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Aus: Ausgabe vom 31.01.2019, Seite 10 / Feuilleton
Lyrik

Warum starren die Leute?

Poesie der Alltäglichkeit: Liebesgedichte von Florian Günther
Von Susann Klossek

Normalerweise kann ich es auf den Tod nicht ausstehen, wenn Autoren ein neues Buch ankündigen, das sich bei näherem Hinsehen als Sammlung alter Elaborate entpuppt, die nur neu zusammengewürfelt wurden. Gern werden auf diese Art Zeitungskolumnen, die schon als Einzelwerk nur minder unterhaltend waren, dem geneigten Leser als Frischwerk untergejubelt, der dann enttäuscht feststellen muss: »Ach, dit hab ick ja allet schon jelesen, hat mich schon beim ersten Mal nich umjehaun!« Selbiges passiert auch oft mit Gedichten, wobei sich mir, insofern der Autor noch unter den Lebenden weilt, immer wieder die Frage aufdrängt: Waren der Knilch oder die Trulla zu faul, Neues zu schaffen? Und muss ich jetzt noch mal Geld ausgeben für etwas, das ich bereits kenne, nur weil es in einem neuen Umschlag steckt? Ähnliche Gedanken hatte ich auch bei der Ankündigung des neuen Werks von Florian Günther. So hat der Meister selbst, seines Zeichens DreckSack-Herausgeber, Dichter, Fotograf und Trinker aus Passion, mit »Liebesgedichte oder so was Ähnliches« jetzt also auch ein Sammelsurium aus Alt- und Ganzaltbewährtem herausgebracht. Und auch noch zum Thema Liebe: Wird der Gute rührselig, weil es aufs Alter zugeht?

Nein! Denn von Liebe kann man bekanntlich nie genug bekommen. Und: Man kann ein Gedicht von Günther auch zum zehnten Mal lesen und es ist immer noch gut. Manche werden sogar besser. Zudem kennt man doch nie alles, was einer geschrieben hat. Oder man hat es vergessen, weil mit zunehmendem Alter der Speicher im Hirnstübchen Lücken aufweist. Zudem gibt es bei Günther so gut wie keine qualitativen Ausfälle. Wo man bei anderen Dichtern manchmal seitenweise Durststrecken überwinden muss, haut der vermaledeite Drecksack einen Volltreffer nach dem anderen aufs Papier: »Komm wieder / rein, du Zicke, rief / ich. Ich blute! / Na und! Kam es / zurück. Dann / tust du ja wenigstens / mal was!« Oder: »(…) warum starren uns / die Leute / so an? Frage / ich sie. / Weil sie neidisch / sind, sagt sie. / Auf wen? Auf / dich oder auf mich? / Na, dreimal / kannste raten, Penner.«

Günther kommt, was bei Lyrik selten ist, ohne pathetische Bekenntnisse und zwanghafte Animositäten aus. Seine Poesie der Alltäglichkeit ist bestimmt durch den von Alkohol mitunter leicht getrübten Blick des Dichters und seiner Faszination für die Nicht-Ereignisse in seinem unmittelbaren Dunstkreis. Anders als Bukowski, mit dem er hin und wieder verglichen wird, meiner Meinung nach fälschlicherweise, hat Günther mehr Humor und ist weniger abgefuckt, so dass selbst meine kritische Mutter ihre wahre Freude an seinen Gedichten hat und das neue Werk gleich mal für sich konfiszierte.

Rund 80 Gedichte zum Thema Liebe und allem, was damit zusammenhängt, vom ersten Verknalltsein bis zum Tod – wahlweise der Liebe oder der Protagonisten –, hat Günther aus neun Bänden zusammengetragen und überarbeitet. Seine Texte kommen ohne existentialistische Dramatik aus, die Dinge werden in ihrer unmissverständlichen Trübe stehengelassen. Das ist erfrischend, erheiternd, das spendet Trost, gibt Hoffnung: »Du hörst / Julio Iglesias? / Nee. Aber / wenn ich so / wäre, wie du / mich haben / willst, würde / ich es tun!«

Die wunderbaren Illustrationen von Katharina Manzke-Leubner, an denen man sich gar nicht sattsehen kann, ergänzen die Gedichte als wären sie die abhanden gekommenen und nun endlich wiedergefundenen Zwillinge. Sie machen das Buch auch zum visuellen Vergnügen.

Günther sei süchtig nach Realität, sagte er einmal in einem Interview, was sich klar in seinen Texten widerspiegelt. Und für die Liebe wird er auch gerne mal »zum Charmeur. Einem singenden Engel. Immer gut gelaunt und eine Lusche vor dem Herrn«. Seine Lyrik kommt aus dem Jetzt, unprätentiös, ehrlich und auf den Punkt gebracht: »Das Ende einer großen Liebe. Sie mochte / Schostakowitsch. / Ich auch. / Aber nicht so / oft.«

Florian Günther: Liebesgedichte oder sowas Ähnliches. Mit Illustrationen von Katharina Manzke-Leubner. Moloko Print, Schönebeck (Elbe) 2018, 170 Seiten, 14,80 Euro

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