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Aus: Ausgabe vom 20.02.2019, Seite 16 / Sport

Ballern und pullern

Von André Dahlmeyer
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Wieder zu früh gekommen: River-Fan vor dem großen Copa-Libertadores-Finale 2018

Einen wunderschönen guten Morgen! Die Superliga Argentina de Fútbol (SAF) ist zweifellos eine der meist umkämpften Superligen der Welt. Kein Zentimeter wird dort preisgegeben, jeder kann jeden schlagen. So kam die Titelverteidigung der Boca Juniors letzte Saison einer kleinen Sensation gleich, denn erst zum dritten Mal war das einem Klub gelungen (zweimal hieß der Klub Boca Juniors).

Während immer mehr Leute über die gähnende Langeweile in den europäischen Ligen frotzeln, wo das Wort Serienmeister schal nach »von der Stange« klingt, regiert in Argentinien und im Rest des südamerikanischen Subkontinents der gute alte »Amateurismo«. In Argentinien etwa haben viele Klubs nicht einmal warme Duschen. Bei Trinkpausen rennen Spieler wie von der Tarantel gestochen in die Umkleide – angeblich zum Pinkeln. Es sind allerdings auch schon welche beim Paffen auf dem Lokus erwischt worden. Die piekfeinen Jungs mit den Nadelstreifen und den Übertragungsrechten am Hacken und im Geldbeutel raufen sich die Haare, als hätte es Struwwelpeter nie gegeben. Ad hoc assoziiert man an dieser Stelle Jórge Sampaoli, der dieselben Nichtversteuerungsgepflogenheiten pflegt, doch so weit ich weiß, hat der Mann, der jüngst zum bestbezahlten Vereinstrainer Brasiliens (FC Santos) avancierte, noch keine internationalen Übertragungsrechte ergaunert. Aber was weiß man schon wirklich, und außerdem trägt »Sampa« bekanntlich Platte. Das ist ja der große Bluff. So spaltet man die Massen. Die einen denken, der Mann hat nichts zu verbergen, er kredenzt uns seinen kahlen Schädel – ein Ghandi. Die anderen: Arme Sau, da wächst nicht mal Petersilie. Klingt weder nach Paradies noch nach Steuer, und wieso wird das überhaupt zusammen geschrieben, sakra!

Zurück zum Ballern und Pullern. Als am Sonntag Copa-Libertadores-Gewinner River Plate im Süden von Groß-Buenos-Aires bei Banfield antrat und die Flutlichtanlage wieder mal komplett ausfiel, obwohl der Rest des Barrios unübersehbar unter Strom stand, warf River-Trainer Marcelo »Püppchen« Gallardo seinem Gegenüber und ehemaligen River-Mannschaftskameraden Hérnan Crespo – neuerdings Trainer Banfields – vor, das Licht sei absichtlich ausgeschaltet worden, weil ein Banfield-Spieler Dünnpfiff gehabt hätte. Der ehemalige Parma-Star Créspo maß dem scheinbar nicht viel Aufmerksamkeit bei, klärte die anwesenden Journalisten dann aber doch darüber auf, dass er früher viel »Truco« (argentinisches Kartenspiel, bei dem der gewinnt, der am besten schummelt) mit Gallardo gespielt und dieser immer gewonnen habe. Picardía pura.

Es war das erste Fußballspiel, das Créspo gegen den Klub, der ihn ausgebildet hatte, als Trainer leitete. Am Ende stand es 1:1, weil der als Baumstamm verkleidete Lucas Pratto (River) kurz vor Schluss einen Strafstoß per Nachschuss doch noch verwandelte. Nebenbei bemerkt: Für River, das keine Titelchancen mehr hat, ein höchst schmeichelhaftes Resultat.

Nach dem 1:0 bei Gimnasia y Esgrima in La Plata ist Defensa y Justicia aus Florencio Varela der neue Spitzenreiter Argentiniens. Racing Club konnte nach Punkten in einem Heimspiel gegen Vizemeister Godoy Cruz (Mendoza) gleichziehen. Der Tabellendritte Boca Juniors hat bereits zehn Punkte Rückstand auf Defensa, aber heute noch ein Nachholspiel gegen Atlético Tucumán, den Tabellenvierten. Am Wochenende darf Boca bei Defensa antreten. 21 Punkte werden noch ausgekickt. Am letzten Spieltag empfängt Defensa den Racing Club. Horrido!

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