Gegründet 1947 Donnerstag, 18. April 2019, Nr. 92
Die junge Welt wird von 2181 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 09.02.2019, Seite 10 / Feuilleton
Pop

»Gut orchestriert, alle kannten ihre Rolle«

Alles längst gemacht: Das neue Album der Goldenen Zitronen leidet an Wiederholungsproblemen
Von René Hamann
Die_Goldenen_Zitrone_60224951.jpg
Auf direktem Weg zur Feinarbeit: Die Goldenen Zitronen

Das erste Problem ist der Name der Platte. »More than a Feeling« ist ein Schmock­rock-Superhit aus den 70ern. Die Band hieß wie eine Ostküstenstadt in den USA, und eigentlich möchte man ja denken: Haha, wie lustig, die Platte nach einem schrecklichen Rockstück zu benennen. Das Problem ist: Sofort hat man diesen Hit der Band Boston aus dem Jahr 1976 im Ohr – auf Dauerschleife. Und hört man noch einmal genauer nach, stellt man fest: Gar nicht so schlecht, das Stück. Echt guter Chartsrock, mit Power und allem.

Das zweite Problem sind Musik und Produktion der neuen Platte, um die es hier gehen soll, nämlich um »More than a Feeling« von der Hamburger Band Die Goldenen Zitronen. Die Zitronen haben bekanntlich als Funpunkband in den 80er Jahren begonnen, bis es dann, inspiriert und motiviert durch die »Hamburger Schule« nebenan, den entscheidenden Paradigmenwechsel gab. Fun raus, Punk nicht, aber updaten: Fortan machten die Zitronen clevere, diskursanalytische Texte zu cleverer Musik, die quengelig und angestrengt klang, immer hübsch brachial und kratzig. Allerdings sind radikal gute Platten wie »Das bisschen Totschlag« (1994) oder »Schafott zum Fahrstuhl« (2001) auch schon wieder über oder beinahe zwanzig Jahre alt.

Man könnte natürlich sagen, danach wurde weitere Feinarbeit geleistet, das Ganze Richtung technoide Elektronik und größere Diskurstiefe entwickelt – und die Platte hier stellt nun eben einen Endpunkt dieser Entwicklung dar. Man könnte aber auch voll »old school« sagen, »More than a Feeling« ist ziemlich glatt produziert. Und hat zumindest musikalisch nicht viel Neues auf der Pfanne. Ein paar Gespenstersounds und Synthieflächen auf den üblichen Beats, darüber Schorsch Kameruns Sprechgesang im Wechsel mit Ted Gaier oder eingeladenen Gästen. Immerhin könnte man »Nützliche Katastrophen« (eine Art Naomi-Klein-Vertonung) im Radio laufen lassen, wenn denn der Text nicht so unnötig kompliziert wäre, und »Bleib bei mir« ist ein gelungenes Duett mit Sophia Kennedy. Das beste Stück heißt übrigens »20x20« und ist nur knapp zwei Minuten lang.

Moment, soll das hier ein Verriss werden? Nein, nicht wirklich. Wir sprechen lediglich Probleme an. Und damit weiter zu Problem drei, der AfD. Überhaupt der gesamte politische Diskurs, der sich auf der linken Seite bemüßigt sieht, noch einmal ganz von vorn, also ungefähr bei Rosa und Wladimir Iljitsch anfangen zu müssen. »Haltung zeigen gilt heute als zentrales Merkel für politische Popkultur. Waren wir da nicht schon einmal weiter? Fanden wir nicht irgendwann mal bloß Haltung zeigen zu ausgelutscht?« So beschreibt Christoph Twickel das poppolitische Dilemma in den Linernotes der Platte. Nur: Die besten Stücke dazu haben die Zitronen längst schon gemacht. Die »geile« Verbindung zwischen neoliberalem Wahn und dessen verheerenden Auswirkungen im Privaten haben sie bereits auch ausbuchstabiert – am schönsten auf Kameruns Soloplatte »Der Mensch lässt nach« von 2013.

Auf »More than a Feeling« behelfen die Zitronen sich mit Wortmaterialschlachten und Wiederholungen, die darauf abzielen, sich durch Selbsterkenntnis zu bannen. »Mach die Musik von damals nach«, heißt es in »Gebt doch endlich zu, euch fällt sonst nichts mehr ein«, und was hier natürlich folgen muss, ist ein »sic« mit Ausrufezeichen in Klammern. Denn richtig, »eure Scheißmauern« aus demselben Stück hatten wir schon mal, nämlich in »Wenn ich ein Turnschuh wär« (auf »Lenin« von 2006). Andererseits ist Yoga im Museum vielleicht auch nicht so die Lösung.

Also alles nicht mehr so prall. Die einsilbige Sloganansage der aktuellen Die-Türen-Platte (Beispiel: »Miete Strom Gas«) scheint im Augenblick jedenfalls mehr zu funzen als die wortreichen Erklärungs- und Einordnungsversuche der Expunks aus Hamburg. Obwohl, aufzuarbeiten gibt es ja einiges: »Die alte Kaufmannsstadt Juli 2017« beschäftigt sich noch mal brav und auch selbstkritisch mit dem Klassentreffen der G8 damals. Alte, linke Erzählungen. »Gut orchestriert, alle kannten ihre Rolle«, heißt es in dem Abschlussstück der Platte. Wie ja auch zu beweisen war.

Die Goldenen Zitronen: »More than a Feeling« (Buback/Indigo)

Regio:

Mehr aus: Feuilleton