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Aus: Ausgabe vom 18.02.2019, Seite 4 / Inland
Paragraph 219 a und Abtreibungen

Reaktionärer Feldzug

Abtreibungsgegner, der Ärzte denunzierte, klagt gegen ehemalige Linke-Politikerin
Von Kristian Stemmler
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Plakat über Yannic Hendricks an der Fassade der Roten Flora in Hamburg

Yannic Hendricks, ein Mathematikstudent aus dem nordrhein-westfälischen Kleve, ist einer von zwei Abtreibungsgegnern hierzulande, die bereits Dutzende von Ärztinnen und Ärzten angezeigt haben. Darunter ist auch die Gießener Ärztin Kristina Hänel, deren Prozess die Debatte um den Paragraphen 219 a StGB erst ins Rollen brachte. Das Vorgehen des Studenten: Er durchforstet die Websites von Praxen und sucht nach Informationen über Schwangerschaftsabbrüche, die aus seiner Sicht gegen den Paragraphen 219 a verstoßen. So leichtfertig er andere denunziert, so empfindlich ist Hendricks, wenn es um seine Person geht. Als die Journalistin Kersten Artus, Vorsitzende des Vereins »Pro familia« in Hamburg und ehemalige Abgeordnete der dortigen Bürgerschaft für Die Linke, seinen Namen öffentlich machte, zerrte er sie vor den Kadi.

Am Freitag sollte die im August 2018 eingereichte Klage vor der Pressekammer des Landgerichts Hamburg verhandelt werden, doch die Verhandlung wurde verschoben. Das Gericht habe den Termin am Montag abgesagt, weil die Gegenseite die Klage wegen eines Tweets erweitern wolle, sagte Artus vergangene Woche gegenüber jW. In der Kurznachricht hatte die Journalistin einen Bericht des Hamburger Abendblattes über das Verfahren verbreitet, in dem Hendricks mit vollem Namen genannt wird.

Aus Sicht der Gegenseite müsse der Streitwert jetzt neu festgelegt werden, so Artus weiter. Bisher liege der in dem Verfahren bei 35.000 Euro. Artus vermutet, dass hinter der kurzfristigen Terminverschiebung allerdings auch noch andere Motive stecken könnten. »Die Klageerweiterung hätte ohne weiteres während der Gerichtsverhandlung vorgenommen werden können«, betonte sie. Man bekomme den Eindruck, dass angesichts der öffentlichen Aufmerksamkeit »jemand ziemlich kalte Füße bekommen hat«.

Tatsächlich hat der Student mit seiner Zivilklage genau das erreicht, was er angeblich vermeiden wollte: einen erheblichen Wirbel um seine Person. Zahlreiche Medien haben in den vergangenen Wochen über das Treiben von Yannic Hendricks berichtet und dabei seinen vollen Namen genannt. Seit einigen Tagen prangt auch noch an der Fassade des autonomen Kulturzentrums Rote Flora im Hamburger Schanzenviertel ein großes Plakat mit seinem Konterfei und seinem Namen, das auf den Prozess gegen Artus aufmerksam macht.

Der Auslöser für Hendricks’ Klage liegt bereits länger zurück. Im Ap ril 2018 schrieb Kersten Artus, die die Solidaritätswebsite und den Facebook-­Account für die von Anzeigen betroffenen Medizinern betreut, auf Facebook über den Hintergrund der Anzeigen, bei »diesem Herrn, der seinen Namen nicht nennen will«, könne es sich nur um Yannic Hendricks handeln. Im Juli bekam sie daraufhin vom Anwalt des Studenten eine Unterlassungserklärung übersandt. Weil sie nicht daran dachte, die zu unterschreiben, kam es zur Klage.

So grotesk der Vorgang sei, erklärte Artus gegenüber jW, müsse man die Aktivitäten der Abtreibungsgegner doch ernst nehmen. Es seien Menschen, »die Frauen jedes Recht am eigenen Körper absprechen«, die einen »Kulturkampf« führten. Wenn etwa Gruppen von sogenannten Lebensschützern vor der Praxis von Kristina Hänel »für das ungeborene Leben« beteten, sei das »Psychoterror« für die betroffenen Frauen. Auch die Beraterinnen von »Pro familia« belaste das Vorgehen der Abtreibungsgegner. Die vom Bundeskabinett mittlerweile im Grundsatz abgesegnete Abmilderung des Paragraphen 219 a reiche nicht aus, betonte Artus: »Die Haltung von Pro familia ist da eindeutig: 219 a muss weg!«

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