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Aus: Ausgabe vom 18.02.2019, Seite 5 / Inland
Autoindustrie

Peitsche knallt in Wolfsburg

VW zieht wegen sinkender Verkaufszahlen die Reißleine. Im Stammwerk soll Produktivität jährlich um fünf Prozent gesteigert werden
Von Stephan Krull
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Bei VW soll weniger Personal am besten schneller Autos bauen (Werk in Wolfsburg, 30.10.2017)

Bei Volkswagen soll die Produktivität im Stammwerk Wolfsburg im Zeitraum von 2016 bis 2020 jährlich um fünf Prozent erhöht werden. Durch mehrere Maßnahmen sollen so 186 Millionen Euro eingespart werden, wie ein Unternehmenssprecher am Donnerstag mitteilte.

Effizienz oder Produktivität bedeutet, mit derselben Beschäftigtenzahl mehr zu produzieren, oder die gleiche Produktion mit weniger Beschäftigten zu erzielen. Die Rate von fünf Prozent Produktivitätssteigerung pro Jahr soll für alle Werke der Marke Volkswagen bis 2025 fortgesetzt werden – was dann in der Dekade von 2016 bis 2025 eine Produktivitätssteigerung von mehr als 50 Prozent bedeuten würde.

Entweder, der Absatz kann entsprechend erhöht werden, oder Personal wird in entsprechendem Umfang abgebaut. Dies hätte entweder zur Folge, dass Hunderttausende Autos mehr gebaut werden oder Zehntausende Beschäftigte weniger in den Fabriken arbeiten müssten. Wenn es nicht ganz böse für die Beschäftigten kommt, wird es etwas von beidem sein: Absatzerhöhung in den Segmenten SUV und Elektroautos, Personalabbau in den ausländischen und all jenen Fabriken, in denen das mittlere Segment produziert wird.

Diese Aussicht führt im Betrieb – trotz des mit der Gewerkschaft vereinbarten Ausschlusses von betriebsbedingten Kündigungen teilweise bis 2028 – zu Unsicherheit und Angst. Was ist, wenn es schlimmer kommt? Aus verschiedenen Abteilungen wird berichtet, dass die Kollegen zu Gesprächen geladen werden, in denen sie für zukünftige Entscheidungen bereits jetzt um Verständnis gebeten werden.

Ein Blick auf die jüngsten Entwicklungen am Automarkt und ein Blick in die Autofabrik selbst hilft bei der Einordnung der Vorgänge. Nach Jahren der Stagnation bzw. des nur leichten Wachstums gibt es einen spürbaren Einbruch bei den Verkaufszahlen. Das Kraftfahrtbundesamt hatte für 2018 einen Rückgang der Neuzulassungen um 0,2 Prozent gemeldet und teilte am 8. Januar mit: »Im Jahr 2018 wurden 63,6 Prozent der Neuwagen gewerblich und 36,4 Prozent privat zugelassen.« Zuwächse auf dem deutschen Markt gebe es nur beim Daimler-Modell Smart (plus 11,9 Prozent) und dem Mini von BMW (plus 8,1 Prozent), starke Rückgänge bei Audi um 9,9 Prozent und Opel (minus 6,5 Prozent).

Diese Entwicklung setzt sich in den ersten Wochen des Jahres 2019 fort. Der Absatz auf dem Weltmarkt sank um 1,4 Prozent. Die Nachfrage nach VW-Autos sank um 3,4 Prozent. Die Wolfsburger konnten in Westeuropa 4,8 Prozent weniger Pkw verkaufen, in den USA sank der Absatz um 8,6 Prozent und in Deutschland sogar um 9,2 Prozent. Wie anfällig das Unternehmen ist, wird daran deutlich, dass inzwischen mehr als 40 Prozent des Absatzes in China erfolgen.

Das neue Jahr begann mit Kurzarbeit und Produktionseinschränkungen für die Beschäftigten bei VW, Ford und Opel. Die ersten beiden Wochen liefen fast nirgendwo die Fließbänder. Die Freizeitkonten waren leergefegt, bevor das Jahr begonnen hat. Fast 1.000 Leiharbeiter wurden bei VW entlassen, mehr als 500 Leiharbeitern wurde angeboten, an weit entfernten Standorten zu arbeiten. Auch bei Daimler wurde 800 Leiharbeitern gekündigt, bzw. werden sie nicht weiterbeschäftigt. Ein wesentlicher Beitrag zum »sozialverträglichen« Personalabbau ist der Nichtersatz der natürlichen Fluktuation – allein in den sechs VW-Werken in Wolfsburg, Braunschweig, Salzgitter, Kassel, Hannover und Emden sind das fast 1.000 Beschäftigte pro Jahr.

Erreicht werden sollen Effizienzsteigerung und Kostensenkung unter anderem durch schlankere und automatisierte Prozesse und weniger Arbeitsschritte. Die Automatisierung und so auch die Produktivitätssteigerung in den direkten Bereichen Presswerk, Karosseriebau, Lackiererei und Montagen sind weitgehend ausgereizt. Die Belastung der Beschäftigten ist außerordentlich hoch. Hier sind kaum weitere Reserven zu erschließen – und wenn, dann nur zu Lasten der Gesundheit der Beschäftigten. Wo sollen dann die Produktivitätssprünge herkommen? Im nächsten Schritt wird absehbar die Beschäftigung in den indirekten Bereichen reduziert werden, vom Meister in der Fertigung über die Arbeitsvorbereitung und die Servicebereiche bis hin zur Personalabteilung: Arbeitsverdichtung und Outsourcing machen vor den Beschäftigten im Büro nicht halt. Der geplante Abbau der Belegschaften in den Werken Emden und Hannover im Zuge der Umstellung auf Elektrofahrzeuge ist in diese Personalentwicklung schon mit eingerechnet.

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