Gegründet 1947 Sa. / So., 20. / 21. April 2019, Nr. 93
Die junge Welt wird von 2181 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 19.02.2019, Seite 10 / Feuilleton
Pop

»Ich bin eine Krise«

Klimpert, treibt, ufert aus: Die Türen und ihr kluges Krautrockalbum »Exoterik«
Von René Hamann
tueren_folien_foto_quer.jpg
Wo gibt's die Pillen?

Da kennt sich ja keiner mehr aus! Die Türen, Der Mann, Maurice & Die Familie Summen – geradezu verschwenderisch ist Maurice Summen, der Mann hinter all diesen Projekten, mit seinem Output in den letzten Jahren umgegangen. Und man fragte sich allmählich, ob das eine neue Strategie war, Musik auf so viele Kanäle zu kippen. Auch sein Label Staatsakt arbeitet nach der Füllhornmethode, die Acts geben sich in dem kleinen Büro in Berlin-Prenzlauer Berg munter die Klinke in die Hand.

Inzwischen ist Staatsakt so etwas wie ein Imperium; fast alle, die jenseits von Marc Forster deutschsprachige zeitgemäße Musik veröffentlicht und früher einmal dem Spektrum Diskursrock oder Hamburger Schule zuzurechnen war, sind inzwischen bei Staatsakt. Die Regierung, Christiane Rösinger, Peter Licht, Jens Friebe, Dagobert, Barbara Morgenstern, Andreas Dorau, Isolation Berlin, International Music – you name it. Eine Heimstatt für anderswo geschasste, übersehene oder ausrangierte Künstler, auch das ist Staatsakt geworden. Ein Monopolist im Untergrund. Und von diesem Label aus werden natürlich auch weitere Bündnisse geschmiedet, Kooperationen eingegangen, Brücken zu anderen Musiken gebaut: Andreas Spechtl von Ja, Panik ist bereits seit »ABCDEFGHIJKLMNOPQRSTUVWXYZ« Mitglied der Türen, der Schlagzeuger und Solist Chris Imler sowie Tastenmann Michael Mühlhaus (Blumfeld) ebenso. Indie-Berlin scheint jenseits von Staatsakt kaum noch zu existieren, auch wenn Die Türen selbst es wahrscheinlich nicht mehr schaffen, als echte Berliner Band durchzugehen. Sie werden wohl auf ewig den Nimbus der Zugezogenen tragen.

Für das neue Album »Exoterik« ist man eigens ins Umland gezogen, raus aus der Stadt, für ein paar Wochen. Ganz so, wie das beim Krautrock üblich war – die Flucht aufs Land, die Suche nach dem kleinsten gemeinsamen Kreativen in der Landkommune. Was von Düsseldorf oder Köln aus das Bergische Land war (und nicht die Eifel, die ist für die Leute aus dem Karneval und Schlager da, hallo Thomas D.), ist für Berlin die Uckermark. Den Krautrock hört man der ausufernden Platte (drei LPs, fast zwei Stunden Musik) natürlich in aller Breite und Ausführlichkeit an. Es schlingert, pluckert, fiept, klimpert, treibt und ufert aus. Es gibt die bei Krautrockstücken handelsüblichen Längen: Ob die drei Teile des Titelstücks »Exoterik« nötig gewesen wären, sei mal dahingestellt. Im wesentlichen halten sich Die Türen jedoch kurz. Im wesentlichen bedeutet hier: bei den Lyrics. Summen selbst hat sich für einen durchgehenden Ein-Satz-Sloganism entschieden; kurze, knappe Texte, die große Zusammenhänge auf den Punkt bringen, was meist eine politische Note hat (vielleicht auch erst auf den zweiten Blick).

Musterbeispiele mit Popappeal sind besonders der Hit »Miete, Strom, Gas« (nach einem Bildtitel des Malers Martin Kippenberger), dessen Text eben nur aus diesen drei Wörtern besteht, und das hinreißende »Ich bin eine Krise«, wo es heißt: »Keine Zeit, keine Liebe, kein Glück / Keine Zeit, kein Geld, kein Glück / Ich bin eine Krise.« Gelungene Reduktion von Komplexität, ganz im Luhmannschen Sinne, könnte man sagen.

Was bliebe, wäre die Musik: Erstaunlich ist, wie kompakt, stimmig und wie aus einem Guss die Musik der Türen hier klingt. Und überhaupt nicht epigonal – die Türen der Wahrnehmung sind scheunentorweit geöffnet. Ausflüge ins Technoide gibt es auch, sie werden aber – wie in »Rave Regime« – halbironisch wieder zurückgenommen. Hin und wieder lässt das Einsilbige an lang vergessene, nicht minder tolle Werke der Neuen Deutschen Welle denken (»Herbergsvater« von Joachim Witt!). Überhaupt, ihres Humors sind die Türen keineswegs verlustig gegangen, wie auch der Abschluss mit »Oma«, »Lake Angela« und »Irgendwo hingelegt« belegt.

Ein zwei Stunden langes Brandenburgisches Konzert im Zeichen des Wildwuchses also. Ob das reicht, verlorengegangenes Terrain auf den weiten Feldern des Diskurses wieder fruchtbar zu machen, wird sich zeigen müssen. Aber das augenzwinkernde »Zurück zur Natur!«, das könnte schon der Slogan der Stunde sein. So gesehen.

Die Türen: »Exoterik« (Staatsakt/Caroline)

Regio:

Mehr aus: Feuilleton