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Aus: Ausgabe vom 15.02.2019, Seite 12 / Thema
Afghanistan

In die Falle gelockt

Vor 30 Jahren endete die sowjetische Intervention in Afghanistan. Die USA hatten den Konflikt bewusst angeheizt, um ihren Gegner zu schwächen
Von Reinhard Lauterbach
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15.000 sowjetische Soldaten fielen zwischen 1979 und 1989 in Afghanistan – Angehörige der Streitkräfte nach dem Abzug in der Nähe der usbekischen Stadt Termes, 30 Kilometer nördlich der afghanischen Grenze (Aufnahme vom März 1989)

Der 15. Februar 1989 war ein sonniger Wintertag. Das sowjetische Fernsehen übertrug live aus Termes, Usbekistan: eine Kolonne von Radpanzern, die über die kombinierte Straßen- und Eisenbahnbrücke über den Grenzfluss Amudarja aus Afghanistan zurück in die Heimat rollte. Erst wenige Jahre zuvor hatten sowjetische Pioniertruppen die Brücke gebaut, um den Nachschub ins südliche Nachbarland zu erleichtern. Die Brücke mit roten Fahnen dekoriert, die Panzer mit Transparenten behängt, die Soldaten mit Sträußen roter Nelken in der Hand. Als letzter überquerte General Boris Gromow, der Kommandeur der 40. Armee, die Brücke – zu Fuß. Am Abend gab es ein Konzert des patriotischen Liedermachers Alexander Rosenbaum im »Haus der Offiziere«. Nach neun Jahren und knapp zwei Monaten beendete die UdSSR ihre militärische Intervention im Bürgerkrieg des südlichen Nachbarlandes. ­»Mission accomplished«, sollten die Bilder suggerieren.

Doch die Inszenierung täuschte. Tatsächlich war die afghanische Operation aus sowjetischer Sicht zum Desaster geworden. 15.000 eigene Soldaten waren gefallen, rund 200.000 verletzt worden. Auf afghanischer Seite waren die Opferzahlen noch wesentlich höher. Geschätzt werden bis zu zwei Millionen Tote, überwiegend Zivilisten. Trotz der hohen Verluste war das unmittelbare militärische Ziel nicht erreicht worden: den islamisch-fundamentalistischen Widerstand gegen die mit Moskau verbündete afghanische Regierung zu brechen. Es war der längste Krieg, an dem die Sowjetunion beteiligt war, und der einzige, der für sie mit einer direkten militärischen Niederlage endete.

Die sowjetische Führung war widerwillig in diese Intervention hineingegangen. Wegen seiner geographischen Unzugänglichkeit war Afghanistan bei der kolonialen Aufteilung der Welt sozusagen übriggeblieben. Ein britischer Eroberungsversuch von Indien aus war 1842 unter hohen Verlusten gescheitert; legendär war die Rückkehr eines einzigen Mitglieds des britischen Expeditionskorps zur Basis in Dschalalabad. Theodor Fontane hat seinerzeit das Ereignis in einer Ballade verewigt: »Mit dreizehntausend der Zug begann / Einer kam heim aus Afghanistan.«

Die Sowjetunion hatte schon kurz nach der Oktoberrevolution diplomatische Beziehungen zum damaligen afghanischen Königshaus aufgenommen, und so war das Land über die Jahrzehnte ein locker mit der UdSSR verbündeter Staat gewesen. Wegen seiner katastrophalen Rückständigkeit war es aber für die Sowjetunion von keinem größeren strategischen Interesse.

Feudale Verhältnisse

Als der britische Premier Winston Churchill im Herbst 1941 vorschlug, die Sowjetunion solle das Land doch besetzen, um es vor einem deutschen Zugriff – und damit das britische Kolonialreich in Indien vor diesem – zu schützen, winkte Außenminister Wjatscheslaw Molotow ab: »In Afghanistan gegen Banden und Weißgardisten zu kämpfen, hieße, einen Krieg in Zentralasien zu provozieren; davon hätten nur Deutschland und Japan Vorteile. Das würde unser Ansehen im Orient untergraben und das Hinterland der Roten Armee destabilisieren.«¹

90 Prozent der Bevölkerung Afghanistans waren noch in den 1970er Jahren Analphabeten, es gab im ganzen Land nur 3.600 Krankenhausbetten. Außerhalb der Städte herrschte eine Mischung aus Stammesgesellschaft und Feudalismus. Drei Viertel der Bauern besaßen kein eigenes Land und bestellten die Felder von Großgrundbesitzern. Spätere Analysen sowjetischer Experten kamen zu dem Ergebnis, dass nur ein Sechstel des Arbeitsertrags bei den bäuerlichen Familien verblieb. In Verbindung mit der niedrigen Arbeitsproduktivität macht dies das Ausmaß des Elends im Land deutlich. Wer etwas Boden besaß, war in der Regel hoch verschuldet. Eine industrielle Arbeiterklasse gab es mangels Industrie nicht.

Aus der Handelsbourgeoisie sonderte sich eine zahlenmäßig kleine Intelligenz ab, und aus dieser rekrutierte sich in den 1960er Jahren eine kleine kommunistische Kaderpartei: 1965 wurde in der Privatwohnung des Schriftstellers Nur Taraki in Kabul von einigen Dutzend Anwesenden die »Demokratische Volkspartei Afghanistans« (DVPA) gegründet. Die KPdSU soll dabei unmittelbare Hilfestellung geleistet haben.² Die DVPA spaltete sich schnell in zwei rivalisierende Fraktionen: »Chalk« (Volk) und »Partscham« (Banner – nach dem Titel des Parteiorgans). »Chalk«, die Fraktion, die von Taraki und dessen Stellvertreter Hafizullah Amin geleitet wurde, galt der Sowjetunion als »leninistisch«, »Partscham« eher politischen Kompromissen zugeneigt. Sowjetische Geheimdienstler verorteten »Chalk« im Kleinbürgertum, für das eine Karriere in der Armee die einzige Aufstiegschance darstellte; »Partscham« rekrutiere sich eher aus der Intelligenz und den »besseren Ständen«.³ Die sowjetischen Funktionäre, die die DVPA betreuten, monierten allerdings generell ein niedriges theoretisches Niveau der afghanischen Genossen und eine geringe Fähigkeit zu praktischer Arbeit. Statt dessen überwögen persönliche Rivalitäten, unterlegt durch nationale Gegensätze innerhalb der Führung.

Als 1973 Mohammed Daud, ein Verwandter von König Zahir Schah, den Monarchen absetzte und die Republik ausrief, nahm er die DVPA in seine Regierungskoalition auf. Die Zusammenarbeit dauerte aber nur kurz; einige Quellen sagen, die USA und Saudi-Arabien hätten Druck auf Daud ausgeübt, sich seines kommunistischen Partners zu entledigen.⁴ Mitte der 1970er Jahre wurde die Parteiführung, soweit sie nicht ins sowjetische Exil geflohen war, inhaftiert. Die im Lande verbliebenen Kader planten daraufhin einen Aufstand, der am 27. April 1978 erfolgreich war. Sie proklamierten die »Demokratische Volksrepublik Afghanistan« und den Aufbau des Sozialismus als Ziel. Taraki wurde Regierungschef, Amin Leiter von Armee und Geheimdienst. Der sowjetische Geheimdienst machte sich keine Illusionen und sprach von einer »Palastrevolution mit Unterstützung der Armee und eines Teils des Kleinbürgertums«.⁵

An Entschlossenheit ließen es die afghanischen Kommunisten nicht fehlen. Das enorme Modernisierungsdefzit des Landes veranlasste sie, die vorgefundenen Verhältnisse an allen Fronten gleichzeitig anzugreifen. Eine Landreform verteilte den Boden der Grundbesitzer, alle Schulden der Bauern wurden gestrichen, ein neues Familienrecht stellte die Frauen den Männern gleich, verordnete die Schulpflicht für alle, erhöhte das Mindestalter für Heiraten für Mädchen auf 16 Jahre und verbot jahrhundertealte patriarchalische Bräuche wie Brautpreis oder Mitgift.

Gescheiterte Reformen

Damit machten sich die Kommunisten nicht nur die besitzenden Klassen des Landes zum Feind. Auch bei einem Großteil der Armen stießen die Neuerungen auf kein Verständnis. Überdies blieben rasche Erfolge aus. Die Bilanz der Landreform illustriert das Dilemma. Innerhalb des ersten Jahres der afghanischen Volksdemokratie wurden 35.000 Grundbesitzer um 740.000 Hektar Land enteignet; das ergibt eine durchschnittliche Fläche von gut 20 Hektar. Großgrundbesitz war das nicht. Von dieser Fläche wurden 665.000 Hektar an knapp 300.000 Bauernfamilien verteilt.⁶ Einerseits erstreckte sich also die Enteignung bis weit ins mittlere Bauerntum hinein; andererseits entstanden durch die Reform bäuerliche Kleinstwirtschaften mit kaum mehr als zwei Hektar Anbaufläche.

Hinzu kamen eine antireligiöse Kampagne der Regierung, die zur Schließung zahlreicher Moscheen führte, und Massenrepressalien gegen Mullahs, die teilweise vor den Augen der Gläubigen erschossen wurden. Das mobilisierte auch die Landbevölkerung, die die DVPA zu befreien beanspruchte, gegen die »Ungläubigen«.

Vor diesem Hintergrund wurden die ersten islamistischen Gruppierungen aktiv und nahmen den bewaffneten Kampf gegen die DVPA auf – ein Jahr bevor sich die USA in die Unterstützung dieses Widerstands einschalteten. Schon während der Herrschaft des bürgerlichen Modernisierers Daud hatte 1974 der Kabuler Ingenieurstudent Gulbuddin Hekmatjar, der einer der berüchtigsten islamistischen Kriegsherrn wurde, den afghanischen Zweig der Muslimbruderschaft gegründet. Unter afghanischen Flüchtlingen, die vor Repressalien der neuen Regierung nach Pakistan und in den Iran geflohen waren, wurden Kämpfer rekrutiert. Der Fraktionskampf innerhalb der DVPA verunsicherte gleichzeitig viele Offiziere, die deren soziale Hauptstütze waren. Vergeblich mahnte der sowjetische Regierungschef Alexej Kossygin Taraki zur Zurückhaltung, auch bei den Auseinandersetzungen in den eigenen Reihen: »Sie sollten für die Erweiterung der sozialen Basis Ihres Regimes sorgen. (…) Und gehen Sie vorsichtig und fürsorglich mit Ihren Kadern um. Hängen Sie ihnen nicht gleich Etiketten um.«⁷

Doch die afghanische Führung war unwillig oder unfähig, ihre Linie zu ändern. Als im März 1979 die Garnison der nordwestafghanischen Stadt Herat gegen die Regierung meuterte und zu großen Teilen auf die Seite der Aufständischen überging, sah Parteichef Taraki (T) keinen Ausweg mehr, als die Sowjetunion um direkte bewaffnete Hilfe zu bitten. Aus seinem Telefongespräch mit Alexej Kossygin (K) vom 18. März 1979:

»(T): Wir bitten Sie um praktische Hilfe mit Technik und Menschen.

(K): Das ist eine sehr schwierige Frage.

(T): Anderenfalls marschieren die Aufständischen in Richtung Kandahar und Kabul …

(K): Davon wird sofort die ganze Welt erfahren, und dann heißt es, wir haben das afghanische Volk überfallen … Wir müssen das beraten.

(T): Während Sie beraten, fällt Herat, und die Schwierigkeiten wachsen nicht nur für uns, sondern auch für Sie …

(K): Und wenn wir Ihnen mit Flugzeugen kurzfristig Panzer schicken, finden Sie dann Spezialisten, um diese Waffen zu bedienen?

(T): Sehr wenige.

(K): Wie viele?

(T): Das weiß ich nicht genau. Fragen Sie die sowjetischen Berater, die bei uns sind.«⁸

Noch am selben Tag trat in Moskau das Politbüro zu einer Krisensitzung zusammen. Die einhellige Meinung lautete: Eine bewaffnete Intervention dürfe man nicht riskieren. KGB-Chef Juri Andropow fasste die Gegenargumente zusammen: »Für uns ist völlig klar, dass Afghanistan nicht auf eine sozialistische Revolution vorbereitet ist. Die Religion ist viel zu stark, die Landbevölkerung ist durchweg analphabetisch, die Wirtschaft ist rückständig usw. Wir wissen, was Lenin über eine revolutionäre Situation gesagt hat. Von einer solchen Situation kann in Afghanistan keine Rede sein. Wir könnten die Revolution in Afghanistan nur auf unseren Bajonetten retten, und das ist völlig unzulässig. Dieses Risiko können wir nicht eingehen.«⁹

Was veranlasste die sowjetische Führung ein Dreivierteljahr später, eine gegenteilige Entscheidung zu treffen? Die afghanische Regierung hatte die sowjetische Seite im Wochenabstand mit immer neuen Appellen zu direkter bewaffneter Unterstützung bombardiert. Die Ablehnung aus Moskau blieb bis in den Herbst konstant auf der Linie vom März: materielle Hilfe und Waffen ja, aber keine »Füße auf dem Boden«.

Moskaus Vietnam

Den Wendepunkt bildete offensichtlich der Putsch des Vizeparteichefs Hafizullah Amin gegen Nur Taraki im September 1979. Er machte der sowjetischen Führung deutlich, dass alle ihre Appelle zu mehr »Kollegialität« in der Parteiführung vergeblich geblieben waren und sich unter dieser Führung die Verhältnisse nicht mehr stabilisieren würden. Wie es innerhalb der DVPA-Führung im Herbst 1979 zugegangen sein muss, beschrieb in denselben Tagen ein Diplomat der US-Botschaft in Kabul gegenüber seiner Zentrale unter Berufung auf einen afghanischen Gewährsmann: Die Partei sei »ein Haufen Skorpione, die sich gegenseitig totbeißen«.¹⁰ Überdies weckte der neue Machthaber Amin, nachdem er den in Moskau bei aller Kritik an seinem »Übereifer« als loyal eingeschätzten Taraki ausgeschaltet und im Oktober hatte ermorden lassen, bei der sowjetischen Führung grundsätzliche Zweifel. Man erinnerte sich daran, dass er in den 1960er und 1970er Jahren in den USA studiert hatte. Als dann noch das KGB berichtete, dass sich Amin mit dem US-Botschafter in Kabul getroffen habe, befürchtete man offenbar einen politischen Seitenwechsel ähnlich dem, mit dem Anfang des Jahres der ägyptische Präsident Anwar Al-Sadat die Sowjetunion düpiert hatte.

Bezogen auf Amin, scheint diese Befürchtung allerdings falsch gewesen zu sein. Der US-Botschafter in Kabul klagte in jenen Wochen über Amins »geradezu psychopathische Feindschaft gegenüber den USA« und seinen »ständigen Drang, sich an uns für irgend etwas zu rächen und uns zu erniedrigen«,¹¹ insbesondere durch die Einschüchterung der sogenannten »Ortskräfte«, also der angeheuerten Einheimischen, in Ländern wie Afghanistan wichtig als Augen und Ohren der Botschaft in der Bevölkerung.

Das heißt nicht, dass die USA ein unschuldiges Opfer grundloser Repressalien geworden wären, wie es der Botschafter darstellte. Denn die politische Verstrickung der Sowjetunion in die Erhaltung des erfolglosen volksdemokratischen Projekts in Afghanistan war in Washington nicht unbemerkt geblieben. Teile des US-Establishments, vor allem Präsident Jimmy Carters Nationaler Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski, erkannten darin eine Gelegenheit, der Sowjetunion »ihr Vietnam zu bereiten«. Die USA sahen ihre Machtposition im Mittleren Osten durch die Islamische Revolution im Iran im Winter 1978/79 angeschlagen und fürchteten, die Sowjetunion könne durch die Stabilisierung Afghanistans einem »Durchbruch zum Indischen Ozean« näher kommen. Inzwischen wird allerdings auch in den USA zugegeben, dass dies ein Propagandaargument war.¹² Damals aber war Brzezinskis Lobbyarbeit erfolgreich: Am 3. Juli 1979 zeichnete Carter eine Erlaubnis für die CIA ab, sich direkt in Afghanistan an Aktivitäten zum Sturz der volksdemokratischen Regierung zu beteiligen. Schon am 22. August 1979 berichtete ein Referent darüber, was der Dienst in der Zwischenzeit auf die Beine gestellt habe: Radiopropaganda gegen die Regierung, Geldzahlungen an aufständische Stammesführer, Übergabe von Funkgeräten und kleinen Radiosendern. Weitere Teile des Berichts sind bis heute geheim.¹³

Brzezinski gab 1998 dem französischen Nouvel Observateur ein Interview, in dem er sich offen dazu bekannte, den islamistischen Untergrund ermuntert und finanziert zu haben. Er habe Carter vorgeschlagen, die Sowjetunion zur bewaffneten Intervention zu provozieren: »Ich habe dem Präsidenten einen Vermerk geschrieben, in dem ich ihm erklärt habe, dass diese Hilfe für die Afghanen eine militärische Intervention der Sowjets nach sich ziehen würde. (…) Wir haben die Russen nicht gedrängt zu intervenieren, aber wir haben bewusst die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass sie es tun würden.«¹⁴

Ab dem Herbst 1979 begannen in der Sowjetunion praktische Vorbereitungen für eine Intervention, zunächst für einen Putsch gegen Amin. Immer noch sollte die Aktion nach Möglichkeit klandestin ablaufen. So wurde ein Bataillon aus Angehörigen mittelasiatischer Nationalitäten re­krutiert, dessen Angehörigen man den Sowjetbürger nicht auf den ersten Blick ansah. Das Sicherheitsbedürfnis Amins, der selbst den Einsatz solcher asiatischer Sowjetsoldaten angeregt hatte, kam den sowjetischen Plänen entgegen. Denn die afghanische Armee war zu diesem Zeitpunkt im Zerfall begriffen, ihre Loyalität gegenüber der Regierung war zweifelhaft. Insofern stieß die Stationierung dieses asiatischen Bataillons als Palastwache in unmittelbarer Nähe Amins auf keinen Widerstand. Gleichzeitig wurde den sowjetischen Planern allerdings klar, dass ein paar hundert Mann nicht ausreichen würden, um gegebenenfalls den Rückzug der inzwischen mehreren tausend sowjetischen Spezialisten und Berater im Fall einer weiteren Verschlechterung der Sicherheitslage zu decken. So wurde neben dem »muslimischen Bataillon« eine Eliteeinheit mobilisiert: die in Witebsk stationierte 103. Gardefallschirmjägerdivision. Sie sollte die Flughäfen Kabul und Bagram sichern.

Verlustreicher Krieg

Aus dem anvisierten Blitzkrieg zur Stabilisierung Afghanistans wurde nichts. Zwar gelang der Coup gegen Hafizullah Amin in den letzten Dezembertagen 1979 reibungslos. Ein Spezialkommando tötete, von der sowjetischen Palastwache eingelassen, Amin und eroberte die Herrschaft über Kabul. Als Nachfolger Amins wurde Babrak Karmal von der in Moskau als gemäßigt eingeschätzten »Partscham«-Fraktion der VDPA eingesetzt. Doch der Widerstand außerhalb der großen Städte hielt an. Das sowjetische Kontingent musste Schritt für Schritt vergrößert werden – bis auf schließlich 150.000 Mann.

In den ersten Jahren hatten die sowjetischen Truppen noch die Luftüberlegenheit. Sie versuchten, unter möglichst geringen eigenen Verlusten durch Luftangriffe Herde des Widerstands zu zerschlagen. Die Folge waren zahlreiche zivile Opfer. Der sowjetische Krieg nahm in der Praxis ähnlich hässliche Züge an wie die US-amerikanische »Counterinsurgency« in Vietnam. Verluste auf eigener Seite versuchte man zu kaschieren, indem tote Sowjetsoldaten mit dem Codeausdruck »Fracht 200« in die Heimat transportiert wurden. Noch heute ist in Russland »Zweihunderter« ein Jargonausdruck für einen Gefallenen. Trotzdem sprachen sich die Verluste herum, und als die Staatsführung im Zuge der Perestroika an Legitimität im eigenen Land verlor, war auch der militärische Misserfolg ein Argument gegen sie. Über die Traumata der heimgekehrten Soldaten hat die Literaturnobelpreisträgerin Swetlana ­Alexijewitsch das Buch »Die Zinkjungen« geschrieben. Es ist harte Lesekost.

Die Sowjetunion wollte schon lange vor 1989 aus dem unglücklich verlaufenden afghanischen Krieg wieder herauskommen. Seit 1982 hatte sie das Gespräch mit dem afghanischen Untergrund gesucht; zumal ihre örtlichen Bündnispartner ihr sozialistisches Programm Schritt um Schritt zurücknahmen. Doch die Regierungsgegner, angestachelt durch US-amerikanische, pakistanische und saudische Waffenlieferungen, zeigten sich an einem Kompromiss desinteressiert. Gespräche in Genf zogen sich über Jahre ergebnislos hin; auf US-amerikanischer Seite sah man keine Veranlassung, diesen für sie so nützlichen Konflikt beizulegen. Denn ab Mitte der 1980er Jahre hatte die sowjetische Armee ihre Luftüberlegenheit verloren, weil die USA die Mudschaheddin mit tragbaren Flugabwehrraketen des Typs »Stinger« ausstatteten. Seitdem stiegen die Verluste auf sowjetischer Seite, und die Effizienz der Einsätze gegen die Mudschaheddin nahm ab. Alkoholismus und Drogensucht machten sich unter den Soldaten breit. Michail Gorbatschow entschloss sich ab 1985, mit dem sowjetischen Rückzug ernst zu machen. Es dauerte dann trotzdem noch fast vier Jahre, bis er abgeschlossen war.

Die sozialen Folgen blieben der Sowjetunion und Russland erhalten. Abgesehen von den unmittelbaren Kriegskosten, war die Volkswirtschaft nicht in der Lage, Tausende Invaliden mit ordentlichen Prothesen zu versorgen; der Zusammenbruch des Sozialsystems trieb sie endgültig ins Elend. In den 1990er Jahren waren junge bettelnde Männer in Uniformjacken und mit Orden auf der Brust über den charakteristischen ­»Telnjaschki« (den gestreiften Soldaten-T-Shirts), ohne Beine auf Handwägelchen sitzend, ein häufiger Anblick in Moskauer U-Bahn-Stationen.

Fluch der bösen Tat

Doch auch die USA sind nicht damit glücklich geworden, der Sowjetunion in Afghanistan ihr ­Vietnam bereitet zu haben. Das Land versank nach dem Abzug im Bürgerkrieg aller gegen alle. Die Saat, die die Förderung von »ein paar aufgeregten Islamisten« (Brzezinski in dem erwähnten Interview) und die Überflutung des Landes mit Waffen gelegt hatte, ging spätestens am 11. September 2001 auf. Das US-gestützte Marionettenregime von Hamid Karzai und seinen Nachfolgern blieb ebenso instabil wie zwanzig Jahre vorher die Regierung der DVPA. Und inzwischen verhandelt Washington mit ebenjenen Gestalten, die es vor dreißig Jahren an die Macht gebracht und zwischendurch als »Terroristen« bekämpft hat, über einen sicheren Abzug der eigenen Truppen. Erst am 11. Februar schrieb das dem US-Militärestablishment nahestehende Portal Defense One:

»Die einzig verbliebene Frage ist nun, ob die Taliban und ihre pakistanischen Sponsoren sich auf einen Teilsieg einlassen, indem sie sich an einer afghanischen Regierung beteiligen, die sie nicht vollständig kontrollieren, oder ob sie abwarten, bis die Besatzung endet, dann gegen jene Afghanen vorgehen, die an der Seite der USA gekämpft haben, und im Triumph an die Macht zurückkehren, die sie schon vor dem Krieg innehatten.«¹⁵

Man könnte das mit Schiller den Fluch der bösen Tat nennen.

Anmerkungen:

1 Zit. n. Aleksandr Ljachowskij: Tragedija i doblest’ afgana (Tragödie und Heldenmut des Afghanistan-Krieges), Moskau 1995, S. 9, https://royallib.com/book/lyahovskiy_aleksandr/tragediya_i_doblest_afgana.html. Ljachowskij war Stabschef von General Boris Gromow.

2 Ebd., S. 10

3 Ebd., S. 12

4 Ebd., S. 14

5 Ebd., S. 21

6 Ebd., S. 25

7 Ebd., S. 40

8 Ebd., S. 44 ff. Der Text, eine Offenbarung des politischen Bankrotts der DVPA, ist auch vollständig online zitiert in: https://ru.wikipedia.org/wiki/Нур_Мохаммад_Тараки, Anm. 25

9 Zit. n. Ljachowskij, a. a. O., S. 48

10 US-Botschaft Kabul an Außenministerium, 18.9.1979, in: Foreign Relations of the United States (FRUS), 1977–1980, Bd. XII, S. 184, online unter: https://static.history.state.gov/frus/frus1977-80v12/pdf/frus1977-80v12.pdf#page=229

11 US-Botschaft Kabul an Außenministerium, 25.8.1979, a. a. O., S. 175

12 »National Security Archive« der Georgetown University: The Soviet Invasion of Afghanistan, 1979: Not Trump’s Terrorists, Nor Zbig’s Warm Water Ports, https://nsarchive.gwu.edu/briefing-book/afghanistan-russia-programs/2019-01-29/soviet-invasion-afghanistan-1979-not-trumps-terrorists-nor-zbigs-warm-water-ports

13 Report prepared in the CIA, 22.8.1979, in: FRUS, Bd. XII, a. a. O., S. 172ff., https://static.history.state.gov/frus/frus1977-80v12/pdf/frus1977-80v12.pdf#page=220

14 https://www.voltairenet.org/article165889.html

15 https://www.defenseone.com/ideas/2019/02/how-forever-war-ends/154777/?oref=defenseone_today_nl

Reinhard Lauterbach schrieb an dieser Stelle zuletzt am 4. August 2018 über den Russischen Bürgerkrieg: »Verlorene Illusionen«.

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