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Aus: Ausgabe vom 08.02.2019, Seite 10 / Feuilleton

80 Fuß sind 25,11 Meter

Von Eike Stedefeldt
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Beherbergte zeitweise eine Filiale der Musikschule – die Volkshochschule Friedrichshain-Kreuzberg

Zwar stand, wie letztens erklärt, Berlins erste städtische Turnhalle Wikipedia et al. zum Trotz gar nicht in Kreuzberg. Dafür lag kurz vor der Grenze zu Mitte, der Kommandantenstraße, ein Ort gepflegter Leibesübungen, von dem im April 1864 in der Zeitschrift für das Bauwesen ein Meister des Endlossatzes kündete: »Von den hiesigen Anlagen ist insbesondere die Klugesche Privat-Turnanstalt, in der Lindenstraße belegen, zu erwähnen, welche vortrefflich eingerichtet und ausgerüstet, trotz der immerhin nur geringen Maaße der Halle von 80 Fuß lang, 22½ Fuß breit und 17 Fuß hoch, eine verhältnismäßig große Anzahl von Turnern, nämlich 50 bis 60 aufnehmen und zweckmäßig beschäftigen kann, was namentlich dadurch erreicht worden, daß die Geräthe, soweit als möglich, leicht transportabel und zu beseitigen eingerichtet und auf die möglichst geringste Raumverwendung bemessen worden sind.« Am Ende die Gesamtnote: »Seit dem Jahre 1857 in steter und starker Benutzung, sind die Geräthe durch die Erfahrung bis zum Vorzüglichen vervollkommnet worden.«

Das schrieb kein Geringerer als Carl Adolf Ferdinand Gerstenberg. Am 3. Januar 1826 als Sohn eines Ziegeleibesitzers in Magdeburg geboren, war er 1847 an Schinkels Bauakademie gekommen. Seit 1861 Berliner Stadtbaurat, hatte er 1864 just jene erste städtische Turnhalle erdacht, die der im selben Jahr zum Oberturnwart ernannte Arzt Eduard Angerstein angeregt hatte – um darin prompt eine Dirigentenstelle mit Logis zu finden. Auf politischer Ebene war zudem Verlass auf ihren Nachbarn: Der wie sie turnbegeisterte Heinrich Kochhann hatte 1830 der Armen- und 1831 der Cholera-Kommission im Kottbusser-Tor-Bezirk vorgestanden und seine soziale Ader ihm später hohe Ehrenämter eingetragen, als mächtigstes am 8. Januar 1863 den Vorsitz der Stadtverordnetenversammlung.

So ganz zufällig kam auch Gerstenbergs Lob der Anstalt in der Lindenstraße 66 nicht. Ihr Hausherr, der Apotheker Hermann Otto Kluge, besaß noch eine Turnhalle an der Potsdamer Communication 7, heute Stresemannstraße. Der drahtige Schulsportförderer hatte 1848 die Turngemeinde in Berlin gegründet, 1861 in Moabit das 2. Deutsche Turnfest geleitet und: als Turnlehrer der Berliner Berufsfeuerwehr 1860 erstmals physische Tests für Löschanwärter entwickelt. Sein Chef wiederum war bis 30. September 1875 der Kgl. Branddirektor Ludwig Carl Scabell, der die Wehr am 1. Februar 1851 gemeinsam mit dem ersten Brandinspektor Berlins etabliert hatte, welcher bis 1861 wie hieß? – Adolf Gerstenberg.

Als »Gerstenberg, Adolf, Stadt-Baurath, Köpnickerstr. 29« verortet ihn das Adressbuch von 1871 privat erstmals auf Kreuzberger Terrain, ansonsten »im Rathhaus um 12«; 1872 übergibt er Hermann Blankenstein sein Amt und kauft 1889, nun »a. D.«, das Haus Lützowufer 19b in Schöneberg.

In Kreuzberg ist einiges erhalten. So entstand 1863/64 die frühere Blinden-Anstalt in der Oranienstraße 26 nach seinen Plänen – als 20. Gemeindeschule. Auf dieses Grundstück setzte er 1867/68 auch die 42., jedoch zur parallelen Naunynstraße weisend. Die 27. und die 44., zur selben Zeit in der Wilhelmstraße 116/117 erbaut, waren bis zur Schließung 2010 als Carl-Friedrich-Zelter-Oberschule das älteste als solches genutzte Unterrichtsgebäude im Bezirk; 2012 wurde darin ein interkulturelles Familienzentrum eingerichtet. Von 1865 stammt die 28. Gemeinde- und heutige Volkshochschule in der Wassertorstraße 4, die zeitweilig eine Filiale der Musikschule Kreuzberg beherbergte. Leider stellt der aschgraue Hochhausriegel, mit dem Werner Düttmann 1968 die Wassertorstraße überbrücke, Gerstenbergs aus Klinkern errichtetes Baudenkmal buchstäblich in den Schatten.

Ein Artikel der Vossischen Zeitung vom 3. Januar 1896 anlässlich Adolf Gerstenbergs 70. Geburtstag gibt Hinweise auf weitere seiner Werke, darunter die Lokomotivfabrik des wie er in Magdeburg geborenen Unternehmers Louis Schwartzkopff. Ferner registrierte der Reporter Grußadressen »aus Halberstadt, dessen Dom Gerstenberg mit wiederhergestellt, aus Saßnitz, dessen Kirche er gebaut, aus Hamersleben, dessen Lutherturm sein Werk ist, aus Schweden, wo er die Papierfabrik am Trolhätte-Kanal erbaut, aus Brasilien und Ungarn, die ihm Pläne zu Schulbauten verdanken, und aus Chile waren Glückwunschschreiben eingegangen«.

Doch schon am 23. Januar musste das Blatt melden, »Stadtbaurath a. D. Adolf Gerstenberg« habe »sein Jubel- und Ehrenfest nicht lange überleben sollen. Nach kurzem Krankenlager ist er gestern in Folge Schlaganfalls entschlafen.« Er hinterließ seine Frau Elise, die Töchter Hedwig, Else und Martha sowie den als Kgl. Reg.-Baumstr. in seine Schuhe getretenen Sohn Richard. Ein langer, prominent begleiteter Trauerzug folgte seinem Sarg am 25. Januar 1896 vors Hallesche Tor, zum Jerusalemer Kirchhof, Blücherstraße 1. Vom Grab fehlt jede Spur.

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