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Aus: Ausgabe vom 23.02.2019, Seite 14 / Leserbriefe

Aus Leserbriefen an die Redaktion

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Unterm Teppich

Zu jW vom 25.1.: »Ich such’ die DDR«

(…) In der kargen Bilanz von Thomas Behlert über Musiker, Sänger, Komponisten und Texter aus dem Osten fehlt eine ganze Reihe von Künstlern, die nach wie vor neue Songs produzieren und auf Tour sind. Diese werden einfach unter den Teppich gekehrt. Die einzige Band, die Herr Behlert hochleben lässt, ist die Renft-Combo, wo er mit Bedauern feststellt, dass ja außer Thomas Schoppe alle anderen Musiker dieser hervorragenden Kapelle bereits im Himmel spielen. Das Bedauern kann ich unterstreichen, die Aufzählung der noch Lebenden nicht, denn Christian »Kuno« Kunert, ebenfalls Sänger und Pianist der Band, lebt. Behlert erwähnt wenigstens, dass es im Januar ein Konzert zu Ehren von Renft, insbesondere aber in Erinnerung an den Komponisten, Sänger und Gitarristen Peter »Cäsar« Gläser anlässlich seines 70. Geburtstages und 10. Todestages, gab. Zehn Bands und Solisten, die dort dem musikalischen Erbe von Renft, insbesondere Cäsar, ihre »Aufwartung« machten, glänzten mit tollen, zeitgemäßen Interpretationen der bekannten Hits. Darüber wiederum kein einziges Wort. (…) Ebensowenig berichtet er über die vielen guten Alben von City, Silly, Pankow, Rockhaus, den Puhdys, Engerling, den Zöllnern, André Herzberg, Dirk Michaelis, Ute Freudenberg und vielen anderen mehr, die in den letzten 30 Jahren entstanden sind und die sich trotz der neuen, eher schwierigen medialen Bedingungen mit politischen Inhalten beschäftigen und die – vielleicht gerade deshalb – keine mediale Aufmerksamkeit erfahren.

Jörg Stempel, per E-Mail

Simples Weltbild

Zu jW vom 8.2.: »Kolonialfan des Tages: Günter Nooke«

Man sollte den Afrikabeauftragten des Entwicklungshilfeministeriums, Günter Nooke, nicht zu ernst nehmen. Als Teil des Industriezweigs »DDR-Bürgerrechtler« wird er mit öffentlichen Geldern ausgehalten. Ich hatte das Vergnügen, ihn vor einem knappen Jahrzehnt bei einer Tagung in Berlin über Menschenrechte schwadronieren zu hören. Er tat das ziemlich leidenschaftslos. Im Grunde wollte er alles einfach halten. O-Ton: »Man braucht ein Bild, wie man sich die Welt zurechtlegt.« (…) Wichtig war ihm, dass es bei Menschenrechten nur um einzelne Personen geht. (…) Von Gruppenrechten solle man lieber nicht reden, denn dadurch werde »die Diskussion« schwieriger. Kollektive Menschenrechte lehnte er natürlich ab, das klingt ja nach Sozialismus ... Er konnte aber auch ganz einfach und durchaus treffend formulieren, z. B. so: »Helsinki ›Korb 3‹ war natürlich auch eine Instrumentalisierung« (im »Korb 3« der KSZE-Schlussakte von 1975 ging es um Menschenrechte, die gegen die osteuropäischen Staaten in Stellung gebracht wurden, während man im Westen eine Diktatur nach der anderen unterstützte ...). Oder: »Natürlich gibt es in Israel Menschenrechtsverletzungen, da will ich nicht herumeiern.« Oder auch: »Ruanda ist ein starker Staat, eigentlich eine Diktatur, aber die finden sie hier alle gut, weil da mal ein Genozid war.« Das erforderliche Weltbild braucht offensichtlich nicht sehr kompliziert zu sein …

Matthias Gockel, Gelter­kinden (per Kommentarfunktion für Onlineabonnenten)

Ohne jede Moral

Zu jW vom 16./17.2.: »Solidarität mit Venezuela«

Mit größter Empörung und Sorge nehme ich die gegenwärtige politische Situation und die heuchlerisch-mediale Berichterstattung, besonders die »öffentlich-rechtliche«, zur Kenntnis. Die derzeitige Situation in Venezuela ähnelt den Ereignissen vom April 2002, als die USA mit ihrem Putsch gegen Hugo Chávez gescheitert waren. Unverhohlen und nach gewohnter Manier versucht das kapitalistisch-imperialistische Deutschland – nicht nur als Vasall der USA –, sich in die politisch-inneren Angelegenheiten des venezolanischen Volkes mit der Erwartung einzumischen, größten Profit für seine sogenannten Eliten zu ergaunern. Es ist mittlerweile bekannt, dass Venezuela nicht nur große Vorkommen an Erdöl, sondern auch an Gold, Lithium und Gas besitzt. Genau um diese Schätze und die Vernichtung der Bolivarischen Revolution mit ihrem antikolonialistischen Charakter in Lateinamerika geht es. Ohne jede Moral und jegliches Rechtsbewusstsein meinte der Kriegshetzer und Hassprediger John Bolton: Nicolás Maduro werde »in Guantanamo enden«, falls er nicht endlich zurücktrete und aus Venezuela verschwinde. Der Sicherheitsberater des US-Präsidenten droht öffentlich einem Staatsoberhaupt mit dem weltweit berüchtigten US-Folterlager!

Peter Dornbruch, Schwerin

Lehrstück zur rechten Zeit

Zu jW vom 18.2.: »Kino wird es nicht immer geben«

Was mich erstaunt, ist, dass in der jW trotz ausgiebiger Berichterstattung über die Berlinale von dem erschütternden Film »Marighella« keine Notiz genommen wurde. Carlos Marighella, 1911 in Brasilien geboren, Schriftsteller und Politiker, war ein zutiefst warmherziger Menschenfreund und verstand sich in der Tradition von Zapata, Sandino und auch Che Guevara. (…) Kuba, Vietnam, Algerien waren seine Vorbilder für den Befreiungskampf gegen Faschismus, Rassismus und Sexismus. Der Film zeigt sein Leben zwischen 1964 bis zu seiner brutalen Ermordung 1969. Marighella war der Initiator der Guerillabewegung in Brasilien, die als Antwort auf den blutigen Putsch 1964 entstand, der eine legitime Regierung hinwegfegte, worauf sich eines der brutalsten Militärregimes 21 Jahre lang fest im Sattel hielt, dank US-amerikanischer Unterstützung. (…) Eindringlich wird im Film die US-Strategie geschildert. Die US-Folterausbilder und -Brainwasher gaben vor dem Hintergrund ihrer »Erfahrungen« in Vietnam und anderswo genaue Anweisung, dass es nicht darauf ankomme, die Knochen der Guerilleros zu zertrümmern, sondern darauf, »ihren Geist, ihre Seele zu zerbrechen«. Die brasilianischen Folterknechte jagten die Guerilla entsprechend gnadenlos, bis sie den inneren Kern ermordet hatten und zum Schluss auch deren charismatischen Führer Marighella, der einem erzwungenen Verrat zweier fast zu Tode gefolterter Genossen zum Opfer fiel. (…) Jetzt, wo Brasilien unter dem Faschisten Bolsonaro, einem engen Freund der ehemaligen Militärjunta, ähnlichem Schicksal entgegensteuern könnte, ist dieser Film ein Lehrstück zur rechten Zeit.

Savitri Braeucker, Berlin

Unverhohlen versucht Deutschland, sich in die inneren Angelegenheiten Venezuelas einzumischen, um Profit für seine Eliten zu ergaunern.