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Aus: Ausgabe vom 09.02.2019, Seite 11 / Feuilleton
Berlinale

Kapitalistischer Realismus

Mit Sachverstand kuratiert: Die Sektion »Generation« bietet kluge Einblicke ins Weltgeschehen
Von Peer Schmitt
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Pubertätspause: Mylia (Émilie Bierre) entspannt sich

Skandinavien, pazifischer Raum, China, Japan, Korea, Australien, Neuseeland, Lateinamerika. In der – in »Generation 14plus« und »Generation Kplus« gegliederten – Sektion »Generation« laufen nicht nur Meisterwerke, aber man bekommt einen guten Einblick ins Weltgeschehen. Und das aus einer zwar nicht zwingend vernünftigen, aber idealen Perspektive, nämlich der von Kindern und Jugendlichen. Das bessere »Panorama« ist diese Sektion sowieso.

Das »Panorama« demonstrierte seinen desaströsen Zustand gleich zur Eröffnung, mit »Flatland« von Jenna Bass. Die ZDF-Redaktion »Das kleine Fernsehspiel«, Arte, das südafrikanische Handelsministerium, eine Luxemburger Firma und der World Cinema Fund haben den grotesken Schwachsinn einer unfreiwilligen Westernparodie im Südafrika der Gegenwart zusammengeschustert. Da sind jedwede Scham, Vernunft und Qualitätskontrolle lange schon abhanden gekommen. Wichtig scheint nur, dass irgendetwas da ist, das entfernt einem Film ähnelt, um so Pfründe, Förder- und Steuerhinterziehungsgelder zu sichern. Ein sogenanntes »Weltkino« dient dem lediglich als Vorwand.

Der Eröffnungsfilm der Sektion »Generation 14plus« ist ebenfalls einem symptomatischen Zustand gewidmet: In »We Are Little Zombies« von Makoto Nagahisa treffen sich vier Kinder in einem Krematorium in Tokyo. Ihre Eltern sind ums Leben gekommen. Mit Hilfe einer sentimentalen 80er-Videospielästhetik beschließen sie zu zombifizieren. Nebenbei gründen sie eine Popband, die Little Zombies. Das gute alte Pop-Parodie-Musical-Ding nimmt seinen Lauf.

Für eine ihrem Anspruch nach totale Groteske schleppt der Film sich ein bisschen zu sorglos dahin. Immerhin wird man – einmal mehr – darauf hingewiesen, dass Zombies die offensichtlichste Personifikation des »kapitalistischen Realismus« sind. Denn »das Kapital«, so sah es der Theoretiker Mark Fisher, »ist ein abstrakter Parasit, ein unersättlicher Vampir und Zombieproduzent (zombie-maker), doch das lebendige Fleisch, das es in tote Arbeit verwandelt, ist das unsrige, und die Zombies, die es produziert sind wir selbst«.

Leiser, vorsichtiger ist der frankokanadische Film »Une Colonie« von Geneviève Dulude-De Celles. Da geht es um die Freundschaft eines frühpubertären Mädchens mit einem Jungen aus der Nachbarschaft, der indianische Wurzeln hat. Er ist ihr Banknachbar beim Sozialkundeunterricht; der Unterricht führt ein in die Geschichte der Kolonialisierung des Landes (Quebec). Zugleich ist »Une Colonie« eine Geschichte der Kolonialisierung des Körpers, hier des Körpers des Mädchens, dessen Identitätsbildung zwischen gewolltem Außenseitertum und handelsüblichen Mädchenrollenfächern aus Girlgroup-Pop, R&B und Hip­Hop oszilliert. Ein exzellenter, beiläufig didaktischer, vielschichtiger Film.

Teenage-Agitprop bietet »Espero tua (re)volta« von Eliza Capai. Es geht um die Schülerdemonstrationen der laufenden Dekade in São Paulo – als Dokufiction. Im Grunde eine kollektive Anstrengung und ein »work in progress«, die offen am Vorabend der jüngsten, so fatalen Präsidentschaftswahlen in Brasilien enden. Mithin ist der Film auch ein Dokument der schleichenden Faschisierung eines Landes. Trotz einiger Schwächen: lehrreich.

Einen ultradepressiven Film über das Schicksal einer Kinderprostituierten in einer Goldgräbersiedlung im nördlichen Peru an den Ufern des Amazonas haben die Regisseurinnen Bénédicte Liénard und Mary Jiménez gemacht. »By the Name of Tania« heißt er; es dominiert der Bericht der Titelfigur aus dem Off, dessen Wortlaut einem Polizeiprotokoll entnommen ist.

Die Erzählung steigert sich von vagem Geplänkel zur absoluten Härte: Entführung, Vergewaltigung, Sklaverei, Verstümmlung, Mord. All das sieht man dankenswerterweise nicht, dafür die Körper der tanzenden Mädchen, Bierflaschen, Bordellkatakomben, viel Regen und den gewaltigen Fluss – Bilder einer politischen Landschaft.

Gerade in ihrer kaum versteckten politischen Ausrichtung ist »Generation« wohl die letzte Sektion, die mit Sachverstand kuratiert wird. Was bei einem Festivalzirkus kleiner Gefälligkeiten und nicht ablehnbarer Angebote eine ungewöhnliche Leistung ist.

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