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Aus: Ausgabe vom 09.02.2019, Seite 11 / Feuilleton
Berlinale

Aus der Gruft

Erste Eindrücke von der Berlinale
Von Peer Schmitt
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Wenn diese beiden konferieren, wird etwas Schlimmes dabei herauskommen: Dick Cheney (Christian Bale, l.) und George W. Bush (Sam Rockwell) in »Vice«

Es begann mit einem leichten Seitenstechen nach der zweiten Rotweinflasche. Es wurde bald schon schlimmer. Die ernüchternde Diagnose: akute Nierenbeckenentzündung. Doch an so einem Filmfestival wie der Berlinale kann man inzwischen dank Vorab-­Streams auch aus der Matratzengruft oder dem Zweitbüro in Oklahoma City teilnehmen. Problemlos. Nur auf die alten Gewohnheiten des ästhetischen Zustands muss man dabei verzichten lernen.

Wirklich? Gerade in der Matratzengruft prägten sich plötzlich Filmszenen ein, die bestimmte Bücher zeigen. Die sozusagen aus Buchtiteln ­bestehen. Ganz alte Gewohnheit. Zufälligerweise waren es dann auch Filme aus dem Forum.

In »Fukuoka« von Zhang Lu geht es dann tatsächlich darum, an zwei Orten gleichzeitig zu sein – in Japan und Korea, in einem Antiquariat und in der Kneipe. Für die Mirakel ist eine rätselhafte junge Frau zuständig, die alle Sprachen zu sprechen scheint und ein klassisches erotisches Werk der chinesischen Literatur liest. Und da ich nicht fließend Chinesisch lese, musste ich mir das anderweitig besorgen. Fünf Bände des »Chin P’ing Mei«, als »The Plum in the Golden Vase« übersetzt von David Tod Roy in der Princeton University Press. Pornographie als Welterschließungsmodell für schmerzliche Tage.

Die Formalisierung des ästhetischen Zustands, die der Literaturtheoretiker Max Bense einst von ein paar amerikanischen Mathematikern entlehnt hatte, lässt unser Freund Max Linz in seinem Forumsbeitrag »Weitermachen Sanssouci« von einem Lehrauftragssklaven auf die Tafel der Universität kritzeln. Ich habe das zunächst gar nicht wiedererkannt. Selbst Kunst formalisieren zu wollen, war Ausdruck eines ungeheuren Fortschrittsoptimismus. Der hatte auch politische Folgen. Etwa die Experimente mit einem kybernetischen Sozialismus unter dem Projektnamen »Cybersyn« in Chile 1971–73. Das war freilich der großartigste Technooptimismus.

Die Gegenwart gibt für dergleichen leider wenig Anlass. Vor ein paar Tagen schaute ich zitternd die »State of the Union«-Rede von Donald Trump live auf Youtube. Und nach all den filmischen Herzschmerzinszenierungen bestand die Rede plötzlich nur noch aus Drohungen: Venezuela, Iran, China – zieht euch warm an! Hinter der volltrotteligen Fassade lauern wirklich die Kräfte des Bösen. Zum Vergleich läuft auf der Berlinale außer Konkurrenz das Dick-Cheney-Biopic »Vice«. Es ist schon ein gutes halbes Jahr alt und, wenn man es drauf anlegt, überall zu sehen.

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