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Aus: Ausgabe vom 11.02.2019, Seite 11 / Feuilleton
Berlinale

Schweinefleisch im Briefkasten

Von Maximilian Schäffer
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Wohin mit dem jungen Honecker? Suggestive Meditationen über Flüchtlinge und Rassisten in Ostsachsen

»Tal der Ahnungslosen« nannte man im DDR-Volksmund die Bewohner Ostsachsens, weil es dort besonders schwierig war, Westrundfunk zu empfangen. Neustadt liegt in diesem ehemaligen Kapitalismusfunkloch, fast direkt an der tschechischen Grenze. Einst wurden hier im Kombinat »Fortschritt Landmaschinen« Agrargeräte hergestellt. Nach dem Anschluss dann das Übliche: Arbeitslosigkeit, Bevölkerungsrückgang, Frustration. Regisseur Florian Kunert, 1989 dort geboren, schildert in »Fortschritt im Tal der Ahnungslosen« – ja, was eigentlich? Er hält seine Heimatregion auf jeden Fall für »den Ursprung der fremdenfeindlichen Pegida-Bewegung« (Presseheft) und möchte darüber meditieren.

Am Anfang fahren syrische Flüchtlinge in einem Trabbi durch die Provinz, um ihr zukünftiges Domizil zu begutachten. Eine Ruine der ehemaligen Produktionsstätten hat man ihnen zugeteilt – scheinbar. In Wirklichkeit wohnen sie nebenan in den damaligen Arbeiterunterkünften.

Ehemalige Beschäftigte der Fabrik treten auf, gehen durch die verfallenen Gemäuer. Dazu stellt der Regisseur ständig Suggestivfragen: »Wie fühlen Sie sich hier? War früher was besser hier?« – so lange, bis die Herren etwas von sich geben, das dem Pathos zuträglich ist. Die Annahme, dass die Sachsen alles stumpfdumme Neonazis sind, wird zunächst widerlegt. Zwei Einheimische üben sich spielerisch als Integrationslehrer in »Deutsch als Fremdsprache«.

Dass das Kombinat auch in die arabische Welt exportierte, wird zum Anlass genommen, die deutsch-syrische-Freundschaft aufzugreifen. Es laufen Bilder von Hafis Al-Assad und Erich Honecker beim Staatsbesuch in den 70er Jahren. Ein ehemaliger Ingenieur von »Fortschritt« wird zusammen mit seiner Frau porträtiert. Der empathische Mann zeigt den Geflüchteten alte Dias von seinen Auslandsbesuchen. Im Film drängt sich langsam die Frage auf, ob die Sachsen nicht doch alle verbittert und extrem rechts sind.

Und das, obwohl DDR! Im folgenden darf die kleine Gruppe von Syrern zum Nachhilfeunterricht im Fach Realsozialismus. FDJ-Gruß, NVA-Drill und fröhliche Volkslieder bekommen sie vorgesetzt. Die finden das erst einmal anachronistisch bis lächerlich, dürfen dann aber auch noch auf ihre »ureigenste« Weise zwischen Trümmern Krieg mimen. So prallen anscheinend die Kulturen und Generationen aufeinander, möchte uns Kunert mit den Rollenspielen seiner Akteure beibringen. Wieder zurück in der Realität werden die nun in Neustadt lebenden Muslime mit Schweinefleisch im Briefkasten terrorisiert. Und das, obwohl einer von ihnen so schön pathetisch auf einem weißen Pferd reiten kann. Kunerts aufdringliche Bildsprache lässt jeden Gedanken ermüden.

Nach 67 Minuten weiß der Zuschauer nicht viel, aber ein paar nette Hymnen hat er gelernt. Nachdem der zehnte Ostdeutsche noch immer die absolute Schlechtigkeit der DDR geleugnet hat, muss der zunächst doch so sympathische, fremdenfreundliche Exingenieur als regimetreuer Reaktionär herhalten. In der Ruine hängt nämlich noch ein riesiges Bild des Generalsekretärs Honecker: »Wie fühlen Sie sich da? Hat der alles falsch gemacht? Was würden Sie ihm heute sagen?« Es folgt die entwürdigendste Szene des Films, in dem der gute Mann relativierenden Stuss von Hitler schwafelt. Der habe auch nicht alles falsch gemacht und der Honecker auch nicht und so weiter.

Zumindest hat Florian Kunert die richtigen Fragen auf dem Schirm, auch weil sich nicht verleugnen lässt, dass Rassismus in Sachsen ein großes Problem ist. Feige ist sein Film trotzdem, da er diese Fragen niemandem stellt, sondern sich mit der selbstgefälligen Collage zufriedengibt, die er nun mal ist.

»Fortschritt im Tal der Ahnungslosen«, Regie: Florian Kunert, BRD 2019, 67 Min., 13., 15., 17.2.

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