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Aus: Ausgabe vom 14.02.2019, Seite 10 / Feuilleton
Popmusik

»Die Wut wird leiser«

The Specials-Sänger Terry Hall im Gespräch über ihr Comeback zur rechten Zeit, den Brexit, das Internet, Lithium und Liebe
Von Christoph M. Kluge
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»Wenn man eine Person erreicht, ist das Politik«: Lynval Golding, Terry Hall, Horace Panther (v. l. n. r.)

Rassistische Spannungen prägten das politische Klima Ende der 70er Jahre in Großbritannien. The Specials spielten dagegen an mit lebensbejahendem Two-Tone-Sound. Die Band vereinte schwarze und weiße Musiker, allein das war zu dieser Zeit eine Sensation. Doch auch in ihren Texten setzten sich The Specials mit Rassismus und anderen politischen Problemen wie Arbeitslosigkeit auseinander. Dem kommerziellen Durchbruch 1979 folgten mehrere Nummer-eins-Hits, aber auch bald die Trennung. Was drei der Originalmitglieder nun bewegte, das neue Album »Encore« herausbringen, erklärt Sänger Terry Hall im Interview.

Jetzt sind Sie also wieder da. Warum gerade jetzt?

Da gibt es keinen Masterplan. Wir spielen schon seit acht Jahren wieder zusammen. Also dachten wir: Machen wir eine Platte.

Es ist ein ziemlich politisches Album geworden.

Ja, zum Teil. Aber es geht auch darum, wie wir uns an einem bestimmten Punkt im Leben fühlen. Im Moment ist da vor allem Ernüchterung und – immer noch – Wut. Wenn man älter wird, verändert sich die Wut. Wenn du jung, etwas naiv und ein Idealist bist, dann denkst du, wenn du laut genug schreist, werden sich die Dinge ändern. Aber dann erlebst du, dass das nicht immer funktioniert. Ich bin jetzt 60 und die anderen sind Mitte 60. Im Laufe des Lebens wird die Wut innerlicher. Und leiser. So ist das normalerweise, denke ich. Heute betrachten wir ein Album eher als ein Gespräch mit der Person, die die Platte hört. Und wir versuchen, dieser Person zu erklären, wie sich drei andere Menschen fühlen, welche Probleme wir haben mit dem Leben im Vereinigten Königreich.

Haben Sie das Gefühl, dass das politisch etwas verändert?

Ja, weil man nur eine Person beeinflussen muss. Und schon hast du etwas verändert. Du musst nicht eine Million beeinflussen. Wenn man eine Person erreicht, dann ist das Politik.

Rassismus scheint ein zentrales Thema des neuen Albums zu sein. Der Song »B. L. M.« zum Beispiel erzählt eine sehr persönliche Geschichte. Worum geht es da?

Lynvals (Lynval Golding, The Specials-­Gitarrist, jW) Familie wurde in den 50er und 60er Jahren aus Jamaika angeworben, um das vom Krieg zerstörte Land wieder aufzubauen. Die Menschen kamen damals von den Westindischen Inseln und aus Irland. Sie leisteten schwere, körperliche Arbeit. Dennoch wurden sie wie Ausgestoßene behandelt. Lynval erlebte diese Ausgrenzung sein ganzes Leben lang. Doch er denkt: Eines Tages wird das aufhören.

Wie hängen der Brexit und Rassismus zusammen?

Ich denke, viele Menschen haben für »Leave« gestimmt, weil sie glaubten, dass osteuropäische Einwanderer ihnen die Jobs wegnehmen. Und als es hieß »Wir holen uns Großbritannien zurück«, da dachten sie: Großartig, wir bekommen wieder Jobs. Und unsere Orte werden wieder aufblühen.

Wie ist das ausgegangen?

Nun, es ist nicht passiert. Statt dessen gibt es ist ein totales Durcheinander. Denn niemand hat erwartet, dass die Abstimmung so verlaufen würde. Es war ein großer Schock.

Geht es darum in dem Song »The Lunatics (have taken over the Asylum)«?

Jeder Tag ist Irrsinn. Trump ist der Präsident der »freien Welt«. Diese Person! Das kann man sich nicht ausdenken. Es ist so surreal. Es war schlimm genug vor Jahren mit Reagan und Thatcher, aber Trump …

Reagan und Thatcher waren zumindest rationale Akteure.

Ja. Wenn man sich Trumps Reden anhört, dann hat das nichts mit der Art zu tun, wie ein Politiker normalerweise spricht.

Aber deshalb haben ihn die Leute gewählt, nicht wahr? Sie wollten jemanden, der kein regulärer Politiker ist.

Und das haben sie dann bekommen. Es fühlte sich wie eine Protestwahl an. Weil die Leute nicht zufrieden waren mit dem, was sie kannten. Und Trump war die lauteste Person in dieser Wahl. Er brüllte alle an die Wand.

Aber wenn Sie im Lied »Vote for me« alle Politiker kritisieren, ist das nicht auch Populismus?

Nicht wirklich. Weil es uns um das Hinterfragen geht. Es ist so einfach zu wählen. Dazu musst du nur ein Kreuz machen. Aber ich will, dass mich die Kandidaten überzeugen. Es liegt an ihnen, mir zu erklären, warum sie meines Kreuzes würdig sind. Politiker sagen zu oft das eine und tun das andere. Die Leute sind es leid. Und dann kommt es zu einer Kurzschlussreaktion wie dem Brexit.

Sie haben einen kritischen Song über »Social Media« beziehungsweise allgemein über das Internet geschrieben: »Breaking Point«. Sind Sie generell dagegen?

Das war ich nicht immer. Wenn man es als Künstler betrachtete, hatte es zu Beginn Vorteile. Man konnte Menschen viel leichter erreichen, ohne dass Unternehmen beteiligt wären. Du kannst etwas erschaffen und es dann verbreiten, ohne zum Beispiel Labels oder Filmstudios. Aber jetzt haben die Großkonzerne wieder alles unter Kontrolle. Schauen Sie sich nur an, was diese Leute verdienen, die diese »sozialen Netzwerke« betreiben.

Doch im Internet kann sich jeder äußern. Ist das nicht die alte Do-it-yourself-Idee?

Ja, das kann man machen, und das ist auch toll. Das Internet gibt den Menschen eine Stimme. Aber manche sollten wirklich nicht so eine laute Stimme haben.

Sie haben ein Lied mit der Aktivistin Saffiyah Khan gemacht: »Ten Commandments«. Wie kam es dazu?

Wir haben dieses Foto von Saffiyah gesehen von einer Demonstration gegen die English Defense League in den Midlands. Dieser EDL-Typ schrie sie an. Doch sie schrie nicht zurück, sondern lächelte. Das war sehr beeindruckend, weil es ihr eine große Würde verlieh. Und es ließ ihn aussehen wie einen Idioten. Also nahmen wir den Kontakt zu Saffiyah auf und sagten zu ihr: »Wir machen eine Platte, möchtest du darauf singen? Hast du etwas, was du sagen willst?« Ganz einfach. Und sie sagte: Ja. Also hat sie die Platte mit uns gemacht.

Der Song ist eine Art Antwort auf ein altes Lied gleichen Namens.

Ja, das ist ein sehr sexistisches Lied von Prince Buster. Das hat nie viel Kritik ausgelöst, weil es ein sehr alter Song ist. Saffiyah wollte ihre Ansichten dazu zum Ausdruck bringen. Uns war es wichtig, dass sie den Song schrieb. Wir wollten die ganze #MeeToo-Thematik zuerst selbst ansprechen. Aber für einen Mann ist es unmöglich, zum Ausdruck zu bringen, wie eine Frau tatsächlich fühlt.

Das Bild von Saffiyah Khan ist über »Social Media« bekanntgeworden. Ohne Internet hätten Sie sie wahrscheinlich nie kennengelernt.

Das ist wahr. Aber zu meiner Verteidigung muss ich sagen: Das Foto von ihr wurde mir offline gezeigt.

Sie haben auch ein sehr persönliches Lied über Depression geschrieben. Möchten Sie dazu etwas sagen?

Schon mein ganzes Leben lang hatte ich Depressionen und Schizophrenie. Mit 13 Jahren war ich ein Jahr lang abhängig von Valium. Danach lehnte ich Medikamente grundsätzlich ab, weil ich das nicht wieder erleben wollte. Aber dann hatte ich ziemlich schwere Anfälle von Depression. Vor etwa elf Jahren landete ich im Krankenhaus. Meine Familie dachte damals, sie würde mich verlieren. Also hatte ich keine andere Wahl mehr, als Medikamente zu nehmen. Seitdem bin ich in Behandlung. Ich muss viele Mittel nehmen, Lithium, Mirtazapin und anderes. Aber ohne die konnte ich nicht sprechen und nicht gehen. Ich bin so tief gefallen, wie man nur kann, wirklich.

Aber es hat einen Grund, dass ich jetzt darüber sprechen möchte. Das ganze Problem der Geistesgesundheit ist immer noch ein Tabuthema. Es wird zwar inzwischen thematisiert. Ich denke aber, man muss aus eigener Erfahrung erzählen, wie schrecklich Depressionen sein können.

Woher kann man Optimismus nehmen?

Mir haben meine Kinder das Leben gerettet. Am Ende ist es die Liebe. Wenn man die mit anderen teilen kann, ist es nicht so schlimm. Ich war am höchsten Punkt, den ich mir vorstellen kann. Und auch am niedrigsten. Aber das, was mich wirklich durchgebracht hat, war die Liebe anderer Menschen. Und Lithium. (Lacht.) Ich bin optimistisch. Nicht in bezug auf bestimmte Dinge, sondern darauf, wie es mir geht. Ich denke, mehr als das kann man nicht bekommen. Das ist gar nicht so übel.

The Specials: »Encore« (UMC)

3. April, Berlin, Max-Schmeling-Halle