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Aus: Ausgabe vom 11.02.2019, Seite 10 / Feuilleton
Komische Kunst

Bestiarium Perversum

Selbst der Heiland ist nicht sicher: Eine Ausstellung und ein Buch zum 70. Geburtstag von Ernst Kahl
Von Gerhard Henschel
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Pornographisch, blasphemisch, politisch: Ernst Kahl, Künstler mit unerschöpflicher Erfindungsgabe

In der Welt des Komischen sind Doppel- und Dreifachbegabungen keine Seltenheit: Wilhelm Busch und Robert Gernhardt waren Maler, Zeichner und Dichter, Groucho Marx war Schauspieler und Schriftsteller, Robert Crumb ist Zeichner und Musiker und Woody Allen Schauspieler, Regisseur und Satiriker, aber Ernst Kahl übertrifft sie alle: Er ist Zeichner, Maler, Dichter, Kalligraph, bildender Künstler, Sänger, Gitarrist, Komponist, Performer, Drehbuchautor, Schauspieler und Regisseur.

Anlässlich seines 70. Geburtstags, der heute zu feiern ist, ehrt ihn das Museum Caricatura in Frankfurt am Main mit einer großen Ausstellung. Sie heißt »Vergessene Katastrophen«, ebenso wie das dazu erschienene Buch, das einen opulenten Querschnitt durch Kahls grafisches Lebenswerk bietet. Es steht ganz und gar im farbenfrohen Dienste des schwarzen Humors. Die Comédie humaine wird hier allerdings häufiger von anthropomorphen Gurken, Äpfeln, Birnen, Bohnen, Möhren, Bockwürsten und Nudeln aufgeführt als von Menschen. Kahls unerschöpfliche Erfindungsgabe hat ihm auch Trompete spielende Kartoffeln und rockende Getreidehalme eingegeben, einen Kater, der sich genüsslich von einem Aquariumsfisch fellationieren lässt, und einen Hasen, der ein Brathähnchen rammelt, und kaum noch zu zählen sind die Wölfe, Gänse, Frösche, Mäuse und Hühner, die in diesem Panoptikum miteinander Schindluder treiben.

Sie alle stehen im Bann einer übermächtigen Sexualität. Ihr gewinnt Kahl einige der komischsten Effekte seiner Kunst ab. Er ist die weltweit führende Koryphäe der Hodensackzeichnung und der »Animalerotica«, und bei ihm ist nicht einmal der gekreuzigte Heiland davor gefeit, von einer drallen Nymphomanin angesprungen zu werden. Was in Kahls Bildern immer wieder durchscheint, ist der gute alte Geist, der Zwölfjährige dazu animiert, Toilettenwände zu bekritzeln, mit dem Unterschied, dass Kahl sein Handwerk mit der Virtuosität eines Künstlers versieht, der bei Pieter Brueghel, Goya, Max Ernst und George Grosz in die Schule gegangen ist, bei Hieronymus Bosch und Wilhelm Busch und vielleicht auch bei Norman Rockwell, Carl Barks und Horst Janssen.

Die Ergebnisse sind mitunter pornographisch und blasphemisch, absurd und zynisch, obszön und makaber, aber immer komisch. Es ist eine scheinbar kindliche und zugleich kindlich grausame Welt, die Kahl erschafft. Oder genauer gesagt: die er dem Leben, wie wir es kennen, nachschöpft. Kahls »Bestiarium Perversum« ist nicht bestialischer oder perverser als die Wirklichkeit. Nur sehr viel lustiger, weil er den Scheinwerfer auf die grotesken Pointen richtet. In einer der Bildergeschichten lernen wir den Ortsgruppenleiter einer Hooliganbande kennen, der nach einem schweren Unfall den Penis eines schwulen ghanaischen Tänzers transplantiert bekommt und den verdutzten Kameraden plötzlich an die Wäsche geht. Und selbst ein Ertrinkender wirkt komisch, wenn er unter einem dramatisch bewölkten Himmel auf einem Gemälde zu sehen ist, das den Titel »Der Hilferuf in der dänischen Malerei des 19ten Jahrhunderts« trägt.

Überhaupt die Wolken: Für den flüchtigen Betrachter, der es allein auf den Witz abgesehen hat, mögen sie nur Beiwerk sein, doch bei ihrer Gestaltung kann Ernst Kahl es mit John Consta ble, William Turner und Clau de Monet aufnehmen. Und obwohl an solcher Kunstfertigkeit in der Postmoderne kein großer Bedarf mehr besteht, hat Kahl es mehrmals fertiggebracht, auf der Documenta Aufsehen zu erregen. Davon erzählt Achim Frenz, der Direktor der Frankfurter Caricatura, in seinem Nachwort zu diesem bildschönen Band.

Die abstrakte Malerei interessiert Kahl nur als weitere Quelle der Heiterkeit. »Und malen Sie mich bitte nicht so abstrakt«, sagt eine abstrakte Skulptur in einem seiner Cartoons zu einem Maler, der sie getreulich porträtiert, und dessen Antwort lautet: »Ich male Sie so, wie ich Sie sehe.« Genau das gleiche macht Ernst Kahl: Er malt uns so, wie er uns sieht, und sei es auch als Erbsen zählende Ratten, als verfressene Schweine, als Skat spielende Melonen, als Norwegens letzte Nacktdruiden oder als pikierte Schleiereulen am FKK-Strand von Timbuktu. Und wunderbarerweise ist er dabei mit den Jahren keineswegs altersmilde geworden. Sein böser Blick ist immer noch so scharf wie vor dreißig Jahren, als Kahl in seiner Konkret-Kolumne »Kongretchen« alle Kinder das Fürchten lehrte.

Mesdames, Messieurs, wir erheben uns von den Plätzen!

Ernst Kahl: Vergessene Katastrophen. Mit einem Vorwort von Hans Zippert und einem Beitrag von Achim Frenz. Verlag Antje Kunstmann, München 2019, 192 Seiten, 25 Euro

Ausstellung: bis zum 12. Mai, Frankfurt am Main, Museum Caricatura

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