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Aus: Ausgabe vom 02.02.2019, Seite 10 / Feuilleton

Ihr Duft liegt in der Luft

Von Wiglaf Droste

Sie sitzt im Bett und raucht Zigarre,

ich daneben, und ich starre

schwer begeistert und verliebt:

Dass es solche Frauen gibt!

*

Frauen? – Nein! Was soll der Plural?

Der macht nur die Schönheit schal.

Diese Frau, ganz Singular,

ist mir einzig und ganz wahr.

*

Sie, die in der Arbeit schuftet,

sitzt ruhig da, und alles duftet

hier im Bett so schön kubanisch,

aus der Küche okzitanisch.

*

Denn ich stand schon früh am Herd,

als sie schlief, ich glaub ich werd

an dem Glück noch schier verrückt.

Ach, egal, ich bin entzückt.

*

Raucht sie doch niemals aus Müssen,

Nur aus Lust, ich will sie küssen!

Den Geruch nach feiner Zeder

atme ich und nicht ein jeder.

*

Lächelnd raucht die Sphinx, und dieser

Blick gleicht dem der Mona Lisa.

Rätselhaft und unergründlich,

und der Ausdruck wechselt stündlich.

*

Selten ahn ich, was sie denkt.

Ich weiß nur, dass sie mich lenkt.

Sie pafft eine Wolke sieben,

und dann heißt es: Lieben! Lieben!

*

So beginnen, ohne Frage,

alle allerschönsten Tage.

Und ich freue mich und harre,

bis es heißt: Sie raucht Zigarre.

Debatte

  • Beitrag von Ronald B. aus . ( 1. Februar 2019 um 22:16 Uhr)
    Überhaupt keine Frage: Denkt man an Wiglaf Droste, denkt man – und um wieviel mehr frau! – ans »Lieben, Lieben« und ans Küssen, und das zuvörderst! Was wäre der Welt verlorengegangen, hätte dieser Charmeur sich, statt die Hochkultur in einer Weise zu bereichern, die den Axel-Springer- wie auch den Bastei-Lübbe-Verlag vor Neid nur erblassen lassen kann, beruflich der Kartoffelernte in den Weiten Brandenburgs verschrieben, wie es ja vielleicht auch hätte – um eine beliebte Redewendung Dietrich Bonhoeffers zu verwenden – »sein können und sollen« ... M. k. G., Ronald B., K.
  • Beitrag von Ronald B. aus . ( 2. Februar 2019 um 20:43 Uhr)
    Jedenfalls habe ich Zweifel, ob – gäbe es ihn denn – der »Platz von Gott« – im goldenen Falle des Genossen Droste nicht doch der auf dem Kartoffelacker zwingend hätte sein müssen. Was die Frauen und die Liebe angeht, die unseren immerhin denn »Heimat, was bist du doch schön!« – und eben nicht »O du schöner Westerwald!«-Dichter Droste im, scheint’s, schon Vorvorfrühling (wie mag es ihm erst im Mai ergehen?) umtreibt, mag man ihm tatsächlich brutalstmöglich vor Augen halten, was bis zum heutigen Tage wohl in lateinischer Schrift über dem Eingang des Oberstufen-Athenäums der Elbestadt Stade steht: »Bauer, dies ist ein anderes!« Schon allein wegen dieses Pfortenschmucks gehörte und gehört besagtes Gebäude explizit zum Pferdestall gemacht und alle, die darinnen sind, zu Mägden und Knechten, so jedenfalls seit meiner Jugend auf der Hauptschule fernab der besagten Kreisstadt meine wütende Phantasie ... Was nun den »linken Heimatdichter« (man beachte indes die hierbei von mir eingangs redlicherweise vorgenommene Differenzierung!) Wiglaf Droste betrifft, ist meines Erachtens freilich Hopfen und Malz verloren, jedenfalls dann, wenn die Zeiten es erfordern sollten, dass aus einer Memme ein Mann wird – in diesem Leben nicht mehr, und es ist eben dies, was einen des Typen insbesondere mit seinem Frühlingsgebaren so überdrüssig werden lässt – aber Brecht war, ehrlich gesagt, auch mehr ein Männchen als ein Mann in seiner Zeit, die dann doch anderes erfordert hätte als nur Gedanken, Theater und Worte – was das Bürgertum klarerweise nicht abhielt, ihn tatsächlich in den Himmel zu heben, wo die Front sein Platz hätte sein müssen. Drostes zumindestens vorgeblich bevorzugter Platz (ich glaube ihm indes – und das ist das Problem! – kein Wort ...) ist hingegen die Bar, das Straßencafe, der Strand – was sich je nach Standpunkt/Gefechtslage schon als ausgewiesene Dämlichkeit, wo nicht auch als Verbrechen, empfinden lässt. Wo sind Drostes finanzielle Unterstützungen für linke Widerstandsarbeit, wo ist seine Basisgruppe, wo seine praktische Solidarität mit den Armen – und, was die Frauen und die Liebe angeht, ein zarter Hinweis im Frühling auf das Summen der Bienchen wäre so was von hinreichend, mehr geradezu lächerlich. Ronald B. aus K.
  • Beitrag von Ronald B. aus . ( 2. Februar 2019 um 22:29 Uhr)
    Halt, halt, das »Männchen« Bertolt Brecht hatte – neben dem, dass viele Frauen sich angezogen fühlten, was nicht zwingend ihrem dummen Gen zuzuschreiben sein muss alleinig – in seinem für meine Belange jedenfalls Hauptwerk »Die Maßnahme« u. a. gedichtet: »Welche Medizin schmeckte zu schlecht dem Sterbenden?« – wenigstens innerlich war da einer sehr wohl an der (Klassenkampf-)Front und nichts weniger, und ohne ihn und sein Werk gänzlich pathologisieren zu wollen, wie es neueste Methode des Feindes ist: Er war es wohl gar in jedem seiner Augenblicke! Möchte schon sein, dass es unserem »Tucholsky unserer Tage«, wie manche wenn auch wohl in einem Überschwange Wiglaf Droste ja betiteln, zwar anders ergeht, aber nicht wesentlich anders als »dem armen B. B. von hinter den Tannen«, ich kann es so genau nicht wissen, und es heißt von dem römischen Komödiendichter von vor über 2000 Jahren: »Über sein Können ist niemand verpflichtet!« bzw.: »Ich bin Mensch, also ist mir nichts Menschliches fremd!« Ronald B. aus K.

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