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Aus: Ausgabe vom 15.02.2019, Seite 11 / Feuilleton
Berlinale

Afghanische Fragmente

Der Dokfilm »What we left unfinished« im Forum
Von Kai Köhler
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»Platzpatronen gab es nicht« (aus dem Film)

In den Jahren zwischen der afghanischen Aprilrevolution 1978 und dem Zusammenbruch der sozialistischen Regierung 1991 wurden viele Filme produziert. Das Kino diente nicht allein der Unterhaltung, sondern galt als wichtiges Medium der politischen Information. Das brachte die Regisseure in die komfortable Lage, ihre Filme finanziert zu bekommen. Allerdings gab es Vorgaben für die inhaltliche Ausrichtung, die mal mehr, mal weniger streng gehandhabt wurden und sich änderten – je nach Stand des Bürgerkriegs und je nachdem, welche Fraktion der Demokratischen Volkspartei gerade an der Macht war. Auch die sowjetischen Berater hatten mitzureden. So wurden manche Filme nicht zu Ende gedreht.

»What we left unfinished«, ein Dokfilm der Künstlerin und Regisseurin Mariam Ghani in der Sektion Forum, kombiniert Ausschnitte aus fünf solcher Fragmente, die Bürgerkrieg und Taliban-Regime im Archiv von Afghan-Films überstanden haben, mit zeitgenössischen Aufnahmen und aktuellen Interviews der Regisseure, die sich an ihre Arbeit erinnern. Das kann anekdotischen Charakter haben: Platzpatronen gab es nicht. Darum mussten die zeitbedingt häufigen Kriegsszenen mit echter Munition gedreht werden, was nicht immer ohne Verluste abging. Das kann Anlass für eine Rückschau auf das eigene Schaffen und den Wechsel der Arbeitsbedingungen sein. Die Befragten äußern sich unterschiedlich über ihre Freiheit im afghanischen Sozialismus. Einig sind sie sich darin, dass es danach viel schlimmer wurde.

Warum blieben die Filme Fragment? Im frühesten Fall ist das klar. Hafizullah Amin, der sich im September 1979 an die Macht geputscht hatte, befahl einen Film, der ihn als Helden der Aprilrevolution in Szene setzte; seine Rolle besetzte er kurzerhand mit sich selbst. Drei Monate später wurde Amin bei der sowjetischen Intervention getötet, und die Konzeption war unzeitgemäß geworden. Die spätesten Filme, die angesichts der drohenden Niederlage der Linken zu einer nationalen Versöhnung aufrufen, wurden nicht fertig, weil islamistische Banden an die Macht kamen und bald begannen, sich gegenseitig abzuschlachten.

Ghani vermittelt durch die Konfrontation von Gegenwart und Vergangenheit Erkenntnisse – auch darüber, was an Möglichkeiten verlorenging. Auch schaut man interessiert auf eine grelle Schauspielkunst und damit den Geschmack des damaligen Publikums. Auf der Berlinale ist der Film nicht mehr zu sehen, aber hoffentlich bald im Fernsehen.

»What we left unfinished«, Regie: Mariam Ghani, USA/Afghanistan/Katar 2019, 72 min

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