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Aus: Ausgabe vom 08.02.2019, Seite 7 / Ausland
Afghanistan-Konferenz in Moskau

Hoffnung auf Frieden

Treffen zwischen Taliban und afghanischen Oppositionspolitikern in Moskau. Viele Übereinstimmungen festgestellt
Von Knut Mellenthin
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Auf der Suche nach einer Lösung: Teilnehmer der Moskauer Afghanistan-Konferenz am Dienst in der russischen Hauptstadt

In Moskau hat in dieser Woche vielleicht der Anfang vom Ende des seit 40 Jahren geführten Krieges in Afghanistan stattgefunden. Eine Delegation der Taliban traf sich am Dienstag und Mittwoch erstmals zu Gesprächen mit Vertretern afghanischer Oppositionsparteien und gesellschaftlicher Gruppen. Der international bekannteste Teilnehmer war der jetzt 61jährige Hamid Karsai, der das Land von Dezember 2001 bis September 2014 als Präsident geführt hatte. Ausgeschlossen von der Begegnung war die Regierung in Kabul: Die Taliban weigern sich bisher, mit ihr zu sprechen, da sie nicht legitimiert, sondern nur eine Marionette der USA sei.

Die Gespräche in Moskau waren vom gemeinsamen Gebet bis zu den festlichen Mahlzeiten von demonstrativer Aufgeschlossenheit und dem Willen zur Erarbeitung konstruktiver Lösungen gekennzeichnet. Politisch knüpften die Gespräche an eine Begegnung in der russischen Hauptstadt am 9. November vorigen Jahres an, die von der russischen Regierung arrangiert worden war. Damals waren Vertreter der Taliban und des afghanischen Friedensrates zusammengetroffen, den Karsai im September 2010 als Instrument für inoffizielle Kontakte zu den Aufständischen ins Leben gerufen hatte. Diese Konstruktion ermöglichte es den Taliban, ihre Gesprächsverweigerung gegenüber der Regierung in Kabul formal aufrechtzuerhalten. Bei den Gesprächen, die in dieser Woche stattfanden, hielt sich die russische Regierung im Hintergrund: Als Initiator und Gastgeber trat eine Vereinigung von in Moskau lebenden Afghanen auf.

Besonders skeptisch hinsichtlich der Aussichten für eine Verständigung äußerten sich die drei Frauen, die zu den oppositionellen Teilnehmern aus Afghanistan gehörten. Sie erinnerten daran, dass die Taliban in der Zeit, als sie Kabul und große Teile des Landes beherrschten, also zwischen 1996 und 2001, Frauen extrem unterdrückt hatten. Jetzt versicherte der Chefunterhändler der Taliban, Abbas Staniksai, der auch ihre Delegation bei den Moskauer Gesprächen leitete, dass der Islam den Frauen alle Grundrechte gewährleiste: Berufs- und Geschäftstätigkeit, Eigentum, Erbschaften, Ausbildung, Sicherheit, Gesundheit und »ein gutes Leben«. Grundsätzlich sind Zweifel an diesen Versprechen ebenso angebracht wie an Staniksais Aussage, die Taliban strebten kein »Machtmonopol« an. Aber die einzige Alternative zur Fortsetzung des Krieges bestehe in der zivilen Lösung des Konflikts. Unter diesem Aspekt äußerten sich auch die drei Konferenzteilnehmerinnen hoffnungsvoll.

In der gemeinsamen Abschlusserklärung wird als wichtigste Übereinstimmung das »Streben nach einem würdevollen und dauerhaften Frieden« festgestellt. Als Voraussetzungen werden folgende Punkte hervorgehoben: der vollständige Abzug der ausländischen Truppen, der Verzicht aller Länder auf Einmischung in die inneren Angelegenheiten Afghanistans, die Zusicherung, dass Afghanistan sich nicht gegen andere Staaten missbrauchen lässt, »der Schutz der sozialen, wirtschaftlichen und ausbildungsmäßigen Rechte der afghanischen Frauen gemäß den islamischen Grundsätzen«, »der Schutz der politischen und sozialen Rechte des ganzen afghanischen Volkes«, »der Schutz der Meinungsfreiheit gemäß den islamischen Grundsätzen« und Bemühungen um internationale Unterstützung beim Wiederaufbau der Infrastruktur des Landes.

Der begonnene Dialog soll »so bald wie möglich« mit einem Treffen in Doha fortgesetzt werden, wo die Aufständischen ein inoffizielles Büro haben. In der Hauptstadt Katars finden auch die intensiven Verhandlungen zwischen der US-Regierung und den Taliban statt, deren nächste Runde für den 25. Februar geplant ist. Nach dem letzten Treffen im Januar hatten beide Seiten von einer bedeutenden Annäherung der Standpunkte gesprochen.

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