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Aus: Ausgabe vom 06.02.2019, Seite 8 / Betrieb & Gewerkschaft
Streik bei Amazon

»Amazon will einfach keine Gewerkschaft im Haus«

Erneuter Streik am Standort in Bad Hersfeld. Verdi fordert ordentlichen Tarifvertrag. Gespräch mit Mechthild Middeke
Interview: Gitta Düperthal
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Gestreikt wird an mehreren Amazon-Standorten wie hier im bayerischen Graben bei Augsburg (23.6.2015)

Mitarbeiter von Amazon in Bad Hersfeld sind seit 2013 immer wieder im Arbeitskampf, weil das Unternehmen sich weigert, mit der Gewerkschaft einen Tarifvertrag abzuschließen. Der Konzern verweist stets auf ein hauseigenes Vergütungssystem. Das reicht Ihnen nicht aus?

Wir kämpfen seit Jahren darum, dass der weltgrößte Versandhändler in Deutschland die Tarifverträge des Einzel- und Versandhandels anerkennt. Denn danach würde jemand, der bei Amazon neu einsteigt, gleich einen Stundenlohn von 13,98 Euro erhalten. Nach Handelstarif erhält ein typischer Mitarbeiter eines Logistikzentrums 2.278 Euro im Monat brutto. Der Konzern zahlt aber nur einen Anfangslohn von 11,18 Euro. Nach 24 Monaten erhält ein Mitarbeiter durchschnittlich 2.266 Euro brutto im Monat, inklusive leistungsbezogener Boni und einer Sonderzahlung im Jahr. Bei dem von uns geforderten Handelstarifvertrag gäbe es zusätzliche Verbesserungen, etwa beim Urlaubs- und Weihnachtsgeld. Letzteres wäre in Höhe von 62,5 Prozent des jeweiligen Novemberlohns anzusetzen sowie Urlaubsgeld mit einem Betrag von 1.290 Euro. Außerdem fordern wir einen Gesundheitstarifvertrag.

Wir wollen mehr und kämpfen dafür. Deshalb hat Verdi am Amazon-Standort Bad Hersfeld zum Streik aufgerufen. Der Ausstand begann am Montag mit der Nachtschicht und wird bis zum Ende der Spätschicht am Dienstag andauern. Somit wird er alle Schichten umfasst haben. Wenn Amazon nun erneut nicht reagiert, werden wir zu einem späteren Zeitpunkt wieder streiken.

Obgleich es jetzt im siebten Jahr am Standort Bad Hersfeld ständig zu Streiks kommt, zeigt sich die Geschäftsleitung nicht kompromissbereit. Was motiviert die Beschäftigten zum Weitermachen?

Es geht darum, sich als Beschäftigte solidarisch zu verhalten, mitzubestimmen, dem Arbeitgeber mit eigenen Forderungen entgegenzutreten. Während des Streiks reden Kolleginnen und Kollegen über schlechte Arbeitsbedingungen und sonstigen Ärger im Betrieb. Die Konzernleitung versucht, Vertreter des Managements in Betriebsräte reinzukriegen, um dann mit diesen alles regeln zu können. Im 27köpfigen Betriebsrat in Bad Hersfeld konnten wir im vergangenen Jahr eine Mehrheit von Verdi-Mitgliedern erreichen. Auch das ist ein Resultat des Arbeitskampfes. Wir nutzen ihn, um in Kontakt mit den Beschäftigten zu kommen.

Wie kann es sein, dass es den Konzern offenbar kaum stört, wenn sein Werk in Bad Hersfeld bestreikt wird?

Er richtet sich darauf ein, wenn wir streiken: Eine Bestellung, die normalerweise nach Bad Hersfeld gehen würde, wird dann an einem anderen Standort bearbeitet. Und realistisch betrachtet: Wir haben nicht die Mehrheit der Beschäftigten im Streik. Daran arbeiten wir.

Wie hoch war die Beteiligung dieses Mal?

Aktuell arbeiten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an jeweils sechs Tagen dort, viele nur mit befristeten Verträgen. Etwa zwischen 1.500 und 2.000 Beschäftigte sind pro Tag im Werk. Am Montag waren ungefähr 500 Beschäftigte im Streik, am Dienstag etwa 600. Gelbe Westen sind übrigens ein Mittel des Protests. Dienstag morgen haben wir uns damit am Zaun entlang aufgestellt und Laola-Wellen gemacht. Hupende Autos signalisierten Zustimmung.

Aber die Konzernleitung bleibt stur?

Es ist nicht so, dass sich gar nichts bewegt. Amazon greift Themen auf, die wir setzen. So hat das Unternehmen von sich aus Tariferhöhungen oder eine Sonderzahlung von 400 Euro angeboten. Aber für die Konzernleitung geht es um eine ideologische Frage: Amazon will einfach keine Gewerkschaft im Haus, sondern allein bestimmen, wie die Bezahlung und die Arbeitsbedingungen aussehen. Deshalb müssen wir unbedingt den überwiegenden Teil der Belegschaft dazu bringen, mit uns zu streiken. Wenn der größte Online-Versandhändler sich Tarifverhandlungen entzieht, wird die Gewerkschaft ausgehebelt – und seine Konkurrenten drohen, sich dann ähnlich zu verhalten. Deshalb müssen wir uns durchsetzen.

Mechthild Middeke ist Verdi-­Fach­sekretärin für Handel im Bezirk Nordhessen und Streikleiterin in Bad Hersfeld

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