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Aus: Ausgabe vom 18.02.2019, Seite 10 / Feuilleton

Als Herr Groll ins Gefängnis wollte

Von Erwin Riess
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»Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt, sagte der Dozent und lachte«

Der Dozent traf Herrn Groll vor dem Bezirksgefängnis Floridsdorf, Grolls Lebensbezirk in Wien. Den Ausdruck Heimatbezirk lehnte Herr Groll ab, denn ein Bezirk mit 150.000 Einwohnern, in dem die FPÖ die traditionell rechte Sozialdemokratie bei Wahlen egalisiert hatte, konnte niemals Heimat sein. Dass die erste Dampfschiffswerft der Monarchie auf dem Gebiet des heutigen Floridsdorf gelegen und die erste Eisenbahnstrecke hindurchgeführt hatte, konnte an diesem Befund nicht ändern.

Der Dozent wusste, warum Herr Groll einmal im Jahr den Platz vor dem Gefängnis aufsuchte. Nicht des Bürgerkriegs wegen, der am 12. Fe­bruar 1934 auch in Floridsdorf getobt hatte, sondern aus einem traurigen privaten Grund. Am 12. Februar 2010 wurde Herr Groll von einem jungen blonden Polizisten eines Verbrechens überführt. Er, Groll, saß betrunken hinter dem Steuer seines alten Renault 5 Automatic. Zwar war Groll nur fünfhundert Meter von einem Heurigenlokal nach Hause gefahren; weil er ein Gipsbein hatte und es stark regnete, und der Gips sich im Regen aufgelöst hätte. Tatsache war: Er hatte mit 1,24 Promille seinen Wagen in Betrieb genommen. Der ältere Kollege des Polizisten plädierte in diesem speziellen Fall für eine Verwarnung, doch der junge blonde kannte keine Gnade, Groll war seinen Führerschein los. Und so stand Grolls Wagen vor seiner Wohnung und konnte nicht benutzt werden.

Für einen Rollstuhlfahrer mit Verpflichtungen im Bundesgebiet waren vier Monate Fahrverbot die Hölle, denn die öffentlichen Verkehrsmittel sind nur sehr partiell barrierefrei. Er werde den Wagen unbefugt in Betrieb nehmen und den Schein für immer verlieren, befürchtete Groll. Um diesem Schicksal zu entgehen, begehrte er am 12. Februar 2010 wegen Gefahr im Verzug seine umgehende Einlieferung ins Bezirksgefängnis. Wegen mutwilliger Inanspruchnahme einer Behörde erhielt er eine Ordnungsstrafe und kehrte als gebrochener Mann in seine Gemeindewohnung zurück.

Der Dozent stand ihm an jedem Jahrestag bei der Erinnerungsarbeit zur Seite. Für ihn hatte Groll alles richtig gemacht, er hatte sich, wenngleich etwas skurril, gegen das Schicksal gewehrt. Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt, sagte der Dozent und lachte.

Groll war nicht zum Lachen zumute. »Dieser bewusste Satz«, sagte er, »war einer der Sätze, die meine Jugend verzauberten wie ein Frühlingswind, der den Geruch der Geliebten bringt. Und lange Jahre bin ich mit diesem Satz, der keine Einschränkung brauchte, gut gefahren. Mittlerweile ist der Satz aber eine Kampflosung der extremen Rechten, und so steuert diese unschuldige wie vieldeutige Losung in eine gesellschaftliche Mitte, die es nicht mehr gibt.«

Der Dozent nahm eine Eintragung in seinem Notizbuch vor. Herr Groll fuhr fort.

»Das Einverständnis mit den herrschenden Zuständen war für mich nie eine Option, dazu war ich zu sehr Außenseiter. Früh schon habe ich aber gelernt, diese Position für mich und andere fruchtbar zu machen. Die seinerzeitigen Machtverhältnisse, die in ihrer Borniertheit auch nicht ohne waren, haben das zugelassen. Heutzutage will man uns einreden, dass die großen Entwürfe morsche Äste am Baum der Geschichte wären. Wer sich in einer Zeit, in der das Leben dem Takt von Algorithmen folgt, der Kritik der Praxis unterzieht, liefert sich gleichzeitig ans Messer. Das allgegenwärtige Datenröntgen bringt alles ans Licht. In den Händen eines missgünstigen und ressentimentgeladenen Staatspersonals, das bei Personalvertretungswahlen der FPÖ eine Zweidrittelmehrheit beschert, wandelt der kleinste Datenzipfel sich zum tödlichen Schwerthieb. In einer Zeit, in der aufgeklärte, kluge und tolerante Sicherheitsbehörden unverzichtbar wären, machen sich statt dessen autoritäre, stumpfsinnige und hasserfüllte Spießbürger in den Polizeiwachstuben, Justizorganen und ministeriellen Stäben jener Staatsorgane breit, die über die Einhaltung von Menschenrechten und demokratischen Verkehrsformen wachen sollten. Die den Rechtsstaat, der nur als Sozialstaat existieren kann, verteidigen müssten, sind zu dessen Abrissbirnen verkommen.«

Der Dozent sah überrascht auf. Ein grüner Kastenwagen näherte sich unter Blaulicht dem Gefängnistor.

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