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Aus: Ausgabe vom 08.02.2019, Seite 8 / Ansichten

Kolonialfan des Tages: Günter Nooke

Von Arnold Schölzel
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Frauen sind an der Spitze der 81 öffentlich-rechtlichen deutschen Universitäten selten (23,5 Prozent), ostdeutsche Chefs: Null. Beides ist erwartbar: DDR-Hochschulen wurden in den 90ern exzessiv personell gesäubert, woher soll da heute einer wissen, ob Frauen z. B. Mathematik und Technik können. Das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE), eine Einflussorganisation der Bertelsmann-Stiftung, hat am Donnerstag die Zahlen vorgelegt, über das Wüten der Wissenschaftsvernichter nach dem DDR-Anschluss verlautete nichts.

Der damals dabei aufblühende Industriezweig »DDR-Bürgerrechtler« floriert noch heute und versorgt seine Leute. Einer von ihnen heißt Günter Nooke (CDU) und ist persönlicher Afrikabeauftragter der Bundeskanzlerin. Seinen frühen Eifer für eine vom Kommunismus befreite Zone überträgt er, der im Unrechtsregime Physik studierte, nun auf den Antikolonialismus. Im Interview mit der Springer-B. Z. klärte er jedenfalls im Oktober 2018 wie weiland 2001 die Fürstin Gloria von Thurn und Taxis (Afrika habe ein AIDS-Problem, »weil der Schwarze gerne schnackselt«) auf: »In Niger bekommen die Frauen im Schnitt 7,3 Kinder, die Männer hätten gern elf!«. Kolonialismus? »Es gibt schon Nachwirkungen«. Aber »die Kolonialzeit« habe auch dazu beigetragen, »den Kontinent aus archaischen Strukturen zu lösen«. Und: »Der Kalte Krieg hat Afrika mehr geschadet als die Kolonialzeit.« Der Mann hat einen Wertemaßstab.

Der fehlt faktensüchtigen Wissenschaftlern. Der »Fachverband Afrikanistik« kritisierte flugs die »kolonialen Stereotypen und rassistischen Untertöne« im Interview. Am Donnerstag teilte er mit: Nooke empfängt am kommenden Mittwoch eine Abordnung. Danach wollen die Fachleute die Öffentlichkeit unterrichten. Waren das Zeiten, als man die lästige Bande einfach abwickeln konnte. Alles Stalinisten.

Debatte

  • Beitrag von Matthias G. aus G. ( 8. Februar 2019 um 11:11 Uhr)
    Man sollte Nooke nicht zu ernst nehmen. Als Teil des Industriezweigs »DDR-Bürgerrechtler« wird er mit öffentlichen Geldern ausgehalten. Ich hatte das Vergnügen, ihn 2010 oder 2011 bei einer Tagung in Berlin über Menschenrechte schwadronieren zu hören. Er tat das ziemlich leidenschaftslos. Im Grunde wollte er alles einfach halten, auch wenn man im akademischen Kontext die Dinge verkomplizieren muss, um gehört zu werden. O-Ton: »Man braucht ein Bild, wie man sich die Welt zurechtlegt.« Darum parlierte er zu Beginn seines Vortrags über die Systemtheorie, die er aber nicht wirklich verstanden hatte. Wichtig war ihm, dass es bei Menschenrechten nur um einzelne Personen geht. Diese hohe Weisheit hätte er auch ohne Systemtheorie erlangen können. Von Gruppenrechten solle man lieber nicht reden, denn dadurch werde »die Diskussion« schwieriger. Kollektive Menschenrechte lehnte er natürlich ab, das klingt ja nach Sozialismus ... Er konnte aber auch ganz einfach und durchaus treffend formulieren, z. B. so: »Helsinki ›Korb 3‹ war natürlich auch eine Instrumentalisierung« (im »Korb 3« der KSZE-Schlussakte von 1975 ging es um Menschenrechte, die gegen die osteuropäischen Staaten in Stellung gebracht wurden, während man im Westen eine Diktatur nach der anderen unterstützte ...). Oder so: »Natürlich gibt es in Israel Menschenrechtsverletzungen, da will ich nicht herumeiern.« Oder auch so: »Ruanda ist ein starker Staat, eigentlich eine Diktatur, aber die finden sie hier alle gut, weil da mal ein Genozid war.« Da braucht man kein kompliziertes Bild, um sich die Welt zurechtzulegen ...

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