Gegründet 1947 Donnerstag, 21. März 2019, Nr. 68
Die junge Welt wird von 2173 GenossInnen herausgegeben

Eine gute Sache

Von Mumia Abu-Jamal
MLK_Day_Oklahoma_60064705.jpg
Ob sie junge Radikale sind, ist ungewiss: Teilnehmer einer Gedenkveranstaltung für Martin Luther King am 21. Januar in Wagoner

Ich bin oft amüsiert, wenn ich lese, höre oder sehe, wie ein Politiker seine politischen Gegner als »radikal« kritisiert. Das soll die so Gescholtenen als irgendwie komisch geartete, schräge Vögel darstellen und in der politischen Auseinandersetzung isolieren. Aber was wäre die Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika ohne die sogenannten Radikalen? Sie waren im Verlauf dieser Geschichte so verbreitet wie Präriegras. Wie hätte diese neue Nation auch ohne diese Radikalen geboren werden können, die bereit waren, sich militant gegen die britische Krone aufzulehnen und deren Truppen aus den amerikanischen Kolonien zu vertreiben? In dieser Epoche des 18. Jahrhunderts war Europa noch von den feudalen Erbmonarchien mächtiger Königshäuser beherrscht.

Nach dem Amerikanischen Bürgerkrieg (1861–1865) waren es die Anhänger der Republikanischen Partei, die sich als Radikale der Sklaverei widersetzten. Sie kämpften dafür, dass die aus Afrika verschleppten Sklaven als Bürger der Vereinigten Staaten anerkannt wurden und das Wahlrecht erhielten. Dagegen und für die uneingeschränkte Herrschaft der Weißen kämpften die Demokraten, ohne deren Partei die rassistische Terrororganisation Ku Klux Klan nicht Angst und Schrecken hätte verbreiten können. Es waren also auch in dieser Zeit Radikale, die für die Ideale der Freiheit gegen Könige und Kaiser und für ein Ende der Sklaverei kämpften.

Unter dem republikanischen US-Präsidentschaftskandidaten Rutherford Hayes riss die Republikanische Partei 1877 das Ruder herum und verriet die schwarzen Republikaner des Nordens und die Schwarzen in den früheren Sklavenhalterstaaten im Süden der USA. Diese politische Kehrtwende der ehemaligen glühenden radikalen Gegner der Sklaverei schaffte erst die Voraussetzung für den Aufstieg der Demokraten und ihre politische Autonomie. Die Armee der Nordstaaten, die 1865 den Sieg über die Südstaaten der Konföderierten errungen hatte, verließ den Süden der Plantagenwirtschaft und überließ die vielen dort lebenden Schwarzen schutzlos dem weißen Terror. Der Radikalismus aufrechter US-Bürger schien offenbar an seine Grenze gestoßen zu sein.

In den 1960er Jahren gingen dann aus der unterdrückten schwarzen Bevölkerung radikale Kräfte hervor, die im Norden und im Süden einen entschlossenen Freiheitskampf aufnahmen. Wie aus den Lehren der Geschichte zu erwarten war, wurden auch sie von politischen Kräften der US-Gesellschaft verraten, die meist von republikanischen Politikern angeführt wurden. Fortschrittliche Radikale wie Reverend Martin Luther King Jr., Malcolm X, Huey Percy Newton und Tausende andere kämpften für die Freiheit der Schwarzen. Andere Radikale kämpften für ein Ende des Krieges der USA in Vietnam.

Was lernen wir daraus? Radikale und Revolutionäre kämpften seit jeher für die Befreiung von allen Formen der Unterdrückung. Und, soweit ich es selbst miterlebt und gesehen habe, war das eine gute Sache.

Übersetzung: Jürgen Heiser

Ähnliche:

  • Zwangsarbeit: Gefangene verlegen 2014 in Kalifornien Wasserleitu...
    21.08.2018

    Sklaverei beenden

    Gefangene in den USA wehren sich mit einem Streik gegen Zwangsarbeit und Ausbeutung. Aufruf zur Solidarität
  • 2015 wurde vor dem UN-Hauptquartier in New York ein Denkmal für ...
    13.08.2018

    Kapitalismus und Sklaverei

    Ohne den Massenmord an Afrikanern hätten sich die USA und Europa nicht entwickelt
  • Demonstration gegen Rassismus am 30. September in Washington
    30.10.2017

    Der richtige Zeitpunkt

    Gegner der Sklaverei wurden im 19. Jahrhundert als »Verrückte« bezeichnet

Regio:

Mehr aus: Ausland