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Aus: Ausgabe vom 09.02.2019, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Findischkeit kennt keine Grenzen

Von Arnold Schölzel
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Am Dienstag berichtete tagesschau. de, die Bundesrepublik habe der NATO »offenbar neue Zusagen« zur Steigerung ihres Kriegsetats gemacht. Über die für 2024 angekündigten 1,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) hinaus sehe jetzt ein Strategiepapier noch höhere Ausgaben vor. Begründung: Die Russen. Am Mittwoch war zu hören, die Unionsfraktion wolle die 1,5 Prozent schon 2021 erreichen und dann, wie von NATO und Donald Trump verlangt, auf zwei Prozent des BIP aufstocken.

Es geht voran beim Panzerkauf – wie stets mit frömmster Absicht trotz russischem Nachbarn. Das unterstreicht auch ein Text, den Silvia Stöber, freie Mitarbeiterin der Rubrik »Faktenfinder« auf ­tagesschau.de, dort am Mittwoch unter dem Titel »Donald Trump: Eine Marionette Putins?« veröffentlichte. Untertitel: »Der Umgang mit der NATO, die Kündigung des INF-Vertrages – viele Entscheidungen von US-Präsident Trump kommen Russland entgegen. Zufrieden kann Putin dennoch nicht sein«. Was wohl heißen soll: Wenn Trump die NATO zu mehr Aufrüstung gegen Russland anspornt und das System internationaler Abrüstungsverträge zertrümmert, dann ist das gut für Russland, aber reicht Putin »dennoch« nicht. Das wirft Fragen auf: Ist Putin erst zufrieden, wenn sein Hampelmann im Weißen Haus Russland totgerüstet hat? Oder ist er eine Marionette Trumps? Weiß Silvia Stöber über beide etwas, wovon die keine Ahnung haben? Sind sie ein Paar?

Salat dieser Art richtet die Autorin gern an. Im April 2017 schrieb sie z. B. nach der ersten Runde der französischen Präsidentschaftswahlen im »Faktenfinder«: »Die Sorgen waren groß, dass Russland Einfluss auf den Wahlkampf in Frankreich nehmen würde. Doch angekündigte Enthüllungen blieben bislang aus. Sichtbar ist jedoch eine langfristige Strategie.« Das sollte wohl heißen: Wenn die Russen nichts machen, beweist das nur das Gegenteil, weil das zu beweisen war. Gäbe es einen Preis für alternative Logik, Silvia Stöber wäre zusammen mit der stets friedlichen NATO, die ständig irgendwo bombt, aussichtsreiche Anwärterin.

Ihr Mittwochstext könnte eine Jury endgültig überzeugen. Sie startet z. B. damit: Vieles scheine die Befürchtungen, Trump sei ein Kreml-Mann, »zu bestätigen«, unter anderem: »Es ist nach wie vor offen, ob Putin etwas gegen Trump in der Hand hat.« Aha. Eine nicht vorhandene Tatsache ist für Silvia Stöber so etwas wie ein Beweis. Das hat »Blauer Bock«- und Hape-Kerkeling-Format: »Findischkeit kennt keine Grenzen, Findischkeit kennt kein Pardon.« Stöber also weiter: »Zupasskommen dürfte Moskau Trumps Umgang mit den Verbündeten der USA, insbesondere mit der NATO, die die russische Führung als Gefahr für die nationale Sicherheit ansieht.« Tz, tz, diese Russen. Und Trump habe die Verbündeten »vor den Kopf gestoßen«. Da reibt sich der Moskowiter die Hände, und die Berliner erhöhen noch schneller den Rüstungsetat. Zum Pläsier Putins, wie wir von Silvia Stöber wissen. Die hat noch einen auf Lager: Trump habe »ohne Koordinierung« den INF-Vertrag gekündigt, und es habe »Vertrauensverlust« bei Verbündeten gegeben. Horror im Hauptquartier: Die NATO-Außenminister haben Anfang Dezember 2018 in Brüssel unkoordiniert das US-Ultimatum zum INF-Vertrag unterstützt. Egal, die Faktenfinderin ist gerade in Fahrt: Freude habe in Moskau geherrscht, als Trump den Rückzug von US-Truppen aus Syrien ankündigte. Wer die Gemütszustände im Kreml so genau kennt, muss nicht erwähnen, dass der US-Senat am Montag mit 70 gegen 26 Stimmen beschloss: kein »übereilter Abzug«.

Zu Silvia Stöber und ihren wertvollen Beiträgen zur Faktenableiterei hat Wilhelm Busch einst das Passende geschrieben, leicht abgewandelt: ’Nen Fakt erfinden ist nicht schwer, Fakten finden dagegen sehr.

Gäbe es einen Preis für alternative Logik, Silvia Stöber wäre zusammen mit der stets friedlichen NATO, die ständig irgendwo bombt, aussichtsreiche Anwärterin.

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