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Aus: Ausgabe vom 23.02.2019, Seite 4 / Inland
»Auf eigenes Risiko«

»Ronny hat’s richtig gemacht!«

Rassistische und antisemitische Ausfälle des Vorgesetzten: Ehemaliger Zeitarbeiter wehrt sich vor dem Arbeitsgericht in München gegen Kündigung
Von Sebastian Lipp
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Als Pose geschätzt, wer sich aber tatsächlich wehrt, fliegt raus: »Aktionstag gegen Rassismus und Intoleranz« am 5. Mai 2012 in Berlin

Im August 2018 wurde Ronny F. als Leiharbeiter beim Forschungs- und Innovationszentrum von BMW in München eingesetzt, wo er sich gegen rassistische Sprüche eines Kollegen wehrte. Dann wollte ihn der Auftraggeber nicht mehr haben. Nach nur zwei Wochen in der Probezeit erhielt der Leiharbeiter die fristlose Kündigung. Bis heute ist Ronny F. erwerbslos. Doch er geht mit Hilfe der Gewerkschaft Verdi gerichtlich gegen die Kündigung vor und möchte so die Wiederanstellung erzwingen.

Am Freitag befasste sich das Münchner Arbeitsgericht mit dem Fall. Anfangs habe sich Ronny F. rassistische und antisemitische Ausfälle seines Meisters eine Weile angehört. Schließlich war er neu in der Abteilung. Dann sei es ihm aber zuviel geworden. Ronny F. stellte den Mitarbeiter zur Rede und machte sich gegen die Sprüche stark. Der Kollege habe sich jedoch nur noch weiter in seine »Hasstirade« hineingesteigert und ihn ausgelacht. Später sei es auch noch Ronny F. selbst gewesen, der sich rechtfertigen musste. Statt sein Verhalten zu ändern, schwärzte der Meister Ronny F. beim Leiter der Abteilung an, in der beide beschäftigt waren.

»Schlag auf Schlag wird er von einem Termin zum anderen zitiert; wie in einem Tribunal muss er sich sogar noch beschimpfen lassen und wird darauf verwiesen, er habe im Betrieb den Mund zu halten«, schreibt Verdi in einem Flugblatt, das zur Solidarität mit Ronny F. aufruft. »Von einem Tag auf den anderen wird Ronny von BMW abgemeldet, und keine 24 Stunden später kündigt ihm die Leiharbeitsfirma«, heißt es weiter in dem Flugblatt der Gewerkschaft.

Deshalb stellt sich Verdi hinter den ehemaligen Leiharbeiter: »Ronny hat’s richtig gemacht!« heißt es in dem Solidaritätsaufruf. Gemeinsam gehen sie juristisch gegen die Kündigung vor. Denn beide sehen in dem Rausschmiss eine Sanktion gegen Zivilcourage. Das verwundere um so mehr, da es sich sowohl BMW als auch die Leiharbeitsfirma »zum Firmencredo gemacht haben: Kein Rassismus am Arbeitsplatz«, so der Rechtsanwalt des Klägers. Und danach habe der Kläger regelkonform gehandelt.

Auch die Kammer des Münchner Arbeitsgerichtes sah es grundsätzlich als legitim an, für ein »vernünftiges Betriebsklima« zu sorgen: »Da hat man sicher auch ein Recht als Arbeitnehmer, nicht rassistischen Beleidigungen ausgesetzt zu sein«, sagte die Vorsitzende Richterin am Freitag. Mit einer Entscheidung will sich die Kammer aber noch mindestens eine Woche Zeit lassen. Am kommenden Freitag geht der Prozess weiter. Ob dann eine Entscheidung fällt, ist unklar.

Denn die Vertreter der Leiharbeitsfirma hatten kurz vor Schluss der Gerichtsverhandlung am Freitag noch ganz neue Vorwürfe erhoben, wegen derer diese ihren früheren Beschäftigten keinesfalls wieder einstellen könne, wie der es einzuklagen versucht. So habe sich der Kläger mit der Begründung, er trete nur für das Grundgesetz ein, geweigert, sich bei seinem Vorgesetzten für sein Verhalten zu entschuldigen. Außerdem habe er das Ansehen seines ehemaligen »Arbeitgebers« geschädigt. Indem er über die Gewerkschaft die Öffentlichkeit eingeschaltet habe, habe Ronny F. das Leiharbeitsunternehmen in ein schlechtes Licht gerückt.

Mit einer Aussage löste der Rechtsanwalt der Firma am Freitag lautstarke Entrüstung unter den rund 50 Zuschauern aus, die dem Aufruf der Gewerkschaft gefolgt waren, Ronny F. vor Gericht zu unterstützen: Nach Ansicht der Beklagten habe F. »auf eigenes Risiko gehandelt«, als er sich für andere einsetzte.

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