eine Tugend und führte die Walbeobachtung ein. In großen Schlauchbooten und mit Kameras bewaffnet, geht es nunmehr auf eine dreistündige Jagd nach den bis zu 20 Meter langen Meeressäugern. Mit über 60 Kilometern pro Stunde donnern wir 25 bis 30 Kilometer weit aufs offene Meer hinaus. Gute 2.000 Meter ist es hier tief. Darin tummeln sich diverse Walarten, aber auch Blauhaie, Makohaie, Stachelrochen, Schwert- und Degenfische sowie bis zu 18 Meter groß werdende Riesenkalmare. Letztere sind die Lieblingsspeise der Pottwale. Um ihrer habhaft zu werden, tauchen diese Meeressäuger bis zu 3.000 Meter tief hinab. Das Öl in ihrem Kopf dient dem Druckausgleich. Von einem Landbeobachtungspunkt aus werden wir über Funk zu den Walen gelotst. Neben etlichen Pilotwalen und Delfinen bekommen wir fünf Pottwale aus nächster Nähe zu Gesicht. Wenn die ihren Blas ausstoßen und mit erhobener Schwanzflosse in die eiskalte See hinabtauchen, ist Gänsehaut garantiert.

Pico bedeutet Gipfel. Der Name der Insel ist Programm. Genauso heißt nämlich auch der mit 2.351 Metern höchste Berg Portugals, der sich auf Pico befindet. Der Vulkan in seinem Inneren ruht derzeit, so wie die weiteren 200 Vulkane der Insel. Ausbrüche gab es zuletzt im 16. und 18. Jahrhundert. Viele Einwohner verließen damals die Insel. Der majestätische Berg ist, auch ohne Feuer, Asche und Lava zu spucken, stets präsent. Eine Besteigung seines Gipfels soll zu den schönsten Wanderungen auf der Welt überhaupt zählen. Den besten Blick auf ihn hat man von der nur sechs Kilometer entfernten Insel Faial aus.

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Der See der sieben Städte (Lagoa das Sete Cidades), aus dem Weltall gesehen: Der Kratersee auf São Miguel ist das größte Binnengewässer der Azoren und ein beliebtes Touristenziel

In Horta, der Hauptstadt Faials, ist der Besuch von »Peter’s Café Sport« nicht nur ein Muss für die hier zahlreich anzutreffenden Segler. Die Kneipe ist eine internationale Berühmtheit, der ultimative Treffpunkt aller Atlantiküberquerer und Weltumsegler. Der obligatorische Gin Tonic kostet gerade mal 2,90 Euro. Bereits seit 100 Jahren existiert das Café. Seinen heutigen Namen verdankt es einem US-Marineoffizier aus dem Zweiten Weltkrieg. Der damalige Inhaber Hen­rique Lou­renço Ávila Azevedo gab diesem den Spitznamen Peter, der schließlich am Laden hängenblieb. Zuvor hatte er wegen der Fußballbegeisterung seines Besitzers nur auf »Café Sport« gehört.

Unter Einfluss

Letzte Station der Reise ist São Miguel, rund 200 Kilometer südöstlich von Pico gelegen. Mit 746 Quadratkilometern ist sie die größte Insel der Azoren. Und sie hat viel zu bieten: Wasserfälle, glasklare Kraterseen, feine Sandstrände, heiße Schwefelquellen, Thermalbäche und eine von wenigen Teeplantagen im Westen Europas. Romantisch-bezaubernd ist die Altstadt von Ponta Delgada, dem Hauptort der Insel, der zugleich die Verwaltungshauptstadt der Autonomen Region Azoren ist. An vielen Orten findet man winzige Kapellen, sogenannte Heiliggeist-Tempel, die der Dreifaltigkeit im katholischen Glauben gewidmet sind.

Zu Geschichte und Tradition der Azoreaner gehört auch eine bis heute ungebrochene Verbundenheit mit den USA und Kanada. Über die Jahrhunderte immer wieder wanderten viele nach Naturkata­strophen und darauffolgenden Hungersnöten nach Nordamerika aus. Häufig begegnet man im Straßenbild US-Flaggen oder dem roten Ahornblatt. In den Bars und Restaurants sind Bilder und Souvenirs aus der Neuen Welt zu besichtigen. Nach der Nelkenrevolution, die der Sturz der faschistischen Diktatur in Lissabon am 25. April 1974 durch einen Militäraufstand einleitete, standen die Azoren kurz davor, sich vom Mutterland abzuspalten und in die Arme der Vereinigten Staaten zu werfen. Mit dem Sozialismus in Portugal wurde es nichts, und die Azoren blieben, was sie sind: ein Stück Portugal im Nordatlantik.

Regio:

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