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Aus: Ausgabe vom 01.02.2019, Seite 11 / Feuilleton
Novemberrevolution

»So viel gelogen«

Eine Berliner Ausstellung befasst sich im Rückgriff auf Sebastian Haffner mit Legenden der Novemberrevolution
Von Nick Brauns
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Von wegen Rettung der Demokratie – Auftakt der Stern-Serie mit General Ludendorff

Unter dem Titel »Der große Verrat« erschien Ende 1968 in der Illustrierten Stern eine zwölfteilige Serie zur Novemberrevolution. Der politisch dem liberalen Lager zugehörige Publizist Sebastian Haffner rechnete in seiner ebenso streitbaren wie prägnanten Analyse schonungslos mit der Rolle der Mehrheitssozialdemokratie in dieser Revolution ab. »Die deutsche Revolution von 1918 war eine sozialdemokratische Revolution, die von den sozialdemokratischen Führern niedergeschlagen wurde: ein Vorgang, der in der Weltgeschichte kaum seinesgleichen hat«, lautete Haffners zentrale These. Durch ihr Bündnis mit den alten staatstragenden und militaristischen Kräften des Kaiserreichs habe die SPD nicht nur ihre baldige Selbstentmachtung betrieben, sondern auf lange Sicht der Nazibewegung als radikalisierten Erben der nationalen Rechten den Weg geebnet.

1969 erschien die Stern-Serie als Buch unter dem Titel »Die verratene Revolution – Deutschland 1918/19«. Zehn Jahre später kam das Buch mit dem unverfänglicheren Titel »Die deutsche Revolution 1918/19« erneut in den Buchhandel, dafür hatte Haffner den wütenden Ton der Erstauflage etwas entschärft, vom Inhalt aber nichts zurückgenommen.

50 Jahre nach Haffners Abrechnung mit der SPD befasst sich eine Berliner Ausstellung unter dem Titel »Der Verrat?!« mit »Legenden der Novemberrevolution«. Der Ort ist passend gewählt. Raimund Pretzel, wie Haffner vor seinem Gang ins britische Exil 1938 mit bürgerlichem Namen hieß, wohnte seit 1914 im Rektorengebäude der Volksschule an der Prenzlauer Allee. In dem Gebäudekomplex befindet sich heute das »Kultur- und Bildungszentrum Sebastian Haffner« mit dem Museum Pankow.

»Wohl über keinen historischen Vorgang ist so viel gelogen worden wie über die deutsche Revolution 1918«, beklagte sich Haffner im »Verrat«. Ausgehend von zentralen, auf Fahnenstoff von der Decke hängenden Thesen des Publizisten werden in der Ausstellung die gängigsten Lügen und Legenden über die Revolution vorgestellt und anhand historischer Dokumente, Fotos, Filmsequenzen und Tonaufnahmen sowie aktueller Kommentare von Historikern und Politikern zu Diskussion gestellt.

Der SPD-Vorsitzende, Reichskanzler und spätere Reichspräsident Friedrich Ebert »hatte nicht die siegreiche Front, wohl aber die siegreiche Revolution von hinten erdolcht«, kommentierte Haffner die von der deutschen Militärführung um Hindenburg und Ludendorff aufgebrachte Dolchstoßlegende, wonach die Reichswehr im Felde angeblich unbesiegt zum Opfer der Revolution in der Heimat geworden sei. Weder die Abschaffung der Monarchie noch eine soziale Revolution sei das Ziel der Führer der Mehrheitssozialdemokratie um Ebert gewesen, die es sich als »parlamentarische Honoratioren« längst bequem im Staate eingerichtet hatten. »Die Regierung Ebert war keine revolutionäre Regierung, sie betrachtete sich einfach als Konkursverwalter des Kaiserreichs«, so Haffner. Bis heute rechtfertigen Sozialdemokraten wie zuletzt der frühere Bundestagspräsident Wolfgang Thierse die blutige Niederschlagung der Massenproteste von revolutionären Arbeitern im Januar 1919 durch die von Reichswehrminister Gustav Noske geführten faschistoiden Freikorps mit der »Rettung der Demokratie« vor einer angeblich drohenden »Bolschewisierung« Deutschlands. Die von Offizieren des alten kaiserlichen Heeres am 15. Januar 1919 ermordeten »Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg sind die Symbolfiguren des Aufstands, aber nicht ihre wahren Anführer. Vielmehr handelt es sich um weitgehend unkoordinierte Proteste«, heißt es unter Berufung auf Haffner zur Legende vom »Spartakusaufstand« in der Ausstellung.

Wenige hundert Meter vom Museum entfernt steht auf dem Gelände der früheren Bötzow-Brauerei an der Saarbrücker Straße Ecke Prenzlauer Allee ein Gedenkstein für Karl Liebknecht. Die Inschrift auf dem wohl Ende der 50er Jahre eingeweihten Stein lautet: »Karl Liebknecht, Kämpfer gegen Militarismus und Krieg, führte von hier aus die Kämpfe der revolutionären Arbeiter und Soldaten am 7. und 8. Januar 1919«. Anders als es die in diesem Fall von der SED-Geschichtsschreibung beförderte linke Legende will, befand sich in der Bötzow-Brauerei während der Januarkämpfe keineswegs der Kommandostand der Revolutionäre, klärt die Ausstellung auf. Die Brauervilla diente den Revolutionären vielmehr als Rückzugs- und Lagerraum. Auf der Flucht vor den Häschern des selbsternannten »Bluthundes« Noske übernachtete Liebknecht hier mehrere Tage neben Maschinengewehren auf einem Billard-Tisch. 1992 beschloss die Bezirksverordnetenversammlung Berlin-Prenzlauer Berg, den Gedenkstein zu erhalten. »Bei den zu erhaltenden Denkmalen sind Fahnenstangen u.a. Merkmale zu entfernen, die dem Missbrauch der Denkmale als Stätten von Aufmärschen und Apellen dienen«, verfügte der zuständige Ausschuss für Bildung und Kultur zugleich ängstlich.

Haffner orientierte sich bei seiner Untersuchung an der bereits 1924 vom Sprecher der Revolutionären Obleute Richard Müller veröffentlichten »Geschichte der Novemberrevolution«. Dieses Standardwerk zur deutschen Revolution 1918/19 aus der Feder eines ihrer maßgeblichen wenn auch bis vor kurzem weitgehend in Vergessenheit geraten Akteurs wurde dankenswerter Weise vom Berliner Verlag »Die Buchmacherei« wieder aufgelegt. Von Ralf Hoffrogge liegt seit vergangenem Jahr zudem eine im Karl Dietz-Verlag erschienene Biographie von Müller als dem »Mann hinter der Novemberrevolution« vor. Leider würdigt die Ausstellung diese wichtige Quellenbasis für Haffner nicht entsprechend.

noch bis 19. Mai, Di. bis So., 10 bis 18 Uhr, Museum Pankow, Kultur- und Bildungszentrum Sebastian Haffner, Prenzlauer Allee 227/228

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Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Joán Ujházy: So damals, so heute »... die es sich als ›parlamentarische Honoratioren‹ längst bequem im Staate eingerichtet hatten.« Wie wahr. Und das erinnert mich nicht nur an heutige Sozialdemokraten, sondern auch an Politiker der ...

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