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Aus: Ausgabe vom 23.02.2019, Seite 10 / Feuilleton
Droste

Patientenauflauf in der Knienik

Spitalienische Reise, Teil eins: Lächeln wie der »King of Pop«
Von Wiglaf Droste
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Verabreicht Substanzen, für die man sonst viel Geld bezahlen müsste: Dein Freund, der Anästhesist

Meine lange Reise durch Spitalien führte mich irgendwann auch nach Nürnberg, wo ich meine arthritischen Knie-e in die Obhut eines Operateurs gab, zu dem ich Vertrauen gefasst hatte. Nachdem alles sorgfältig untersucht und durchgesprochen war, willigte ich ein, mich bei ihm unters Messer zu legen. Er war, wie ich, ein Freund offener Worte und weder ein Gesundbeter der Sorte »Alles halb so wild, lassen Sie mich nur machen« noch einer dieser glatten, kaltschnäuzigen Medizyniker, die mit Sprachersatz hausieren gehen: »Wir sehen uns hier als Dienstleister; sagen Sie einfach, was Sie wollen, dann sehen wir, was geht.« – »Behandelt werden wie ein Mensch, nicht wie eine Nummer«, könnte man antworten, aber den Atem kann man sich in solchen Fällen sparen.

Der Operateur schickte mich in die Knie-Klinik, die ich sogleich Knienik taufte, damit sie mir heimeliger würde. Das Vorgespräch mit dem Anästhesisten war lebenswichtig; man möchte nach einer Vollnarkose ja nicht doof oder tot aufwachen. Der junge Mann war hellwach; ich erzählte ihm von einem seiner Kollegen, der mir erzählte, es gebe nichts Schöneres als das Einschlafen in Narkose; man bekäme die gleiche Substanz wie Michael Jackson verabreicht, man schlafe mit einem Lächeln ein und wache mit einem Lächeln auf, und am liebsten hätte er einen kleinen Vorrat davon zu Hause, wenn er wegen seiner Schichtarbeit unter Schlafstörungen litte. Der Anästhesist lächelte etwas wehmütig; ja, das habe er früher auch gesagt, aber – er machte eine kleine Trauerpause – jetzt nicht mehr. Schon klar: Die Medikamente eines »King of Pop« möchte jeder bekommen, die eines an ihnen Verstorbenen niemand. Der Mensch besteht unter seiner äußeren Hülle für gewöhnlich zu wenigstens 90 Prozent aus Angst; fühlt er sie einmal nicht, empfindet er das als Glück.

Dann ging es in die Aufnahme; eine Arzthelferin mit Durchblick blieb trotz hoher Dauerbelastung freundlich und bei der Sache; ständig klingelte ihr Telefon, und einmal sprach sie hinein: »Geht jetzt wirklich nicht. Wir haben Patientenauflauf.« Das freute mich ungeheuer: Patientenauflauf. Den hatte ich noch nie gekocht, aber vielleicht stand er hier auf dem Speiseplan? Beim Anblick mancher Patienten war die Vorstellung, einen Patientenauflauf zu verdrücken und hinterzukauen, stark appetitzügelnd, beim Anblick anderer aber äußerst anregend und nachgerade zum Anbeißen. Würde ich mir postoperativ den Bauch mit Auflauf vom Frischlingspatienten mit Kartoffelscheiben, roter Paprika und Zucchini in einer fein gewürzten Sahnesauce vollschlagen können? Ich war gespannt.

Lesen Sie schon Montag den zweiten und letzten Teil dieser kleinen Fortsetzungsgeschichte: Nachts, wenn der Küchenchef kommt …

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