Gegründet 1947 Donnerstag, 18. April 2019, Nr. 92
Die junge Welt wird von 2181 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 15.02.2019, Seite 4 / Inland
Türkische Justiz

Solidarität mit Adil Demirci wirkt

Unterstützer in BRD forderten Freilassung und Rückkehr des Kölner Journalisten
Von Gitta Düperthal, Frankfurt am Main
Demonstration_fuer_A_60320124.jpg
Die Nachricht von der angeordneten Freilassung ist auch ein Erfolg internationaler Proteste (Köln, 6.6.2018)

Immer wieder hallte am Vorabend des Prozesses des Kölner Journalisten und Sozialarbeiters in Istanbul der Slogan »Freiheit für Adil, Freiheit für alle politischen Gefangenen« durch die Frankfurter Innenstadt. Nun hat das Gericht in Istanbul am Donnerstag entschieden, Adil Demirci freizulassen. Damit wird er aus der Untersuchungshaft entlassen, muss sich aber in regelmäßigen Abständen bei der Polizei in der Türkei melden und kann nicht in die Bundesrepublik ausreisen.

Aktivistinnen und Aktivisten des Solidaritätskomitees »Freiheit für Adil Demirci« hatten bei der Demonstration am Mittwoch abend noch einmal alles gegeben. »Wir sind auf der Straße, um die Freilassung aller inhaftierten Oppositionellen in der Türkei zu verlangen und werden davon nicht ablassen«, rief Sprecher Mesut Duman in Frankfurt am Main ins Mikrophon. Zudem hatten Freunde, Genossinnen, Menschenrechtler in Duisburg, Hamburg, Kiel, Köln, Mannheim, Nürnberg, Stuttgart und Ulm gefordert, dass Adil Demirci nach Deutschland ausreisen kann.

»Die Türkei ist Weltmeister im Inhaftieren von Journalistinnen und Journalisten«, konstatierte Duman. Der Reporterberuf sei einer »der gefährlichsten Jobs« dort. Wie anderen Regierungskritikern in der Türkei habe die Justiz seinem Freund und ehemaligen Mitbewohner Adil Demirci die Mitgliedschaft in einer als terroristisch eingestuften Organisation sowie die Teilnahme an drei Beerdigungen in den Jahren 2013, 2014, 2015 zur Last gelegt. Damals wurden Menschen beigesetzt, die im Kampf gegen den »Islamischen Staat« (IS) und somit gegen den Terror, der weltweit gefürchtet werde, starben. Demirci sei dort gewesen, um für die sozialistische Nachrichtenagentur Etha zu berichten, berichtete Duman. Für Etha war auch die ehemals in der Türkei inhaftierte Mesale Tolu tätig.

»Wenn um vier Uhr nachts die Türe kracht, dann weicht die Freiheit der diktatorischen Macht«, prangerte eine 18jährige Kölner Aktivistin der Jugendorganisation »Young Struggle Europe« die Zustände in der Türkei an. So war es auch im Fall Adil Demircis, der im April 2018 für einen einwöchigen Urlaub in die Türkei gereist war, um seine krebskranke Mutter dort zu besuchen. Einen Tag vor der geplanten Rückkehr nach Deutschland stürmten bewaffnete Spezialeinheiten der Polizei die Wohnung seines Onkels, bei dem er zu Besuch war. Danach war er zehn Monate lang in Silivri inhaftiert. Dieses Hochsicherheitsgefängnis, 70 Kilometer westlich von Istanbul, diene als »Internierungslager für AKP- und Erdogan-Gegner«, monierte Duman. Damit müsse Schluss sein. Neben Demirci waren dort bekannte Persönlichkeiten wie die Journalisten Deniz Yüksel, Can Dündar und Mesale Tolus Ehemann Suat Corlu eingesperrt.

Der bis Dezember in Silivri inhaftierte Journalist und junge Welt-Autor Max Zirngast darf bis heute nicht aus der Türkei ausreisen. In einer in Ankara aufgezeichneten Rede, die bei dem Protest am Mittwoch vom Band lief, betonte er, wie wichtig es sei, dass »die Stimmen aus Europa lauter werden«: Kampagnen, Anwältinnen, die nachbohrten, und Medien, die das Unrecht publizieren, seien Mittel zum Durchbrechen der Isolation politisch Gefangener. Deren Inhaftierung diene ihrer Zermürbung und soll Angst in der Bevölkerung zu schüren.

Eine deutsche Delegation hat den Prozess gegen Demirci begleitet. Dabei waren der Journalist Günter Wallraff, die Politiker Jörg Detjen (Die Linke) und Rolf Mützenich (SPD) sowie Anke Brunn vom Präsidium des Internationalen Bunds (IB) und Sabine Skubsch, Vorsitzende des IB-Konzernbetriebsrats. Demirci ist als Jugendsozialarbeiter beim IB tätig und seinem Freund Duman zufolge in den Betriebsrat gewählt. Dort werde stets ein Stuhl freigehalten, zum Zeichen, dass seine Rückkehr erwartet wird. Zusammen mit Demirci waren weitere Mitarbeiterinnen der Agentur Etha angeklagt: Pinar Gayip, Semiha Sahin und Isminaz Temel. Temel sei nun zwar ebenfalls frei, die anderen beiden jedoch noch nicht.

Ähnliche:

  • Demonstration in Köln für die Freilassung von Adil Demirci (6.6....
    22.11.2018

    »Was soll daran strafbar sein?«

    Kölner Journalist bleibt in türkischer Untersuchungshaft. Prozess wird erst im Februar fortgesetzt. Ein Gespräch mit Tamer Demirci
  • Max Zirngast
    15.09.2018

    Freilassung gefordert

    Wachsende Solidarität für in der Türkei inhaftierten Journalisten Max Zirngast