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Aus: Ausgabe vom 08.02.2019, Seite 15 / Feminismus
Schwestern schweigen nicht mehr

Infolge von »Female Pleasure«

Sexuelle Gewalt gegen Nonnen: Papst lehnt Rolle des Vertuschers ab
Von Claudia Wangerin
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Einige Priester hielten sich weder an das Zölibat noch an den Grundsatz der Einvernehmlichkeit

Während der langwierigen Aufarbeitung der Übergriffe auf Messdiener, Chorknaben und Heimkinder durch Kleriker der katholischen Kirche ist auch die sexuelle Gewalt gegen Ordensschwestern ins Blickfeld gerückt. »Ich weiß, dass Priester und auch Bischöfe das getan haben«, hat Papst Franziskus am Dienstag nach einem Bericht der Deutschen Presseagentur eingeräumt. »Und ich glaube, es wird immer noch getan.« Mehrere Geistliche seien wegen der Übergriffe suspendiert worden.

Zuvor hatte die Journalistin Lucetta Scaraffia in der jüngsten Ausgabe des Frauenmagazins der Vatikanzeitung Osservatore Romano über die Sexualdelikte berichtet. Es seien zahlreiche Beschwerden beim Vatikan eingereicht worden, denen aber nicht nachgegangen worden sei.

Einer der Auslöser der öffentlichen Debatte war wohl die Mitwirkung der Exnonne Doris Wagner an dem 2018 erschienenen Dokumentarfilm »Fe­male Pleasure«. Die Theologin und Philosophin, die heute um frauenfreundliche Interpretationen der Bibel ringt, war rund zehn Jahre zuvor in der Ordensgemeinschaft »Das Werk« in Bregenz von einem Pater vergewaltigt worden. Mit einem »Mitbruder«, der inzwischen ihr Mann ist, hatte sie sich daraufhin zum Ausstieg entschlossen. Erst später habe sie von einer Studie aus den USA erfahren, die in den 1990er Jahren ergeben habe, dass etwa 30 Prozent aller Nonnen missbraucht würden, erklärte Wagner im November in einem Interview mit dem Schweizer Nachrichtenportal watson.

Die Vatikan-Reporterin Scaraffia forderte am Mittwoch die Einsetzung einer Untersuchungskommission, lobte aber auch die Stellungnahme von Franziskus: »Es ist das erste Mal, dass der Papst oder die Kirche als Institution öffentlich eingeräumt hat, dass dieser Missbrauch stattfindet, und das ist enorm wichtig«, sagte sie der Nachrichtenagentur AFP. Sie hoffe auf schnelle Verfahren gegen die Täter.

Der Papst hatte am Dienstag auch erklärt, dass einige besonders betroffene Frauenkongregationen aufgelöst worden seien. In einem Fall sei es regelrecht zur »sexuellen Versklavung durch Priester und den Gründer« gekommen, so Franziskus. Nach Angaben seines Sprechers bezog sich der Papst mit dieser Äußerung auf die französische Kongregation der kontemplativen Schwestern vom heiligen Johannes.

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