Gegründet 1947 Montag, 25. März 2019, Nr. 71
Die junge Welt wird von 2173 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 23.02.2019, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Role Models an die Front

Von Arnold Schölzel
schwarzer kanal.png

Kanzlerin Angela Merkel zog auf der Münchner »Sicherheitskonferenz« (Siko) am 16. Februar eine stolze Bilanz ihrer Militärpolitik, landesweit ausgestrahlt auf Phoenix: Einen »essentiellen Sprung« hätten die deutschen Bemühungen um Aufrüstung in den vergangenen Jahren gemacht, seit fast 18 Jahren stehe die Bundeswehr in Afghanistan und habe dort insgesamt 300.000 Soldaten eingesetzt – allerdings, seufzte sie, das habe »Überzeugungsarbeit unter der Bevölkerung« gekostet. Wahlvolk ist lästig.

Aber: In Litauen sei die Bundesrepublik jetzt NATO-»Rahmennation« und habe gerade die »Führung der Speerspitze« des Paktes übernommen. Und dann sei die Bundesrepublik ja auch außerhalb der NATO aktiv wie in Mali. Flüchtig streifte sie die »Instabilität Libyens« und hob das »Wohlstandsgefälle« zwischen Afrika und EU hervor. Nun sei »China groß in der Entwicklungspolitik« tätig, während die EU-Partnerschaft mit Afrika erst »am Anfang« stehe. Merkels Schlussfolgerung: »Wir unterstützen die G-5-Sahel-Truppe«, aber »die Methodik der Entwicklungshilfe« sei nicht ausgearbeitet. Afrika darf sich freuen: Deutsche Kanonen werden zukünftig zusammen mit deutscher Butter geliefert.

Denn die Welt ist voller Gefahren, die selbstproduzierten an der Spitze. Die Bedrohung aller Bedrohungen allerdings ist die »hybride Kriegführung Russlands«, z. B. die Organisierung von Kam­pagnen mit Hilfe des Internets. Es sei doch seltsam, dass Schüler sich jahrelang für nichts interessieren und jetzt jeden Freitag demonstrieren. Anders gesagt: Der Russe missbraucht Kinder.

Das reicht aber nicht. Am Montag kam Reporter Johannes Reichart vom Bayerischen Rundfunk auf Unerledigtes zu sprechen: »Auf der Münchner Sicherheitskonferenz geben Männer den Ton an – genauer gesagt: alte, weiße Männer. So jedenfalls sehen es die wenigen auf der Siko vertretenen Frauen und fordern eine Neuausrichtung.« Also sprach ihm Bundestagsvizepräsidentin Claudia Roth ins Mikrofon: »Es sind unglaublich viele alte Männer hier. Ich mache mir wirklich Sorgen, diese Konferenz zeigt, dass es in eine falsche Richtung geht.« Reichart: »Die Grünen-Politikerin findet, es ist Zeit für eine feministische Sicherheits- und Außenpolitik.« Wer sich da noch nicht wirklich Sorgen macht, sollte auf den Anlass der Reportage achten: Am Rande der Siko trafen sich »internationale Entscheidungsträgerinnen« zum »Women’s Breakfast«, darunter Ivanka Trump und Annegret Kramp-Karrenbauer. Rei­chart: »Neben Roth sind zwei weitere Frauen die großen Ausnahmen in der Verteidigungs- und Außenpolitik: Bundeskanzlerin Merkel und Ursula von der Leyen werden immer wieder als ›Role Models‹ genannt, die es bis ganz nach oben geschafft haben. Wie ist der Verteidigungsministerin das gelungen?« Die Angesprochene: »Ich bin mit fünf Brüdern aufgewachsen. Ich bin als junge Frau häufig von Männern angebrüllt worden, ich kenne das. Wenn man sagt, ich schicke Ihnen die Rechnung meines Ohrenarztes, dann ist sofort die Dominanzgebärde gebrochen.« So zeichnet sich ein großer Schritt zur feministischen Sicherheitspolitik ab: Mehr Geballer, weniger alte weiße Typen.

Verändern muss sich noch mehr. Am Donnerstag schrieb der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, in einem Gastbeitrag in der FAZ unter der Überschrift »Die Bundeswehr braucht einen Militärrabbiner« und erinnert daran, dass es die in der kaiserlichen Armee z. B. im Ersten Weltkrieg gegeben habe. Der Mann hat recht, auf gute Traditionen wie Weltkriege soll sich die Bundeswehr berufen. Am besten wäre, dazu nur christliche Seelsorgerinnen und Rabbinerinnen als Role Models in die Söldnerarmee zu schicken. Unter feministisch-ethischer Anleitung schießt es sich besser. Fehlt nur noch die Imamin.

Auf gute Traditionen wie Weltkriege soll sich die Bundeswehr berufen. Am besten wäre, dazu nur christliche Seelsorgerinnen und Rabbinerinnen in die Söldnerarmee zu schicken. Unter feministisch-ethischer Anleitung schießt es sich besser. Fehlt nur noch die Imamin.

Ähnliche:

  • Derzeit werde geprüft »welcher kluge Mix an Maßnahmen zu ergreif...
    16.02.2019

    Spiel mit der Apokalypse

    Auftakt der Münchner Kriegskonferenz: NATO-Strategen beraten über Aufrüstung. Verstärkte Militarisierung der EU

Mehr aus: Wochenendbeilage