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Aus: Ausgabe vom 09.02.2019, Seite 6 (Beilage) / Wochenendbeilage

»Einer von seinen Leuten« oder Neuigkeiten aus der Vergangenheit

Was war nochmal marxistische Ästhetik? Zu Peter Hacks und Georg Lukács
Von Kristin Bönicke
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Nun ist es so, dass die Vollendung von Werken kein sonderlich neuer Gedanke ist. Es ist nur in diesen Tagen ein außerordentlich unpopulärer Gedanke. (Szene aus Peter Hacks’ Komödie »Der Frieden« nach Aristophanes, Köln 1963)

Anfang November fand in Berlin die elfte wissenschaftliche Tagung der Peter-Hacks-Gesellschaft statt. Wir dokumentieren im folgenden den leicht gekürzten Vortrag von Kristin Bönicke. (jW)

I

In seinem Essay »Ascher gegen Jahn« stellt Peter Hacks den Gelehrten Saul Ascher als »eine[n] von seinen Leuten« im Kampf gegen das Phänomen vor, das Hacks die Romantik nennt1. Wären die Zeitumstände etwas andere gewesen und hätte Hacks statt der politischen Kämpfe des 19. Jahrhunderts die des 20. rekonstruieren wollen, hätte er den Essay auch über Georg Lukács schreiben können. In den ersten Jahren der DDR vielfach gelesen, wurde die Rezeption von Lukács’ Werk später durch dessen Tätigkeit als Kulturminister der Regierung Imre Nagy 1956 in Ungarn erschwert.

Heute gilt Lukács vielen als Kritischer Theoretiker, Revisionist, Vertreter der Neuen Linken oder ähnliches, was sicherlich eng damit verknüpft ist, dass heute hauptsächlich Lukács’ Frühwerk, insbesondere »Geschichte und Klassenbewusstsein«, rezipiert wird. Um etwaigen Missverständnissen vorzubeugen, möchte ich sagen, dass ich mich heute auf das Spätwerk, genauer auf »Die Eigenart des Ästhetischen«, konzentrieren werde, denn es ist möglich, dass sich dieses Werk doch deutlich von Lukács’ Frühwerk abhebt.

Ich will also im Namen von Hacks für eine Re-Lektüre des Spätwerks von Georg Lukács werben und tue dies – statt mit den Mitteln des Philologen – mit denen des Essayisten.

Denn oft ist es so, dass mir bei der Lukács-Lektüre der Hacks einfällt und umgekehrt. Und das ist sicherlich kein Zufall. In den Gesprächsprotokollen der von Hacks geleiteten Akademiearbeitsgruppen finden sich positive Bezüge auf Lukács. So bemerkt Hacks im Arbeitsgruppentreffen zu Lukács’ Realismustheorie:

»Lukács glaubt in der Tat daran, dass es eine Ästhetik auf der Welt gibt und dass es in unendlich vielen Modifikationen, die entstehen durch die Dialektik des Weges, im Grunde nur eine Kunst gibt.«2

Hacks teilt Lukács’ Einschätzung, dass es nur eine Ästhetik gebe, und wendet sich in seiner eigenen Essayistik vehement gegen den Zerfall dieser einen Ästhetik in verschiedene Ästhetiken, als deren Zentralgedanken er die Zerstörung des Werkbegriffs, der als Objektivitätsträger und Vermittlungsinstanz zwischen Produzent und Rezipient fungiert, erkennt. In Lukács findet er einen Verbündeten im Kampf gegen die Zerstörung des Werkbegriffs und der damit verbundenen Zerstörung des Totalitätsbegriffs in der Kunst.

Viele der Dinge, die ich vorhabe zu sagen, hat man früher schon einmal gewusst. Nun ist es allerdings so, dass die Gegenwart auch vieles wieder vergessen hat. Ich möchte also einiges wieder ins Gedächtnis rufen und auf diese Weise vielleicht einen kleinen Beitrag dazu leisten, dass die Fragestellungen von gestern vielleicht nur noch die von heute und morgen, aber nicht mehr die von übermorgen sind.

II

Heute weiß man zum Beispiel nicht mehr so genau, was ein Künstler kann und was ein Werk, und so herrscht landläufig die Meinung vor, dieses bedürfe einer Erklärung durch jenen.

Hacks und Lukács hingegen wissen, dass in der Kunst die Abbildung der Wirklichkeit keine reine Abbildung sein kann, sondern die künstlerische Darstellung eines Gegenstandes immer die Stellungnahme des Künstlers zu ihm beinhaltet. Der Künstler muss also keine Interviews geben, um sich und sein Werk zu erklären, denn das Werk liefert seine Deutung gleich mit. Das sind gerade für Leser, Literaturwissenschaftler und Ästhetiker gute Neuigkeiten, weil das heißt, dass sie sich wieder den Kunstwerken zu und von den Interviews abwenden können. Für die Ästhetiker heißt es, dass ihre Wissenschaft – solange es noch Kunstwerke gibt – weiterhin eine Existenzberechtigung hat. Sie können Maßstäbe zur Einordnung und Beurteilung der Werke entwickeln, die ästhetische sind, anstatt auf kunstfremde und vielleicht sogar kunstfeindliche Bewertungswerkzeuge zurückgreifen zu müssen, die dieser Tage so oft zur Beurteilung von Kunstwerken herangezogen werden.

Eine weniger gute Neuigkeit ist das für Politiker. Sie müssen sich mit den Kunstwerken beschäftigen, um zu entscheiden, ob ein Künstler für ihre Sache taugt oder nicht. Und nehmen sie die Werke ernst, kann es schnell passieren, dass sie sich in einem Team mit Leuten wiederfinden, von denen sie nicht gedacht hätten, dass sie für die Kommunisten brauchbar wären.

III

Die Sache der Kommunisten ist die Erkenntnis der Wirklichkeit. Und die andere Sache der Kommunisten ist der Kommunismus. Mit der Erkenntnis der Wirklichkeit sind dabei weniger isolierte Fakten, sondern vor allem das Wissen um die Strukturen der Wirklichkeit, ihre Zusammenhänge gemeint.

Um mit Lukács zu sprechen: Die Wissenschaft verwandelt die Welt an sich in eine Welt für uns, eine Welt für den Menschen. Die Kunst aber beschäftigt sich mit der Welt des Menschen und reflektiert über sie. Anders als die Religion weiß die Kunst jedoch, dass ihr Gegenstand keine von den materiellen Dingen abgeschnittene Welt ist, keine wirklich eigene Welt ist. Sie weiß sich selbst als fiktiv3. Und seit ein paar Jahrhunderten wissen sich mittlerweile sogar die in ihr handelnden Akteure als fiktiv, die Literaturwissenschaftler nennen das im Drama dann Spiel im Spiel.

Der Kunst ist also keine eigene objektive Realität zuzuschreiben. Dennoch schwebt die Kunst nicht im luftleeren Raum, sie weiß sich als Widerspiegelung der objektiven Realität. Sie handelt von der Welt und hat mir ihr zu tun. Eine Kunst, die sich nur mit der reinen Innerlichkeit des Künstlers befasst, die mit der Welt nichts zu tun hat, kann von niemandem als ihrem Urheber verstanden werden. Kunst, die sich an ein Publikum richtet, ist welthaltig.

Jetzt könnte man die Kunst mit ihrer Welthaltigkeit ein bisschen langweilig finden. Die Welt, so meinen wir, kennen wir ja schließlich schon. Nun hat die Kunst gegenüber dem Alltag – denn den meinen wir eigentlich, wenn wir in diesem Sinne von »Welt« sprechen – einen unschlagbaren Vorteil: Sie kann auswählen. Sie muss es sogar tun, denn eine reine Abbildung der Welt kann sie nicht leisten, denn die Welt verändert sich ständig und besteht aus unendlich vielen Beziehungen zwischen Menschen, Dingen und anderen Beziehungen. Die Kunst hat nun die Aufgabe, dieses wilde Beziehungswirrwarr im Auswählen zu ordnen und dabei das Kunststück zu vollführen, die unendliche Welt in einer endlichen Form widerzuspiegeln. Im besten Fall gelingt es ihr dabei, das Allgemeine im Konkreten sichtbar werden, das Typische hervortreten lassen. Die Kategorie der Besonderheit wird darum bei Lukács zu einer Zentralkategorie der Ästhetik.

Die Kunst muss die Besonderheit an Einzelschicksalen ausdrücken, was Hegel zu dem Schluss verleitet, dass sie in ihrer Bildhaftigkeit niedriger sei als die Philosophie, die »ihre Zeit in Gedanken erfasst«4.

Ihre Bildhaftigkeit ist jedoch kein Mangel, sondern ihr spezifischer Modus der Widerspiegelung der Welt. In ihrer anthropomorphisierenden Darstellungsweise wirkt sie – im Gegensatz zur Religion – entfetischisierend und erkenntnisfördernd. Gegenüber der Philosophie verfügt sie über einen entscheidenden Vorteil: Sie muss nicht das Allgemeine als Begriff fassen, sondern kann Strömungen und Gedanken vorfühlen, die noch nicht begrifflich fassbar sind5.

Während die Philosophie nur »rückwärts« das Vergangene erkennen kann, vermag die Kunst die Gegenwart in der Kategorie der Besonderheit als intensive Totalität zu fassen. Zu der Gegenwart, die die Kunst zu gestalten vermag, gehören aber auch zahlreiche Möglichkeiten, die über sie hinausweisen. Indem die Kunst diese Möglichkeiten herausarbeitet, weist sie – obwohl sie die Gegenwart gestaltet – nach vorne, in die Zukunft. Und die Zukunft, das ist der Kommunismus. All dies tut die Kunst jedoch mit ihren eigenen Mitteln – die natürlich abhängig von der Kunstart konkret immer andere sind – die nicht unbedingt übersetzbar sind in die Sprache der Philosophie. Aber da auch die Literatur objektive Wirklichkeit beschreibt, kann es doch passieren, dass wir bemerken, dass dieser oder jener Künstler recht gehabt hat, wenn Minervas Eule wieder ihren nächtlichen Rundflug beginnt.

In der handlungstragenden Literatur ist ihr in die Zukunft weisendes Element keine leere Träumerei, sondern mit den konkreten Einzelschicksalen der Figuren verknüpft. Die in den verschiedenen, sich in der Gegenwart bietenden Möglichkeiten angedeutete Utopie verliert dadurch nie die Anknüpfung an diese. Statt dessen wird der Weg hin zu einer besseren Welt angedeutet. Subjekt dieser Bewegung zur Utopie hin ist jedoch der Mensch. Die Literatur hat die Aufgabe, menschliche Handlungsoptionen aufzuzeigen und dadurch die Welt als veränderbar zu beschreiben. Der Mensch ist der Welt nicht nur ausgesetzt, sondern kann in sie aktiv eingreifen und auf diese Weise den Lauf der Geschichte verändern. Lukács macht diesen Aspekt unter dem Schlagwort des »subjektiven Faktors« deutlich.

Diese Aufgabe der Literatur ist jedoch kein Aufruf zu dem, was man heute »politische Kunst« nennt. Kunst kann genau dort am besten bewusstseinsstiftend wirken, wo sie Kunst bleibt. Denn politisch ist sie ohnehin – in ihrer einzigartigen Fähigkeit, durch Darstellung Stellung zu nehmen. Die Kunst erzielt diese Wirkung dabei gerade durch die Distanzierung des Rezipienten, die eine rein kontemplative Rezeptionshaltung erst ermöglicht, die die Kunst auf so entschiedene Weise von der Alltagserfahrung der Menschen abhebt.

Literatur, die Verhältnisse zwar richtig widerspiegelt, aber als unveränderbar beschreibt, geht hingegen kaum über die unmittelbare Alltagserfahrung hinaus, in denen die Lebensumstände des Einzelnen oft genug von Zufällen bestimmt werden, in denen sich der Einzelne oft genug als machtlos und ohnmächtig erlebt. Für Hacks sind deshalb vor allem Leute interessant, die viele Handlungsoptionen haben, weil die Literatur dann menschliche Handlungsmöglichkeiten besser ausloten kann. Deshalb kann es eine gute Idee sein, als Kommunist trotzdem eher von Königen als von armen Bauern erzählen zu wollen. Obwohl Könige gesamt­gesellschaftlich eher unterrepräsentiert sind, kann man anhand eines solchen Stoffes gesamtgesellschaftliche Widersprüche womöglich besser herausarbeiten als anhand einer naturalistischen Beschreibung des Landarbeiterlebens. Hacks nennt das den Menschen und seine Möglichkeiten zum Thema machen6.

Die Möglichkeiten der Menschen werden im übrigen zahlreicher, je weniger der Mensch ein unterdrücktes und geknechtetes Wesen ist. Die gute Nachricht aus der Zukunft ist also, dass wir in der Kunst künftig mit einer breiteren Varianz von Charakteren, die viele Handlungsoptionen haben, rechnen können. Engels nennt das den »Sprung der Menschheit aus dem Reich der Notwendigkeit in das Reich der Freiheit.«7

Das Aufzeigen menschlicher Handlungsoptionen in der Kunst ist also im besten Fall ein gerichtetes, auf eine bessere Welt bezogenes. Nun ist der Begriff der Utopie bei Lukács nicht sonderlich positiv besetzt, davon dürfen wir uns aber nicht täuschen lassen. Lukács hat keinen positiven Utopiebegriff, weil er ihn mit einem abstrakten Utopismus gleichsetzt, in dem die Utopie gerade nicht mit den Verhältnissen der konkreten Wirklichkeit vermittelt ist und deshalb zur beziehungslosen Träumerei, zum quasireligiösen Trugbild avanciert. Die Andeutung einer Vermittlung von Ziel und Wirklichkeit, das Hinausweisen der Kunst über sich selbst und die Betonung menschlicher Handlungsmöglichkeiten wie wir sie skizziert haben, widersprechen einem solchen Utopismus zutiefst, der die Utopie unserer Welt eben nur als Dualität schroff und feindlich gegenüber stellt.

Nun können wir keinen Konstruktionsplan für »das gute Kunstwerk« angeben, das ist eines der Probleme, mit denen wir uns herumschlagen müssen, wenn wir der Überzeugung sind, dass Form und Inhalt eines Kunstwerks einander angemessen sein sollten. Diese Frage ist nur konkret in der Betrachtung eines einzelnen Werks zu beantworten. Das ist – nebenbei bemerkt – auch eines der ästhetischen Probleme in der Beziehung zwischen einzelnem Werk und Gattung. Die Gattung existiert nicht a priori vor dem Werk, sie wird gemacht durch die Werke, weshalb zwischen Werk und Gattung kein einfaches Subsumptionsverhältnis besteht. Statt dessen fügt jedes Werk der Gattung etwas hinzu. Ein Konstruktionsplan, bestehend aus allgemeinen Regeln, die dann konkret umgesetzt würden, entspräche dann jedoch genau jenem Subsumptionsverhältnis, das dem Kunstwerk, das doch im Modus der Kategorie der Besonderheit existiert, nicht gerecht werden kann. Wir müssen uns also mit der Formulierung ästhetischer Prinzipien zufriedengeben.

Sowohl für Lukács als auch für Hacks ist die Vollendung des Werks zentraler Bestandteil der Ästhetik. Die Abgeschlossenheit der Form, die Vollendung des Werks wird benötigt, damit das Werk weltschaffend wirken kann. Der Mensch findet dann in der Kunst eine Welt vor, die ihm gemäß ist, die er aber gleichzeitig als von ihm gemacht und damit als veränderbar erkennt. In der Kunst erfahren wir sinnlich eine dem Menschen angemessene Welt als Totalität, während wir im Alltag die Totalität der Welt niemals erfahren, sondern nur gedanklich fassen können.

Wenn die Kunst die Aufgabe hat, das unmittelbar Unsichtbare, das Wesen, sichtbar werden zu lassen, dann benötigt sie die abgeschlossene Form, denn das unmittelbar im Alltag Unsichtbare sind Strukturen und Verhältnisse, die in der vereinzelten Versatzstückhaftigkeit offener, unabgeschlossener Formen nicht zum Ausdruck gelangen können. Bei Hacks finden wir die Bemerkung: »Das Fragmentarische, so ist es gemeint, soll die Unendlichkeit des Auszusagenden andeuten. Das Vollendete, so wende ich ein, deutet die Vollkommenheit des Auszusagenden an.«8 Die Vollendung der Form ist nicht nur notwendig, damit das Kunstwerk weltschaffend werde, sondern auch, damit es auf die Utopie verweisen kann.

IV

Von Hegel wissen wir, dass Extreme ineinander umschlagen. Dass Hacks seinen Hegel gelesen hat, wissen wir spätestens seit seiner Beschreibung der Romatik. Dass dies auch für Lukács gilt, können wir anhand seiner Analyse von Naturalismus und Avantgarde nachvollziehen. Aus dem Gebot der Naturalisten, die Realität genauso abzubilden, wie sie dem Alltagsbewusstsein erscheint, ergibt sich ein Auswahlproblem, da das naturalistische Gebot nicht zu erfüllen ist: Eine 1:1-Abbildung der Welt ist nicht möglich. Die Naturalisten müssen also ebenso wie die Realisten auswählen – sie tun es nur schlechter. Denn auf der Ebene der Erscheinungen gibt es keine Gewichtungen, eine Gewichtung entsteht erst im realistischen Anspruch, aus der Fülle der Erscheinungen die wesentlichen Strukturen der Wirklichkeit herauszuarbeiten. Die Kriterien, nach denen Naturalisten auswählen, bleiben also willkürlicher und unsystematischer. Derselbe Unwille zur Auswahl zeigt sich auch in avantgardistischen Fragmenten, die den ungeordneten, nivellierenden, bruchstückhaften Charakter unserer Alltagswahrnehmung reproduzieren, obgleich als ästhetisches Ziel oftmals die Suche nach »dem Wesen der Dinge« angegeben wird. Dieses Wesen wird jedoch als von der Erscheinungswelt völlig losgelöst betrachtet – obwohl das Wesen sich nach Hegel in den Erscheinungen zeigen muss.

Die scheinbar entgegengesetzten Konzepte von Naturalismus und Avantgardekunst rücken hier erstaunlich eng zusammen, misslingt doch beiden die Vermittlung von Wesen und Erscheinung.

Um besser auswählen zu können, hilft das Denken vom Werkganzen her. Hacks weiß: Ein Kunstwerk kann nicht alles leisten, was es aber leisten kann, sollte es möglichst gut leisten. Damit es mindestens eine Sache gut kann, müssen alle Bestandteile eines Kunstwerks dem Kunstziel untergeordnet werden. Aus der Ausrichtung des Werks nach dem Kunstziel ergibt sich eine Abstufung von Wichtigem und weniger Wichtigem, ein Kriterium, welche Ideen und Stilmittel für das konkrete Werk angemessen sind. Das Kunstziel wirkt ordnend. Zur Verwirklichung des Ziels gehört die Vollendung des Werks, die einen Rahmen bietet, damit sich das Wesentliche von der Erscheinung der Oberfläche abheben kann.

Erinnern wir uns einmal an die Höhlenmalerei. Der Grund, warum sie uns im Vergleich zu jüngerer Kunst etwas primitiv vorkommt, ist nicht die Ungenauigkeit der Zeichnung. Es gibt Höhlenmalereien, die verschiedene Tierarten erstaunlich detailgetreu darstellen. Aber trotz dieses Detailreichtums bleiben sie – einzelne. Erst mehrere tausend Jahre später, in der Renaissance, kamen die Menschen auf die Idee, die Horizontlinie und mit ihr die perspektivische Darstellung einzuführen, die uns erstmals ein Gefühl für den Raum gibt, in diesem Beziehungen sichtbar werden lässt. Plötzlich können wir Größenverhältnisse zwischen verschiedenen Gegenständen realistisch abschätzen. Das Bild ist weltschaffend geworden. Für dieses neue Raumerlebnis muss der Raum, den das Bild eröffnet, begrenzt sein. Sonst könnten wir ihn nicht von unserer unmittelbaren Umwelt unterscheiden.

Nun ist es so, dass die Vollendung von Werken und die Wertschätzung für durchkomponierte, weltschaffende Kunst kein sonderlich neuer Gedanke ist. Es ist nur in diesen Tagen ein außerordentlich unpopulärer Gedanke. Wenn eine marxistische Ästhetik diesen Gedanken aufgreift, führt das dazu, dass – wir haben es eingangs schon erwähnt – sich Leute, die sich für progressive Kunst interessieren, plötzlich in einem Team mit seltsamen anderen Leuten wiederfinden, die sich vielleicht gar nicht als Kommunisten begreifen, gar keine kommunistische Kunst machen wollten, aber aus Versehen zur richtigen Widerspiegelung der Welt mit den Mitteln ihrer jeweiligen Kunstgattung beigetragen haben. Lukács nennt in der Reihe unerwarteter Verbündeter beispielsweise Honoré de Balzac und Thomas Mann. Und nicht umsonst stellt Lukács seinem heimlichen Hauptwerk, der »Eigenart des Ästhetischen« dieses Zitat von Marx voran: »Sie wissen es nicht, aber sie tun es.«9 Die gute Nachricht lautet also, dass die Künstler selbst keine besondere politische Intention verfolgen müssen, um uns große Werke zu hinterlassen. Die schlechte, dass auch ein großes theoretisches Verständnis von der Welt und eine marxistische Weltanschauung kein Garant ist, für das Schaffen guter Kunst. Wo die eben skizzierte Kunstauffassung Werke von Künstlern aus anderen politischen Lagern ohne Probleme inkludieren kann, verurteilt sie gleichermaßen die Werke von Leuten, die sich als Kommunisten begreifen, die jedoch mit ihrer Kunst die Welt nicht im eben dargelegten Sinn widerspiegeln. Die historischen Belege für solche Debatten sind vielfältig, denken wir beispielsweise an die Realismusdebatten im Umkreis des Allunionskongresses von 1934 oder den Expressionismusstreit.

Aber vielleicht ist das der Preis, den wir zahlen müssen, wenn wir Kunst nicht nach politischen, sondern ästhetischen Maßstäben bewerten. Wenn wir in der Kunst nicht Künstler, sondern Werke beurteilen wollen.

1 Peter Hacks: Ascher gegen Jahn. In: ders.: Werke, Bd. 14. Berlin 2003, S. 321–448, hier S. 323

2 Thomas Keck und Jens Mehrle (Hrsg.): Zur Realismustheorie von Georg Lukács. In: dies. (Hrsg.): Berlinische Dramaturgie, Bd. 3. Berlin 2010, S. 81–151, hier S. 104

3 Georg Lukács: Die Eigenart des Ästhetischen. Bd. 1. Berlin und Weimar 1981, S. 125f.

4 Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Grundlinien der Philosophie des Rechts. In: Ders.: Hauptwerke in sechs Bänden, Bd. 5. Hamburg 2015, S. 15

5 Hegel sagt: »Wenn die Philosophie ihr Grau in Grau mahlt, dann ist eine Gestalt des Lebens alt geworden, und mit Grau in Grau lässt sie sich nicht verjüngen, sondern nur erkennen; die Eule der Minerva beginnt erst in der Dämmerung ihren Flug.« Ebd., S. 16

6 Peter Hacks: Das Poetische. Ansätze zu einer postrevolutionären Dramaturgie. Versuch über das Theaterstück von morgen. In: HW 13. Berlin 2003, S. 20–37, hier S. 23 f.

7 Friedrich Engels: Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft. In: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 19. Berlin 1973, S. 226

8 Peter Hacks: Der Meineiddichter. In: HW 13, S. 258–272, hier S. 259

9 Karl Marx: Das Kapital. In: Werke, Bd. 23. Berlin 1968, S. 88

Kristin Bönicke lebt in Berlin und studiert dort Philosophie und Deutsche Literatur.

Am 9. März wird sie auf der Hans-Heinz-Holz-Tagung in Wien einen Vortrag mit dem Titel »Zum Verhältnis von Form und Inhalt in der Ästhetik von Georg Lukács und Hans Heinz Holz« halten. Hofburg, Batthyanstiege (1. Stock), Jura-Soyfer-Saal

peter-hacks-gesellschaft.de

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