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Aus: Ausgabe vom 11.02.2019, Seite 14 / Leserbriefe

Aus Leserbriefen an die Redaktion

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Raus aus der Lethargie

Zu jW vom 30.1.: »Elektroschrottplatz Schule«

Junge Leute ohne Lehrstelle, sanierungsbedürftige Schulbauten, Lehrermangel, prekär beschäftigte Lehrkräfte mit Kettenbefristungen, überfüllte Hörsäle an den Hochschulen – es gibt unzählige Mängel im Bildungsbereich, die teilweise schon seit Jahrzehnten bestehen. Trotzdem passiert nichts! Das Bildungssystem ist vor allem chronisch unterfinanziert. Das nun für Tablets vorgesehene Geld wird also an anderer Stelle dringend gebraucht. (…)

Die Frage muss gestellt werden, ob es von den Herrschenden überhaupt noch gewünscht ist, dass künftige Generationen eine umfassende Schulbildung erhalten. Das humanistische Ideal der zweckfreien Bildung ist schon lange entsorgt worden. Ich erinnere hier nur an die Parole von der »Entrümpelung der Lehrpläne«. (…) Viel besser als Bildung für alle wäre es doch für den Kapitalismus, wenn man das Bildungssystem allmählich auslaufen lässt und jungen Menschen nur noch zeigt, wie sie ein Handy oder Tablet zum Daddeln bedienen müssen. Das wäre praktisch, denn Leute, die ihre Zeit mit Spielen oder Facebook und Co. verschwenden, sind ungefährlich für das kapitalistische System, das immer weniger Menschen braucht, um seine Produkte herzustellen. Diese Leute stellen vor ihren Tablets keine lästigen Grundsatzfragen und müssen nur noch einfache Sätze für die Bedienung lesen können. Eine Revolution wird es mit ihnen höchstens noch in einem Adventurespiel geben.

Die wenigsten Lehrer besitzen heute fundierte IT-Kenntnisse. Was damit dann bestenfalls gelehrt werden kann, ist die Bedienung heutiger und künftiger Massenerzeugnisse. (…) Hirnforscher wie Manfred Spitzer, die vor den Folgen der regelmäßigen Gerätenutzung bei Kindern und Jugendlichen warnen, werden nicht grundlos angefeindet, denn sie stellen eine Gefahr für die neue Welt digitaler Junkies dar. Und wenn doch mal eine Minderheit dieser Menschen aus ihrer Lethargie erwachen und aufbegehren sollte, dann gibt es da ja noch die geplante EU-Armee, die in Schnöggersburg lernt, wie man auch solche Probleme löst.

Christian Anschütz, Sinsheim (über die Kommentarfunktion für On line abonnenten)

Linke Vision

Zu jW vom 1.2.: »Schöne Bescherung«

Ekkehard Lieberam beschreibt meines Erachtens recht zutreffend die Linkspartei als »eine zweite sozialdemokratische Partei, die den Klassencharakter von Staat und Politik ignoriert«. Ich denke, der Führung der Linken ist der Mut abhanden gekommen, nämlich der Mut zum Träumen! Träume, Phantasien und Visionen sind aber notwendig, um Fernziele entwickeln zu können, die dann der aktuellen Tätigkeit Richtungsimpulse geben. Altes FDJ-Lied: »Du hast ja ein Ziel vor den Augen, damit du in der Welt dich nicht irrst  …« Dabei müsste Die Linke gar nicht fürchten, ihre Träume und Phantasien könnten ins Unrealistische abgleiten. Marx und Engels haben für den Realitätsbezug genügend Orientierungshilfen hinterlassen. (…) Die linke Vision, dass alle Produktionsmittel zum Allgemeineigentum werden, sollte phantasievoll ausgemalt werden. Z. B. würde die Abschaffung des Privateigentums an Produktionsmitteln auch die Abschaffung des Geldes nach sich ziehen, das schon lange zur Geißel der Menschheit geworden ist. Das dürfte durchaus möglich sein, weil jeder Mensch aufgrund seiner biologischen Besonderheit das Bedürfnis in sich trägt, freiwillig zu arbeiten, wenn dieses nicht durch äußere Zwänge verdrängt wird. Der materielle Reichtum auf der Welt und die Arbeitsproduktivität dürften inzwischen groß genug sein, jedem Menschen die freie Entscheidung zu überlassen, wo und wie lange er was arbeiten möchte. Und die Freiwilligkeit beim Arbeiten würde zu einer noch höheren Produktivität führen. Damit könnten nicht nur die unmittelbaren Grundbedürfnisse aller Menschen nach Nahrung und Wohnen befriedigt werden, sondern auch das Bedürfnis nach Privatsphäre und Individualität. (…)

Werner Schreiber, Finsterwalde

Frei und sozialistisch

Zu jW vom 6.2.: »›Das ist der Rückfall in eine koloniale Praxis‹«

Warum Washington seit Jahren Regime-Change in Venezuela betreibt: Das Land besitzt die größten Erdöl- und die achtgrößten Erdgasreserven des Planeten. Die jetzige, demokratisch gewählte Regierung in Caracas will diesen immensen Reichtum selbst verwalten und dem eigenen Volk zugute kommen lassen. Venezuela verfolgt eine eigenständige Außenpolitik und ist nicht Washington hörig. Venezuela will eine multipolare Weltordnung. Es möchte Gesundheit, Bildung und Kultur für die gesamte Bevölkerung und nicht nur für die Oberschicht. Venezuela hat den Mut, offen den US-Imperialismus zu kritisieren. Das sind die wahren Gründe der US-geführten Umsturzversuche. Die USA betrachten ganz Lateinamerika, inklusive seiner Bodenschätze und Märkte, als ihren gottgegebenen Hinterhof, den sie nach Gusto ausbeuten und verwalten dürfen – siehe die schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts formulierte Monroe-Doktrin. Wer sich ihr entgegenstellt, muss entfernt werden! – Viva Venezuela libre y socialista!

Claudio Coladangelo, per E-Mail

Keine Normalität

Zu jW vom 6.2.: »Ischingers Gäste und ­Gegner«

Ein Infoständchen, brav angemeldet, und ein paar Banner vor dem Bayrischen Hof sind ein völlig falsches Signal. Das sieht aus, als ob alles normal wäre. Nichts ist normal in der Politik der westlichen Welt. Man rüstet auf, als hätte es Entspannung nicht gegeben, aus dem Ausland gesteuerte Putsche finden allgemeine Zustimmung, Kriege sind nicht tabu, nur weit weg müssen sie sein. (…) Dazu eine Propagandaarbeit, die in keiner Kriegszeit verlogener war. Wenn dagegen nicht mindestens »gelbwestenmäßig« demonstriert wird, dann besser gar nicht. Mit Ignoranz strafen. Eher würde ich mir die Finger abbrechen, als mir eine Demonstrationsgenehmigung von diesen Damen und Herren zu erbetteln. (…) Die Leute müssen merken, dass nichts mehr normal ist.

Hans-Peter Zepf, per E-Mail

Der Führung der Linken ist der Mut abhanden gekommen, nämlich der Mut zum Träumen! Er ist aber notwendig, um Fernziele entwickeln zu können.

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