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Aus: Ausgabe vom 09.02.2019, Seite 5 / Inland
Medizinische Fortbildung

Deckmantel für Pharmalobby

Arzneimittelbranche gibt Millionen Euro für Weiterbildungen von Ärzten aus. Nun kehrt der Marktführer Deutschland den Rücken
Von Ralf Wurzbacher
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Medikamente liegen in den Regalen eines Kommissionierautomaten (April 2015)

Omniamed, einer der führenden Anbieter medizinischer Fortbildungen, zieht sich vom deutschen Mark zurück. Das Unternehmen stand seit längerem wegen seiner Nähe zur pharmazeutischen Industrie in der Kritik und wurde dafür im vergangenen Herbst durch die Landesärztekammer Baden-Württemberg mit dem Entzug der sogenannten CME-Zertifizierung abgestraft. Das Kürzel steht für »Continuing Medical Education«, und das System dahinter gilt als Garant zur Sicherung der Qualität im Gesundheitssystem. Mit dem Erwerb von CME-Punkten müssen Ärzte den Nachweis erbringen, fachlich auf der Höhe der Zeit zu sein. Im Vorjahr hatte die Organisation »Mein Essen zahl’ ich selbst – Initiative unbestechlicher Ärztinnen und Ärzte« (MEZIS) aufgedeckt, dass Omniamed-Tagungen vor allem als Werbeplattformen für Arzneimittel und ihre Hersteller dienen (jW berichtete).

Wie das Handelsblatt am Mittwoch schrieb, ist der Rückzug aus Deutschland dann auch eine Reaktion auf das hierzulande in die Schusslinie geratene Geschäftsmodell. So seien zuletzt in Münster auf einen Schlag drei Veranstaltungen wegen »mangelnder Produktneutralität« nicht genehmigt worden, Absagen habe es zudem in Stuttgart und Dresden gegeben. Wer als Facharzt in fünf Jahren nicht 250 Fortbildungspunkte sammelt, dem droht der Verlust der Zulassung durch die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV). Zu CME-Punkten gelangt man allerdings nur mit Seminaren, die von den Ärztekammern zertifiziert sind. Dort, wo es keine »Beute« zu holen gibt, kreuzen keine Ärzte auf, wodurch – wie offenbar im Fall ­Omniamed – auch die Pharmalobby ihr Interesse verliert, Geld für solche Kongresse lockerzumachen.

Die Pharmabranche gibt jährlich Dutzende Millionen Euro für Sponsoring aus, darunter die Mitfinanzierung von Weiterbildungen. Neben ihrem Geld bringen die Konzerne auch Referenten in eigener Sache mit. MEZIS hat die Omniamed-Aktivitäten seit Anfang 2018 unter die Lupe genommen. In über 90 Prozent der untersuchten Fälle tauchten Vortragende auf der Gehaltsliste von Unternehmen auf, die als Sponsoren der jeweiligen Tagung in Erscheinung traten. Dadurch gerieten die Beiträge zu »reinen Werbeblöcken«, bilanzierte die Organisation. Das Geschäftsmodell führe »nachweislich zu schlechteren Fortbildungsergebnissen und verändertem Verschreibungsverhalten« und benachteilige obendrein »interessenkonfliktfreie, kleinere Anbieter«.

Gegenüber dem Handelsblatt begründete ein Omniamed-Sprecher den Rückzug mit einem schwierigen Marktumfeld. Die Akzeptanz für das Sponsoring von Fortbildungsveranstaltungen habe sich »spürbar verringert«. Dem Bericht zufolge lassen Arzneimittelhersteller mitunter 200.000 Euro für die Ausrichtung von Ein-Tages-Konferenzen springen und bieten Referenten auf, »deren Themen eine auffällige Nähe zu den Medikamenten der Sponsoren aufweisen«. Das alles hat sich natürlich auch für Omniamed gelohnt. Der selbsternannte Marktführer in Deutschland soll zuletzt einen Umsatz von 8,5 Millionen Euro erzielt und 500 Referenten an sich gebunden haben. Wie das Unternehmen auf seiner Webseite mitteilte, werde sich die Unternehmensgruppe »künftig voll auf ihre internationalen Aktivitäten konzentrieren«.

Für Christiane Fischer, ärztliche Direktorin bei MEZIS, kommt die Geschäftsaufgabe »überraschend«. Die Firma hatte gegen den Entzug der CME-Zertifizierung durch die Landesärztekammer Baden-Württemberg Widerspruch eingelegt. Dass das Management nicht einmal eine Entscheidung in der Sache abgewartet hat und auch gegen die Ablehnungen in Münster gar nicht erst vorgegangen ist, erstaunt auch Fischer. Gleichwohl sehe man sich durch den Vorgang im eigenen Engagement bestätigt und fordere als Konsequenz »ein größeres CME-Fortbildungsangebot, frei von Interessenkonflikten«.

Zu übertriebenem Optimismus besteht freilich kein Anlass. Nach Recherchen der Ärzteorganisation wolle mit dem Unternehmen Esanum bereits ein anderer Fortbildungsanbieter »in die Fußstapfen von Omniamed treten«. MEZIS hat deshalb auch das Geschäftsgebaren des nach Eigendarstellung führenden Ärztenetzwerks in Europa untersucht. Nach den Befunden haben fast alle Referenten »relevante, teils massive Interessenkonflikte und werden von den sponsernden Firmen bezahlt, zu deren Produkte sie Vorträge halten.« Fischers Fazit: »Die Esanum-Akademie kopiert die Omniamed-Veranstaltungen konzeptionell und hat bereits in der Auftaktveranstaltung mehr als die Hälfte der Omniamed-Referenten mit meist identischen Vorträgen direkt übernommen.«

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