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Aus: Ausgabe vom 23.02.2019, Seite 11 / Feuilleton
Ballett

»Ich bin Mann, ich bin Frau, ich bin sie alle«

Tendenz zum Gesamtkunstwerk – der Hamburger Ballettchoreograf John Neumeier wird 80
Von Gisela Sonnenburg
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Der Meister wird nicht müde – John Neumeier und Madoka Sugai während der Ballett-Werkstatt, Februar 2019

Der Gründer des Hamburg-Balletts ist ein Phänomen. John Neumeier, der am 24. Fe­bruar 80 Jahre alt wird, kann auf über 160 Werke, zwei Balletttruppen, eine renommierte Ausbildungsstätte, eine Stiftung und eine umfassende Kunstsammlung blicken. Alles steht im Zeichen des Balletts, des klassischen wie des modernen. Seit 1973 wirkt der Deutschamerikaner in Hamburg, seit den späten 70er Jahren ist er auch mir als Macher eines »Ballettwunders«, wie die Medien es damals nannten, bekannt. Der wundersame Effekt äußerster Kreativität hält an, ungeachtet des hohen Alters des Jubilars: Im aktuellen Monat verzeichnet der Hamburger Ballettspielplan inklusive der Schulauftritte nicht weniger als siebzehn Vorstellungen, darunter zwei Premieren, zwei Repertoirestücke, eine Wiederaufnahme, eine Werkstatt und eine Gala. Andere Ballettensembles vergleichbarer Größe leisten sich gerade mal vier bis sechs Auftritte pro Monat mit höchstens drei verschiedenen Stücken.

Nun ist Ballett eine diffizile Angelegenheit, aufwendig und probenintensiv. Es ist nicht wie beim Sprechtheater, wo ein Stück nach der Premiere kaum noch geprobt wird. Im Ballett ist die Fehlerquote naturgemäß viel höher, darum wird für jede Aufführung mit vollem Einsatz geprobt. Schon die falsche Haltung eines Fingers kann die Linienführung einer Pose versauen. Dazu gilt es, das Zusammenspiel mit der Musik zu beachten, außerdem das Miteinander aller tänzerischen Kräfte auf der Bühne.

Ich bin nicht die einzige Kennerin, die immer wieder Bauklötze staunt, weil das Hamburg Ballett – und zeitweise auch sein kleines Geschwister, das Bundesjugendballett – scheinbar mühelos ein Pensum hinlegt, das jede »normale« Truppe krass überfordern würde. Zwei Aspekte sind interessant: der eigens herangezogene Mitarbeiterstab Neumeiers und die hohe Motivation aller Beschäftigten, vom Pförtner des Ballettzentrums bis zu den Starballerinen der Hamburgischen Staatsoper.

»Der Chef« - so wird Neumeier von vielen intern genannt - vermag mit Charme und Führungskraft, Menschen für sich und seine Sache zu begeistern. Wer nicht bereit ist, alles, aber auch wirklich alles zu geben, wird alsbald gebeten zu gehen. Ballett ist ohnehin nichts für Faulpelze; die anstrengende Akrobatik, die auf der Bühne so schwerelos aussieht, aber auch das in Neumeiers Werk wichtige psychologische Spiel beruhen auf passionierter Arbeit.

In Milwaukee, USA, mit polnischer Abstammung geboren, kam Neumeier über London nach Deutschland. Zuerst nach Stuttgart, wo er als Tänzer begann, dann nach Frankfurt am Main, wo er einer der jüngsten Ballettdirektoren seiner Generation war. Den Hamburgern wurde er mit den Jahrzehnten so etwas wie ein wandelndes Wahrzeichen der Stadt. Dass er sich lange Zeit drei Jahre jünger machte, wurde ihm verziehen, als er es von sich aus eingestand. Eine Diva ist Neumeier im selben Ausmaß wie ein knallharter Geschäftsmann. Vor allem aber ist er Choreograf, mit Tendenz zum Gesamtkunstwerk. Manchmal stammen auch das Lichtdesign, die Kostüme, das Bühnenbild von ihm.

Seine Fans bejubeln diese Stücke gern mit stehenden Ovationen. Man kann ihn den Superstar des zeitgenössischen Balletts nennen. Er könnte sich darauf ausruhen – aber er ist von Arbeit besessen: Sein langjähriger Lebensgefährte, ein Herzchirurg, den Neumeier kürzlich ehelichte, gibt denn auch zu, dass ihre Beziehung sich selbstverständlich nach den beruflichen Terminkalendern richtet. Soeben wurden in Hamburg die Pläne für die nächste Spielzeit verkündet: »Die Glasmenagerie« nach dem Drama von Tennessee Williams wird als Ballett uraufgeführt, und mit »Ein Sommernachtstraum« wird eines der erfolgreichsten Ballette der Tanzgeschichte wieder auf die Bühne kommen.

Und was macht John Neumeier an seinem Geburtstag? Feiern? Ja, aber auf seine Weise: »The World of John Neumeier« heißt die Gala, die er in der Staatsoper moderieren wird. Stars aus dem Tanzgeschäft werden als Gäste auf der Bühne erwartet, zudem gibt es Auszüge aus Neumeier-Balletten wie »Der Nussknacker«, »Die Kameliendame«, »Nijinsky« und »Dritte Sinfonie von Gustav Mahler« zu sehen. Das sinfonische Werk Mahlers hat Neumeier übrigens längst komplett durchchoreografiert, manche Musiken sogar mehrfach.

Mein Lieblingszitat von Neumeier, der am Moskauer Bolschoi-Theater ebenso begehrt ist wie bei der Lyric Opera Chicago, bezieht sich auf den Kreationsvorgang seiner Figuren: »Ich bin Mann, ich bin Frau, ich bin sie alle!« Ein Neumeier überwindet scheinbar alle Grenzen, seinerzeit auch die zwischen BRD und DDR während des Kalten Kriegs: In den Arbeiter-und-Bauern-Staat gelangte seine Kunst mit Gastspielen.

Bis heute baut er Brücken mit seiner ballettösen Kultur, schmiedet Freundschaften zwischen Leuten aus Tokio und Dresden, Sankt Petersburg und Berlin. Dafür sollte man ihm danken, aber auch dafür, dass er das Ballett immer wieder aus seiner etwas verstaubten Ecke herausholt und mit Ideen beseelt, die vor allem einem dienen: der Menschlichkeit.

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