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Aus: Ausgabe vom 08.02.2019, Seite 15 / Feminismus
Sie nahm kein Blatt vor den Mund

Schreibendes »Enfant terrible«

Vor 120 Jahren wurde die Journalistin, Autorin und Rundfunksprecherin Gertrud Isolani geboren
Von Christiana Puschak
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Christian Morgensterns »Galgenlieder« waren während ihrer Gymnasialzeit das Frechste und Unverschämteste, was es zur damaligen Zeit in der Literatur gab. Und sie waren ihre Lieblingslektüre. Deshalb wurde Gertrud Isolani schon in der Schule als »Enfant terrible« und von manchen sogar als »heimliche Revolutionärin« bezeichnet. Später verfasste sie unter dem Pseu­donym Ger Trud eine Morgenstern-Biographie. Wie eine Journalistin hatte sie sich auf diese Aufgabe vorbereitet – Gespräche mit einer Jugendfreundin Morgensterns geführt sowie eine rege Korrespondenz mit Morgensterns Vater und mit der Witwe des Dichters unterhalten.

Am 7. Februar 1899 war die Autorin in Dresden als Tochter der Schauspielerin Betty Perl und des Theaterkritikers Eugen Isaacsohn, der sich wegen des aufkommenden Antisemitismus Isolani nannte, geboren worden. Da ihr Vater beim Berliner Tageblatt als Journalist arbeitete, wuchs sie in der Hauptstadt auf. Hier besuchte sie das Realgymnasium, unternahm erste literarische Gehversuche, arbeitete als Sekretärin und sammelte Erfahrungen in der Pressearbeit. Ihr Vater, der ihren Wunsch, Journalistin zu werden, kannte, legte ihr nahe, als Elevin im Zeitungsarchiv zu arbeiten. Dort lernte sie den Journalismus von der Pike und wurde allseits in ihrem Vorhaben, Journalistin und Schriftstellerin zu werden, bestärkt.

1921 heiratete Gertrud Isolani den Porzellanfabrikanten Berthold Sternberg, ihre »menschlich wertvollste Begegnung«. In den 1920er Jahren nahm sie am Berliner literarischen Leben teil, arbeitete für renommierte Zeitungen wie das Berliner Tageblatt und ließ ihre Feuilletons in anspruchsvollen Zeitschriften wie dem Querschnitt erscheinen. In der Vossischen Zeitung monierte sie 1927 die mangelnde Entlohnung und die geringe Anerkennung der Übersetzungstätigkeit des Künstlers, »der nicht nur Diener am Werk eines anderen sein kann«.

Neue Möglichkeiten bot ihr das Radio. Sie, die auch gern Schauspielerin geworden wäre, wurde eine der ersten Sprecherinnen beim Berliner Rundfunk. Diese Tätigkeit erinnerte sie immer etwas an eine Bühne. Ihr gelang es, die Inhalte spannungsreich zu vermitteln, wenn sie über soziale, humanitäre oder literarische Themen sprach.

Umtriebig, wie sie war, unterhielt sie Kontakte zu Else Lasker-Schüler, Kurt Tucholsky, Bert Brecht, aber auch zu Joseph Roth und Ludwig Renn. Gefördert wurden all diese Begegnungen durch einen Jour fixe im Hause Sternberg-Isolani. Während dieser turbulenten Zeit las sie »mit glühendem Interesse«, wie sie in ihren autobiographischen Aufzeichnungen verrät, Freuds Schriften. Ergebnis war 1930, als die Psychoanalyse noch keineswegs populär war, ihr Buch »Die Seelenklinik«, das heftige Diskussionen auslöste.

Ihre vielversprechende Erfolgsgeschichte fand ein abruptes Ende mit der faschistischen Machtübernahme. Gertrud Isolani wurde als »Asphaltliteratin« und »Kulturbolschewistin« beschimpft und als Jüdin verfolgt. So blieb ihr 1933 nur übrig, Berlin zu verlassen. Im französischen Exil fand sie Arbeit beim antifaschistischen Pariser Tageblatt und veröffentlichte Kurzgeschichten. Aber auch dieser Neuanfang wurde jäh unterbrochen. 1940 geriet sie in die Fänge der SS und wurde mit ihrer Tochter Ursula im Frauenkonzentrationslager Gurs interniert. Mit Hilfe ihres Mannes konnten Gertrud Isolani und ihre Tochter fliehen und lebten zwei Jahre im Untergrund, bis ihnen 1942 die Flucht ins »Land der Sehnsucht«, die Schweiz, gelang: »Gejagt, gehetzt, verfolgt, verbannt, / Versteckt, geschnappt und fortgerannt, / (…) Gewandert, marschiert so weit, so weit / Bis zum Land der Freiheit, Gerechtigkeit.« In der Stadt Binningen ließen sie sich nieder. 1945 starb ihr Mann, 1966 ihre Tochter an den Spätfolgen der Internierung in Gurs.

Nach dem Krieg nahm Gertrud bei verschiedenen Schweizer Zeitungen und beim Radio ihre Arbeit wieder auf. Aus eigenen Erlebnissen und Erfahrungsberichten der anderen Inhaftierten in Gurs entstand ihr Tatsachenroman »Stadt ohne Männer« (1945). Darin schildert sie die Einzelschicksale der inhaftierten Frauen, zeigt aber auch die Mitmenschlichkeit und die Solidarität zwischen ihnen.

Von der Schweiz aus unternahm Gertrud Isolani viele Reisen, hielt Vorträge, organisierte einen Künstlerstammtisch und erregte Aufsehen mit dem Roman »Donor« (1949), einer frühen literarischen Auseinandersetzung mit der künstlichen Befruchtung. Erfolgreich war sie zudem mit ihrem pointierten Porträt »Golda Meir, Israels Mutter Courage« (1969) und mit ihrer humorvollen kulturhistorischen Studie »Schwiegermütter, Schwiegermütter« (1975).

In den letzten 25 Jahren ihres Lebens war sie »mit dem Herzen« Binningerin, beliebt, geschätzt und ein »Enfant terrible« bis zuletzt. Bevor sie 1988 starb, erhielt sie in Anerkennung ihrer Verdienste den Kulturpreis ihrer neuen Heimatstadt.

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