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Aus: Ausgabe vom 31.01.2019, Seite 12 / Thema
Geschichte Sowjetrusslands

Gescheiterter Revolutionsexport

Vorabdruck. Im Polnisch-Sowjetischen Krieg von 1919/20 erlitt der junge Sowjetstaat eine Niederlage. Fortan konzentrierten sich die Bolschewiki auf die Konsolidierung der Macht im eigenen Land
Von Ralf Rudolph und Uwe Markus
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Auf dem Bajonett die Revolution nach Westen tragen. Budjonnys Rote Reiterarmee im Polnisch-Sowjetischen Krieg (Aufnahme aus dem Jahr 1920)

In diesen Tagen erscheint im Phalanx-Verlag das Buch »Vergessene Kriege der Roten Armee« von Ralf Rudolph und Uwe Markus. Wir veröffentlichen daraus mit freundlicher Genehmigung von Verlag und Autoren leicht gekürzt das Kapitel zum Polnisch-Sowjetischen Krieg. (jW)

Der Erste Weltkrieg und die russische Oktoberrevolution hatten die politische Landkarte Osteuropas grundlegend verändert. Mit dem Zerfall des Zarenreiches und dem Untergang der österreichisch-ungarischen Monarchie entstanden die selbständigen Nationalstaaten Finnland, Estland, Lettland, Litauen und die Tschechoslowakei. Schon bald nach dem Waffenstillstand an der Westfront erklärte sich auch Polen am 11. November 1918 zum unabhängigen Nationalstaat. Insbesondere auf Druck Frankreichs wurde dieser Status in den Pariser Friedensverhandlungen berücksichtigt. Es war ein Akt der historischen Gerechtigkeit und sicherte zudem Frankreich einen erheblichen Einfluss auf die polnische Politik.

Großpolnische Träumereien

Der neue Staat wurde 1918 von Österreich anerkannt. 1919 vollzog das ebenfalls zur Republik gewandelte Deutsche Reich diesen Schritt. Auf der Grundlage der Empfehlungen einer speziell mit den polnischen Angelegenheiten befassten Kommission bei den Pariser Friedensverhandlungen beschloss der Rat der Entente (Rat der Siegermächte) am 8. Dezember 1919 eine Resolution über die polnische Ostgrenze. Die wurde von den Siegermächten nach ethnischen Kriterien, nicht entsprechend den historischen Grenzverläufen festgelegt und ging unter der Bezeichnung Curzon-Linie in die Geschichte ein. Die polnische Regierung lehnte diese Grenzziehung unter Protest ab. Sie forderte eine Anerkennung der historischen Ostgrenze Polens, wie sie vor den Teilungen des Landes bestanden hatte.

Da Sowjetrussland durch den Separatfrieden von Brest-Litowsk mit Deutschland nicht an den Friedensverhandlungen in Paris teilnahm und eine Grenzregelung zwischen der erst danach gegründeten Republik Polen und Sowjetrussland in Brest-Litowsk nicht vereinbart worden war, erkannte auch die sowjetische Regierung die Curzon-Linie nicht als ihre Westgrenze an. Diese unklare Situation im Osten fiel mit innerpolnischen Unsicherheiten zusammen: Durch die Auswirkungen des Ersten Weltkrieges befand sich das Land in einer ökonomischen Krise, der Aufbau von Staatsstrukturen ging nur langsam voran. Die neue polnische Verwaltung war noch nicht überall eingesetzt. Diese Lücke füllte das Militär, das zum bestimmenden Instrument der Staatspolitik wurde. General Jozef Pilsudski, der 1918 aus deutscher Festungshaft entlassen und in Warschau begeistert empfangen worden war, übernahm sofort das Amt des Staatschefs und des Oberbefehlshabers der Streitkräfte.

Der neue polnische Staat sah sich angesichts der Schwäche des im Krieg geschlagenen Deutschen Reiches, des durch den Bürgerkrieg zerrütteten Russlands und der untergegangenen Donaumonarchie unverhofft in einer Position relativer Stärke. So schien sich die Möglichkeit der Revanche für die Zerschlagung der polnischen Staatlichkeit in der Vergangenheit zu ergeben. Polen sollte in seinen historischen Grenzen wiederauferstehen. Die Vision eines »Großpolens« wie es im ausgehenden Mittelalter bestanden hatte, und das Streben nach Sicherung verteidigungsfähiger Grenzen führten dazu, dass sich die polnische Außenpolitik vor allem gegen Russland richtete. Pilsudski erklärte ganz offen, dass er die Uhr der Geschichte zurückdrehen und eine große polnische Republik errichten wolle, als stärkste militärische und kulturelle Macht des gesamten Ostens. Russland müsse auf die Grenzen des Reiches von Peter dem Großen zurückgedrängt, und alle nichtrussischen Nationalitäten müssten aus dem unmittelbaren Einfluss Russlands befreit werden.

Polen war aufgrund dieses Ansatzes und der umstrittenen Grenzziehungen mit allen Nachbarn, Rumänien und Lettland ausgenommen, verfeindet. Territoriale Streitigkeiten bestanden nicht nur mit Deutschland (wegen Schlesien und Posen), sondern auch mit der Tschechoslowakei (wegen des Gebiets Teschen), mit Litauen (wegen des Gebiets Wilna/Vilnius) und mit der kurzzeitig existierenden Ukrainischen Volksrepublik (wegen Lwow, Ostgalizien, des Gebiets Cholm und Westwolhynien). Die Curzon-Linie war für Pilsudski ebenso wenig akzeptabel wie eine vollständige Unabhängigkeit der Ukraine und Belorusslands oder etwa deren Eingliederung in die Sowjetunion. Das politische Ziel lautete, neben der Wiederherstellung des Grenzverlaufes von 1772, eine osteuropäische Konföderation unter Führung Warschaus zu schaffen. Der Staatenbund sollte neben Polen die Ukraine, Belorussland und Litauen umfassen, um den sich dann weitere Staaten vom Finnischen Meerbusen bis zum Schwarzen Meer, einschließlich der kaukasischen Gebiete, gruppieren sollten. In der Ukraine wurden diese Bestrebungen zunächst von konservativen nationalistischen Kräften unterstützt, die zuvor von den Bolschewiki von der Macht vertrieben worden waren.

Grenzkonflikte und Krieg

Russland befand sich zu dieser Zeit im Bürgerkrieg. Das Land litt unter großen ökonomischen und Versorgungsproblemen, die Verluste unter der Bevölkerung und der Armee waren enorm. Man hatte also im Moskauer Kreml andere Sorgen, als sich mit den Visionen der nunmehr in Polen herrschenden militärischen Elite auseinanderzusetzen. Die Bolschewiki betrachteten das wiedererstandene Polen zwar als einen von der Entente gesteuerten Staat, sahen in ihm aber auch eine Brücke, über die eine sozialistische Revolution nach Westen getragen werden könnte. Das war nach Auffassung Lenins und Trotzkis die entscheidende Voraussetzung für das Überleben Sowjetrusslands. Es war der theoretisch hergeleitete Wunschtraum vom Beginn der Weltrevolution, der durch die anhaltende politische Instabilität in Deutschland befördert wurde. Die immer wieder aufflammenden bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen in der Weimarer Republik bestärkten die Bolschewiki in ihrer Zuversicht an einen bevorstehenden revolutionären Umbruch auch in anderen Teilen Europas.

In dieser Gemengelage widerstreitender Interessen verhielt sich Sowjetrussland gegenüber Polen moderat wohlwollend. Lenin und sein Kriegskabinett waren der Meinung, dass sich sämtliche Streitfragen durchaus am Verhandlungstisch klären ließen, zumal Sowjetrussland machtpolitisch in dieser Zeit kaum andere Optionen zu haben schien. Die Sowjetführung befand sich während des Jahres 1919 in einer misslichen militärischen Lage. Der junge Staat war durch die Offensiven dreier Armeen im Süden Russlands, in Sibirien und im Baltikum bedroht. So forderte die Moskauer Regierung Warschau zwischen November 1918 und März 1919 einige Male erfolglos auf, normale zwischenstaatliche Beziehungen herzustellen. Direkte Gespräche scheiterten jedoch immer an Pilsudski. Er wertete die Offerten aus Moskau als Äußerung der Schwäche und begann, seine ambitionierten geopolitischen Pläne militärisch durchzusetzen.

Der Polnisch-Sowjetische Krieg begann ohne Kriegserklärung auf dem Trümmerfeld, das der Erste Weltkrieg und der russische Bürgerkrieg hinterlassen hatten. Im Frühjahr 1919 eskalierte die Situation. Es kam zu Grenzkonflikten und ersten Zusammenstößen polnischer und sowjetischer Einheiten. Polnische Truppen eroberten einige Städte in Belorussland und die alte litauische Hauptstadt Vilnius. Die militärische Stoßrichtung war damit klar. Mit Rückendeckung Frankreichs wurde der Krieg immer weiter nach Osten getragen – eine Entwicklung, die Moskau zutiefst beunruhigen musste. Zwar war die Rote Armee rein quantitativ zehnmal stärker als die polnischen Angreifer, die etwa 230.000 Soldaten aufboten, doch Polens Streitmacht war besser ausgerüstet und trainiert. Außerdem tat Pilsudskis Regierung alles, um den Personalbestand der Armee für einen Krieg in den Weiten Russlands aufzustocken. So stand Anfang 1920 eine halbe Million Soldaten unter der polnischen Fahne.

Allerdings war auch die Führung der Roten Armee nicht untätig geblieben. Bis auf Restbestände, die sich auf der Halbinsel Krim festgesetzt hatten, waren Ende 1919, Anfang 1920 alle weißen Bürgerkriegstruppen zerschlagen worden. Vor diesem Hintergrund erfolgte eine Umgruppierung der sowjetischen Streitkräfte im Westen des Landes. Man wollte weitere Vorstöße der polnischen Armee abblocken und zur Gegenoffensive übergehen können. Bedeutende Abwehrformationen wurden in Belorussland und bei Kiew gebildet. Die Front in Belorussland wurde von Michail Tuchatschewski geführt, die in der Ukraine stand unter dem Kommando Alexander Jegorows, dem auch Semjon Budjonnys 1. Reiterarmee unterstellt war. Polnische Truppen traten erwartungsgemäß im Januar und März 1920 zu begrenzten Offensiven an, die allerdings nicht den strategischen Durchbruch brachten.

Bis kurz vor Warschau

Am 24. April 1920 begannen die polnischen Streitkräfte ihre Offensive gegen Kiew, das am 7. Mai erobert wurde. Die dortigen Truppenteile der Roten Armee hatten sich nach einigen Scharmützeln zurückgezogen und waren dadurch kampffähig geblieben. Der Gegner war praktisch ins Leere gelaufen und hatte keine Einschließung und Vernichtung der Verteidiger zustande gebracht. Nach diesem relativ leicht errungenen Sieg wollte die polnische Regierung die Lage in der Ukraine konsolidieren. Doch politisch gesehen war die polnische Besetzung Kiews ein Misserfolg. Die Unterstützung der Ukrainer fehlte, und international wurde nunmehr Polen endgültig als Aggressor angesehen. Die Entente, auch Frankreich, waren gezwungen, ihre personelle und materielle Unterstützung der polnischen Armee nur noch verdeckt durchzuführen.

Derweil plante das Oberkommando der Roten Armee den Gegenschlag. Am 14. Mai 1921 trat Tuchatschewskis Westfront zur Offensive in Belorussland an. Frontoberbefehlshaber Jegorow schlug im Raum Kiew einen Tag später los. Seine 12. Armee umging Kiew im Norden, die 15. Armee griff im Süden an. Am 12. Juni wurde Kiew befreit. Die Besatzer hatten Kiew etwas mehr als einen Monat beherrscht. Als sie die Stadt verließen, setzten sie die Kanalisation außer Betrieb, zerstörten das Kraftwerk und mehrere Bahnstationen.

Die polnischen Truppen konnte sich allerdings der sowjetischen Zangenoperation entziehen und entkamen somit der vollständigen Vernichtung. Tuchatschewskis Truppen befreiten am 11. Juli Minsk. Die polnischen Einheiten zogen sich zurück. Die Front war in diesem Abschnitt 300 Kilometer breit. Die Polen hatten zwar 120.000 Soldaten und 460 Geschütze zur Verfügung, aber keine Kavallerie. Sie versuchten sich einzugraben und eine durchgehende Verteidigungslinie zu schaffen. Die Rote Armee konnte hingegen die Stärke ihrer Kavallerie nutzen. Gegen eine überdehnte gegnerische Front erwies sie sich als erfolgreiche Offensivkraft, so dass der von den Polen geplante Stellungskrieg scheiterte. Durch den Mangel der polnischen Armee an berittenen Einheiten waren auch keine schnellen Gegenangriffe möglich. So konnte Tuchatschewkis Heeresgruppe täglich bis zu 30 Kilometer vorstoßen. Am 14. Juli 1920 wurde die litauische Hauptstadt Vilnius eingenommen und am 1. August Brest-Litowsk. Damit war Warschau für die Rote Armee in greifbare Nähe gerückt.

Nunmehr machte man sich im Kreml Gedanken, wer denn nach einer möglichen militärischen Niederlage Polens die Macht in dem Land übernehmen könnte. Es lag nahe, einen Regimewechsel zu planen, zumal so auf den Bajonetten der Roten Armee die Revolution ein Stück weiter nach Westen getragen würde. Vielleicht wäre das eine Initialzündung für die erhoffte Revolution in Deutschland. So wurde Ende Juli 1920 im polnischen Bialystok ein Provisorisches Polnisches Revolutionskomitee gegründet, dem Mitstreiter Lenins mit polnischem Hintergrund angehörten: Julian Marchlewski, Feliks Dzierzynski, Feliks Kon, Edward Prochniak und Josef Unschlicht sollten den Systemwechsel in Polen politisch bewerkstelligen.

Inzwischen hatten Jegorows Truppen im Süden die polnischen Streitkräfte zum großen Teil aus der Ukraine vertrieben und begannen in Ostgalizien mit der Belagerung des Industriezentrums Lwow (Lemberg). Die Rote Armee hatte somit entlang der ganzen Frontlinie die polnischen Truppen bis ins polnische Kernland zurückgedrängt. Am 10. August überquerte das sowjetische 3. Kavalleriekorps nördlich von Warschau die Weichsel. Tuchatschewski wollte damit die Waffen- und Nachschublieferungen für die polnische Armee unterbrechen, die aus Frankreich über den Hafen von Danzig erfolgten. Gleichzeitig wurde der Druck im Zentrum des Frontabschnittes erhöht. Tuchatschewski war der Meinung, dass im belagerten Warschau ein Aufstand des polnischen Proletariats und der polnischen jüdischen Minderheit der Roten Armee helfen werde, die Stadt schnell zu besetzten. Das erwies sich jedoch als Fehlkalkulation. Die polnische Armee leistete im Rückzug hartnäckigen Widerstand. Die Verteidigung der eigenen Hauptstadt motivierte die Truppen. Und die Bürger Warschaus dachten nicht an einen Aufstand.

Einen gravierenden Fehler machte zudem Jegorow im Süden. Überredet von Stalin, damals Politkommissar der Südwestfront, der seine persönliche Abneigung gegen Tuchatschewski ausspielte, begann Jegorow entgegen der Weisung aus Moskau mit dem Angriff auf Lemberg. Wären, wie von Moskau befohlen, beide Fronten auf die polnische Hauptstadt konzentriert worden, hätte Tuchatschewski die doppelte Truppenstärke und ein zusätzliches Kavalleriekorps beim Kampf um Warschau zur Verfügung gehabt. So aber war seine südliche Flanke vollkommen entblößt, und es gab keinen Kontakt zur Südwestfront.

Die Verteidiger Warschaus hielten allen Attacken stand und gingen am 14. August zur Gegenoffensive über. Die 5. polnische Armee griff nördlich von Warschau das 3. Kavalleriekorps der Roten Armee an, und zwei Tage später stieß die 4. polnische Armee unter Pilsudski in die ungeschützte südliche Flanke der sowjetischen Westfront vor. Polnische Verbände konnten fast ohne Widerstand die Rückzugslinien der Roten Armee gefährden. Tuchatschewski befahl sofort den Rückzug seiner Soldaten, doch für seine Kavallerie im Norden Warschaus war es zu spät. Mit dem eingekesselten 3. Kavalleriekorps verlor die sowjetische Westfront ihre größte Offensivkraft.

In der polnischen Geschichtsschreibung wird diese polnische Operation als Wunder an der Weichsel bezeichnet. Die Schlacht um Warschau war zwar ein Wendepunkt des Krieges, sie entschied ihn aber nicht endgültig. Denn die sowjetische Südwestfront hatte sich mittlerweile zwar von Lemberg zurückgezogen, stand jedoch noch auf dem Gebiet Ostgaliziens und war durch die Kavalleriearmee unter Budjonny noch immer eine ernstzunehmende Offensivstreitmacht. Doch die polnische Armee, die nunmehr auch über Kavallerieeinheiten verfügte, konnte Budjonnys Truppe nicht nur einschließen, sondern die aus dem Kessel ausgebrochenen Reste seiner Streitmacht bis in die Nähe Kiews vor sich her treiben.

Der Vertrag von Riga

Auch die Westfront der Roten Armee stand zunächst noch auf polnischem Gebiet. Sie war zwar bei Warschau besiegt worden, zog jedoch an der Memel eine Verteidigungslinie. Aber nach der Schlacht an der Memel mussten sich auch Tuchatschewskis Truppen zurückziehen. Durch die Niederlagen und den Rückzug waren die sowjetischen Armeen desorganisiert und geschwächt.
Die polnische Armee rückte nun entschlossen nach Osten vor. Minsk fiel am 18. Oktober 1920. Auch Vilnius war zuvor wieder an Polen gefallen. Die zu einem großen Teil selbst verschuldeten Niederlagen der Roten Armee in diesem Krieg zwangen die Sowjetregierung zu einem Waffenstillstand, dem bald Friedensverhandlungen folgen sollten. Sowjetrussland musste Polen territoriale Zugeständnisse machen, die große Teile Belorusslands und der Ukraine betrafen. Es begannen erste Verhandlungen, um den Kriegszustand zu beenden. Abgeschlossen wurden sie am 18. März 1921 mit dem Friedensvertrag von Riga.

Darin vereinbarten Sowjetrussland, die Sowjetukraine und die Republik Polen die Anerkennung des Waffenstillstands vom Vorjahr sowie den Grenzverlauf zwischen der Sowjetunion und dem polnischen Staat. Die polnisch-sowjetische Grenze verlief nun stellenweise bis zu 250 Kilometer östlich der Curzon-Linie – ein Landgewinn für Polen von mehr als 180.000 Quadratkilometern mit überwiegend weißrussischer und ukrainischer Bevölkerung. Der Vertrag legte auch fest, dass Sowjetrussland eine Entschädigung von 30 Millionen Goldrubel zahlen und Polen von allen Schulden und Verpflichtungen gegenüber dem alten Zarenreich befreit werden solle – dabei hatte Polen diesen Krieg vom Zaun gebrochen. Ferner versicherten sich die Vertragspartner der gegenseitigen Achtung ihrer Unabhängigkeit. Das ukrainische Territorium wurde durch den Frieden von Riga auf mehrere Staaten aufgeteilt: Galizien ging an Polen und die Bukowina an Rumänien. Der Ostteil der Ukraine mit den Gebieten Charkow, Lugansk und Donezk blieb bei Sowjetrussland. Der Alliierte Oberste Kriegsrat in Paris zögerte zunächst, diese willkürliche, weder ethnographischen noch historischen Gesichtspunkten entsprechende Grenzlinie anzuerkennen. Erst zwei Jahre später, am 15. März 1923, entschloss er sich auf Betreiben der französischen Regierung, diese neue polnisch-sowjetische Grenze als endgültig zu bestätigen.

Das Debakel der sowjetischen Truppen in Polen hatte letztlich das für die Südwestfront zuständige Mitglied des Revolutionären Kriegsrates, Josef Stalin, zu verantworten. Er wurde seines Postens enthoben. Kriegskommissar Trotzki schrieb später: »Wenn Stalin und der Analphabet Budjonny in Galizien nicht ihren eigenen Krieg geführt hätten, hätte die Rote Armee nicht die Niederlage in Polen erlitten, die uns zwang, den Frieden von Riga zu unterzeichnen«.

Stalin vergaß diese persönliche Schmach nie. Sie war wohl später, in der Zeit des Großen Terrors von 1936 bis 1938, einer der psychologischen Gründe für sein Vorgehen gegen das Führungskorps der Roten Armee. Alle an den damaligen Vorgängen Beteiligten wurden verfolgt und ermordet: Tuchatschewski, Jegorow und auch Trotzki wurden auf Stalins Befehl umgebracht.

Kriegsfolgen

Der Polnisch-Sowjetische Krieg wurde mit großer Brutalität geführt. Das Vorgehen gegen die Zivilbevölkerung, unter anderem gegen die jüdischen Gemeinden, war von beiden Seiten gnadenlos. Bei mehr als 12.000 Pogromen in 530 Orten wurden etwa 60.000 Juden ermordet. Die Soldaten beider Konfliktparteien gingen auch äußerst brutal mit anderen Zivilisten oder gefangengenommenen Gegnern um. Die polnische Armee hatte die Order, jegliche Sympathisantentätigkeit für die Kommunisten zu unterbinden. Das war ein Freibrief zur Drangsalierung von Ukrainern und Belorussen. Und die Rote Armee praktizierte ihre im Bürgerkrieg angewandte Methode der Geiselnahme von Zivilisten. Gefangene wurden nicht gemacht, wenn es keine Möglichkeit gab, sie zu internieren. Über das Schicksal der Kriegsgefangenen gab es bis 1990 kaum Informationen. Ein polnisches Internierungslager in Tuchola erlangte durch die hohe Anzahl von 2.561 Gefangenen, die zwischen Februar und Mai 1921 umkamen, schreckliche Berühmtheit. In den polnischen Internierungslagern starben infolge von Epidemien (Spanische Grippe), Unterernährung und Unterkühlung laut gemeinsamen polnisch-russischen wissenschaftlichen Untersuchungen 18.000 bis 20.000 der geschätzten 157.000 sowjetischen Kriegsgefangenen. Die Anzahl der polnischen Soldaten in der sowjetischen Kriegsgefangenschaft wird mit circa 60.000 angegeben. Die militärischen Verluste belaufen sich auf 431.000 Soldaten für die Rote Armee in beiden Kriegsjahren. Die polnischen Truppen verloren 202.000 Soldaten, wobei diese Zahl sowohl Verwundete und Tote als auch Gefangene enthält.

In Sowjetrussland hatte der Krieg mit Polen die wirtschaftliche Krise verstärkt. Eine Konsolidierung der Volkswirtschaft des Landes war mit den Methoden der zentralistischen Kriegswirtschaft nicht möglich. Der Not gehorchend proklamierte die Führung in Moskau 1921 die sogenannte Neue Ökonomische Politik, die eine begrenzte wirtschaftspolitische Liberalisierung brachte und bis 1928 maßgebend war.

Für den polnischen Staat sollte der Krieg ambivalente innen- und außenpolitische Folgen haben. Der Waffengang war zwar erfolgreich beendet worden, doch Pilsudskis Vision von Großpolen als aufstrebender Führungsmacht Osteuropas war gescheitert. Das Land hatte erhebliche Gebietsgewinne erzielt, doch die Bevölkerung war zugleich heterogener geworden. Die polnische Dominanz in Wirtschaft, Verwaltung und Alltagskultur wurde in den neu gewonnenen Landstrichen als lästige Unterdrückung nationaler Eigenarten und Fremdbestimmtheit wahrgenommen. Zugleich stärkte der gewonnene Krieg das polnische Nationalbewusstsein, und Marschall Pilsudski galt fortan als Vater der Unabhängigkeit. Ebenso wurde die beherrschende Stellung des Militärs in dem jungen Nationalstaat auf Dauer begründet.

Die außenpolitischen Folgewirkungen waren langfristig für Polen eher negativ. Großbritannien hatte bereits während des von Warschau begonnenen Feldzuges gezögert, dem Land nicht mehr benötigte Weltkriegswaffen zu liefern. Während die Konservativen unter Winston Churchill solche Waffengeschäfte befürworteten, widersetzten sich Labour Party und Gewerkschaften. Das wurde in Warschau aufmerksam registriert. Auch von Frankreich war man enttäuscht, weil die Waffenhilfe nicht in der versprochenen Höhe geleistet worden war. Zwar waren 400 französische Offiziere als Berater in Polen, und es gab eine Freiwilligentruppe, die sich aus in Frankreich lebenden Polen rekrutierte, doch das waren eher symbolische Gesten.

Der polnische Alleingang sorgte auch in der deutschen Politik und in der Reichswehrführung für erhebliche Besorgnis. Wer konnte garantieren, dass Polen nicht versucht sein würde, nach dem Erfolg im Osten auch seine Westgrenzen, dieses Mal zu Ungunsten Deutschlands, zu verschieben? Das durch die Festlegungen von Versailles militärisch deklassierte Deutsche Reich hätte einem solchen Angriff – womöglich im Verbund mit einem Vorstoß Frankreichs im Westen – nichts entgegensetzen können. Also wuchs vor allem in den Führungszirkeln der Reichswehr die Motivation, die militärischen Bestimmungen des Versailler Vertrages durch verdeckte Maßnahmen zu umgehen und Kurs auf die Wiederaufrüstung zu nehmen.

In Sowjetrussland stärkten der polnische Überfall und die eigene Niederlage das antipolnische Ressentiment. Polen erschien als konterrevolutionärer Handlanger des Westens, dessen Ziel die Eindämmung der Revolution war. Die Niederlage der Roten Armee begrub alle Illusionen, dass die erhoffte Weltrevolution auf der Spitze sowjetischer Bajonette über Polen nach Deutschland und Westeuropa exportiert werden könne. Man musste sich im Kreml mit den realpolitischen Gegebenheiten arrangieren und die Kraft auf die Konsolidierung der Macht im eigenen Land konzentrieren. Damit war eine sehr bewegte außenpolitische Interimsphase, in der im Prinzip alles möglich schien, vorerst beendet. Doch das änderte nichts an der Idee sowjetischer Politiker und Militärs, unter veränderten Bedingungen die Ergebnisse dieses Krieges revidieren zu können.

Ralf Rudolph und Uwe Markus: »Vergessene Kriege der Roten Armee«, Phalanx-Verlag, Berlin 2019, 319 Seiten, 21,40 Euro. Im jW-Shop erhältlich.

Buchpremiere mit den Autoren Ralf Rudolph und Uwe Markus in der jW-Ladengalerie am Dienstag, dem 19. Februar 2019, Beginn: 19 Uhr.

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Gerhard Ulbrich: Aus eigener Kraft In diesem Buchvorabdruck steht geschrieben: »Die Niederlage der Roten Armee (gemeint ist der Polnisch-sowjetische Krieg 1919/1920) begrub alle Illusionen, dass die erhoffte Weltrevolution auf der Spit...
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