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Aus: Ausgabe vom 09.02.2019, Seite 15 / Geschichte
Faschismus

Die unterschlagene Enzyklika

1938 bestellte Papst Pius XI. ein Rundschreiben, das sich gegen die Judenverfolgung stellen sollte. Der Vatikan ließ den Entwurf verschwinden
Von Gerhard Feldbauer
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Papst Pius XI. bei der Arbeit an seinem Vermächtnis (Vatikan, o. D.)

Wollte der vor 80 Jahren am 10. Februar 1939 verstorbene Achille Ratti alias Papst Pius XI. am Ende seines Lebens der Judenverfolgung durch die Faschisten in Deutschland und Italien Einhalt gebieten? Dafür spricht, dass er im Juni 1938, nach der Übernahme der Rassengesetze des »Dritten Reiches« durch Benito Mussolini, den US-amerikanischen Jesuitenpater John La Farge beauftragt hatte, den Entwurf einer diesbezüglichen Enzyklika auszuarbeiten. Das päpstliche Rundschreiben sollte zu Nationalismus, Rassismus und Judenverfolgung Stellung beziehen und den Titel »Humani generis unitas« (Einheit des Menschengeschlechts) tragen.

Zwei Belgier, der Benediktinerpater Georges Passelecq, Vizepräsident der Nationalen Belgischen Kommission der Katholischen Kirche für die Beziehungen zum Judentum, und der an der Universität Strasbourg lehrende Historiker Bernard Sucheky, entdeckten in den Vereinigten Staaten in den 1990er Jahren eine Kopie des von La Farge angefertigten Entwurfs, den sie anschließend veröffentlichten.

Katholischer Faschismus

Für eine Distanz zum Faschismus war Pius XI. zuvor nicht bekannt gewesen. Nach seiner Wahl am 6. Februar 1922 hatte er nicht nur aktiv zum Machtantritt Mussolinis im Oktober des Jahres beigetragen, sondern ihm gemeinsam mit dem Industriellenverband Confindustria auch über die sogenannte Matteotti-Krise 1924/25 hinweggeholfen. Der Sozialistenführer Giacomo Matteotti hatte anlässlich der Scheinwahlen im April 1924 öffentlich den Terror Mussolinis entlarvt und war daraufhin ermordet worden, was zu einer Protestwelle führte, die die Diktatur zu stürzen drohte. Das Hausblatt des Papstes, der Osservatore Romano, lobte daraufhin die »feste Haltung« Mussolinis und wandte sich gegen antifaschistische Aktionen. Nach der Unterzeichnung der Lateranvertäge am 11. Februar 1929 hob Pius XI. zudem ausdrücklich die »persönlichen Verdienste« Mussolinis am Zustandekommen der Verträge hervor und nannte ihn »einen Mann, mit dem uns die Vorsehung zusammenführte«. Außerdem schloss er am 20. Juli 1933 mit Adolf Hitler das Reichskonkordat, das die deutschen Katholiken verpflichtete, sich hinter die »nationale Regierung« zu stellen. Bereits zuvor hatte er am 15. Mai 1931 die Enzyklika »Quadragesimo anno« (»Im vierzigsten Jahr«) erlassen, die im Anschluss an das vierzig Jahre zuvor erschienene Rundschreiben Papst Leos XIII. »eine schonungslose Unterdrückung« der Kommunisten forderte und die Untätigkeit bestimmter Regierungen ihnen gegenüber scharf verurteilte. Darin hieß es, die Kommunisten ebneten »den Weg zum Umsturz und zum Ruin der Gesellschaft«. Unzweideutig brachte der Papst zum Ausdruck, dass die Rettung allein im Faschismus liege. Der Schriftsteller Ignazio Silone nannte »Quadragesimo anno« ein »Manifest des katholischen Faschismus«.

Nach der Eroberung Äthiopiens (damals Abessinien) zwischen Oktober 1935 und Mai 1936, bei der allein geschätzt 275.000 Einwohner umgebracht wurden, glorifizierte der Vatikan Mussolini als »einen wunderbaren Führer«, der das Kreuz Christi in alle Welt trage. Der Mailänder Kardinal Ildefonso Schuster feierte im Dom der Stadt die barbarische Eroberung gar als einen »Evangelisationsfeldzug und als ein Werk christlicher Zivilisation zum Wohl der äthiopischen Barbaren«.

Im September 1938 übermittelte John La Farge den Entwurf der Enzyklika an seinen Vorgesetzten, den Jesuitengeneral Wladimir Ledochowski, nach Rom. Der zur Gruppe der fanatischsten Unterstützer des Faschismus gehörende Ledochowski nahm den Entwurf an sich und verbarg ihn vier Monate lang. Papst Pius XI. soll das Dokument erst kurz vor seinem Tod erhalten haben. Seitens der Kirche wurde seitdem nicht mehr von dem Text gesprochen. Einzig Papst Johannes XXIII. erwähnte im Februar 1959 anlässlich des 20. Todestages von Pius XI. die Enzyklika und äußerte, dass sein Vorgänger an einer Rede gearbeitet habe, die er zum zehnten Jahrestag der Lateranverträge habe halten wollen. »Ruhe und Frieden« seien ihr Thema gewesen.

Mysteriöser Tod

Trotz einer zwiespältigen Ausrichtung des Enzyklika-Entwurfs betrachteten ihn die reaktionärsten Kleriker im Vatikan als Affront gegen Mussolini. Der französische Kardinal Eugène Tisserant äußerte, der »Duce« habe Pius XI. ermorden lassen, um die Eröffnung eines Sonderkonklaves am 11. Februar 1939, auf dem der Papst zur Enzyklika habe sprechen wollen, zu verhindern. Fakt ist, dass der Papst in der Nacht zum 11. Februar von dem Arzt Dr. Francesco Pettaci, Vater der Geliebten Mussolinis, Clara Pettaci, eine Spritze erhielt und darauf um 5.31 Uhr verstarb. Wie nicht wenige mysteriöse Papsttode ist auch dieser bis heute nicht aufgeklärt.

Der Nachfolger Pius XII. zerstreute alle Bedenken über Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Vatikan und Mussolini. Als erstes stellte er sich nach seinem Amtsantritt am 2. März 1939 hinter die mit aktiver Unterstützung Hitlers und Mussolinis wie auch seines Amtsvorgängers erfolgte Niederschlagung der Spanischen Republik, die kurz vor ihrem Ende stand und der bereits Hunderttausende Menschen zum Opfer gefallen waren. Während nach dem Sieg Francesco Francos in Spanien die Mordkommandos wüteten, schickte Pius XII. dem »Caudillo« eine Botschaft, in der es hieß: »Die von Gott als wichtigster Diener der Evangelisation der Neuen Welt und als uneinnehmbares Bollwerk des katholischen Glaubens auserwählte Nation hat soeben den Anhängern des materialistischen Atheismus unseres Jahrhunderts den erhabenen Beweis dafür geliefert, dass über allen Dingen die ewigen Werte der Religion und des Geistes stehen.« Ein Glückwunschtelegramm für den Sieg in Spanien erhielt auch Hitler, dem der Heilige Vater »mit besten Wünschen den Segen des Himmels und des allmächtigen Gottes übermittelte«.

Die in Auftrag gegebene Enzyklika hätte gegen die Rassengesetze ein Zeichen setzen können. Doch dem entsprach der widersprüchliche Entwurf, besonders was die Haltung zum Judentum betraf, in keiner Weise. Er wies den »Rassenbegriff« als biologisch abgeleitet zurück, war aber vor allem ein Mix aus einer verbalen Verurteilung des Antisemitismus mit der antijudaistischen Haltung der Kurie. Obwohl von einer »erbarmungslosen Kampagne gegen die Juden«, von Millionen von Menschen, »die auf dem Boden ihres eigenen Vaterlandes der elementarsten Bürgerrechte und Privilegien beraubt werden«, wobei ihnen »das Brandmal des Verbrechens aufgedrückt« wird, die Rede war, folgten dem die bekannten Vorwürfe gegen die »eigensinnigen Juden«, die, »von weltlichem Gewinn und materiellem Erfolg verblendet«, zum »Stein des Anstoßes für alle übrigen Völker« geworden seien. »Dieses unglückliche Volk, das sich selbst ins Unglück stürzte, dessen verstockte Führer den göttlichen Fluch auf ihre eigenen Häupter herabbeschworen« hätten, scheine dazu verurteilt, »ewig über die Erde zu irren«.

Zit. n. Georges Passelecq/Bernard Sucheky: Die unterschlagene Enzyklika. Der Vatikan und die Judenverfolgung, München/Wien 1997, S. 261–271)

Solche Passagen, wäre die Enzyklika veröffentlicht worden, hätten der Nazipropaganda eher Vorschub geleistet. Hatte doch auch Hitler, ohne auf Widerspruch im Vatikan zu stoßen, gegenüber dem Osnabrücker Bischof Hermann Wilhelm Berning geäußert: »Die katholische Kirche hat die Juden 1.500 Jahre lang als Schädlinge angesehen, sie ins Ghetto gewiesen usw., da hat man erkannt, was die Juden sind. In der Zeit des Liberalismus hat man diese Gefahr nicht mehr gesehen. Ich gehe auf das zurück, was man 1.500 Jahre lang getan hat. Ich stelle nicht die Rasse über die Religion, sondern ich sehe die Schädlinge in den Vertretern dieser Rasse für Staat und Kirche, und vielleicht erweise ich dem Christentum den größten Dienst«.

Zit. n. Ernst Klee: »Die SA Jesu Christi«. Die Kirchen im Banne Hitlers, Frankfurt 1989, S. 32

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Leserbriefe zu diesem Artikel:

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