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Aus: Ausgabe vom 26.01.2019, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Zeichen, Wunder und Propheten

Von Arnold Schölzel
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In den Straßen von Caracas (21.1.2019)

Nach Trumps Putschversuch in Venezuela ließen die Kommentatoren der deutschen Leit- und Qualitätsmedien am Freitag ihren Emotionen freien Lauf und feierten das Ereignis. Für Andreas Ross (FAZ) war es »wie ein kleines Wunder, dass sich ein gerade einmal 35 Jahre alter Demokrat« zum Übergangspräsidenten ausrufen konnte. Dessen Mentor in Washington, man konnte es ahnen, verfügt über magische Kräfte.

In der Welt plaudert allerdings der in Venezuela geborene und in den USA lehrende Ökonom Ricardo Hausmann aus, dass dem Zauber ein »Plan mit fünf Säulen« voranging, darunter: »Zweitens galt es, sich internationale Unterstützung zu sichern. Auch das ist im Vorfeld geschehen.« Denn Wunder müssen streng geplant werden. Hausmann ist auch sonst anderer Meinung als Ross. Der nennt Armeeoffiziere, die Nicolas Maduro für den legitimen Präsidenten Venezuelas halten, »Bonzen«. Der Ökonom: Selbst »die Gehälter der allerhöchsten Generäle betragen umgerechnet weniger als 50 Dollar im Monat«.

In Staaten, in denen falsch gewählt wird, herrschen eben fürchterliche Zustände. Das war so in Honduras, wo 2005 ein Präsident gewählt wurde, der die Armut bekämpfte, und in der Ukraine, deren 2010 gewählter Präsident sich nicht der EU unterwerfen wollte. Nach jeweils vier Jahren wurden sie durch Putsche von rechts ersetzt. In Venezuela dauert es schon länger, viel zu lange für alle Wertegemeinschafter. Das dort ist, schreibt Sebastian Schoepp am Freitag in der Süddeutschen Zeitung, »mitnichten ein linkes oder sozialistisches Projekt« (nur am Rande: »Projekt« ist Sozialismus nie, er wird gemacht oder beseitigt), sondern »eine ranzige Militärdiktatur wie in den 1970er Jahren«. Offenbar mit Generälen, die wenig verdienen. So à la Pinochet in Chile 1973 oder wie die Mörder und Folterer in Argentinien und Brasilien von Washingtons Gnaden und mit viel westeuropäischer einschließlich bundesdeutscher Hilfe, auch wenn sie deutsche Staatsbürger umbrachten. Damals sahen BRD-Politiker in Santiago de Chile keine Mordstätten, nur Sonne, nun ordnet Schoepp frei nach Pinochet an: »Der Chavismus in Venezuela steht vor dem Aus.« Vor der fälligen humanitären Intervention ist der SZ-Redakteur schon geistig in der neuen Kolonie.

So weit, so gewohnt. Schneller aber als diese Profi-Wunderdeuter, Aus-für-den-Sozialismus-Propheten und umstürzlerischen Planwirtschaftler war überraschenderweise das von Montag bis Freitag als »sozialistische Tageszeitung« erscheinende Neue Deutschland.

Es hatte bereits am 17. Januar eine Kolumne von Tobias Lambert unter dem Titel »Nicht mehr viel übrig von Chávez« in der Druckausgabe veröffentlicht, den die Redaktion am Donnerstag auf die Startseite ihrer Internetausgabe stellte. Unterzeile: »Für Tobias Lambert hat die Regierung in Venezuela abgewirtschaftet. Er meint, das Land benötige einen Neuanfang«. Der war am Mittwoch da und insofern der seherische Beitrag noch einmal richtig plaziert. Zudem hatte der Autor Linie gemacht und linke Vereinfacher zur Ordnung gerufen: »Verdient die Regierung Maduro angesichts weltweit erstarkender rechter Strömungen und inakzeptabler Anfeindungen von außen also eine breite linke Solidarität? Mitnichten.« Die »bedingungslose Unterstützung« blockiere den Neuanfang und »und spielt mittelfristig der Rechten in die Hände«. Linke reizen eben einfach Rechte, verursachen deren Entstehen. Lambert irrte lediglich darin: Die Rechte war mal wieder schneller als »mittelfristig« und begann mit der Beseitigung dessen, was von Chávez übrig war.

Lamberts Kolumne verschwand im Laufe des Donnerstags wieder von der Internetstartseite des ND und wurde u. a. durch Solidaritätsbekundungen für Venezuela ersetzt. Als wäre Lambert nur ein Seherazubi. Klar, die Fachleute bleiben die Ross, Hausmann und Schoepp.

In Staaten, in denen falsch gewählt wird, herrschen fürchterliche Zustände. Das war so in Honduras, wo 2005 ein Präsident gewählt wurde, der die Armut bekämpfte, und in der Ukraine, deren 2010 gewählter Präsident sich nicht der EU unterwerfen wollte. Nach jeweils vier Jahren wurden sie durch Putsche von rechts ersetzt. In Venezuela dauert es schon länger, viel zu lange für alle Wertegemeinschafter.

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