Gegründet 1947 Sa. / So., 16. / 17. Februar 2019, Nr. 40
Die junge Welt wird von 2161 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 28.01.2019, Seite 15 / Politisches Buch
»Fortschrittsfalle«

Digitale Leibeigenschaft

Technischer Fortschritt, der vor allem Konzerninteressen dient: Zwei neue Broschüren aus dem Pad-Verlag
Von Herbert Münchow
Schaerfere_Auflagen_59427971.jpg
5G-Antenne auf einem Testgelände (Neuss, 29.10.2018)

Die »Digitalisierung« wird zum Thema aller Themen. Es sei der Aufbruch in die Erlösung von aller Mühe. So behauptet es die Politik, der es weniger um Fortschritt, als vielmehr um zunehmende Überwachung, die Sicherung von Konzerninteressen sowie die Verschleierung sozialer Gegensätze und Probleme geht. Endlich hat man was zum Punkten. Da werden Investitionen angekündigt. Es geht um einen riesigen Wachstumsmarkt. 5G an jeder Milchkanne. Im Bergkamener Pad-Verlag wurden jetzt zwei neue Streitschriften veröffentlicht, die sich unter vielfältigen Aspekten – einschließlich der immer deutlicher artikulierten gesundheitlichen und ethischen Sorgen – sehr kritisch dem Gegenstand zuwenden.

Werner Thiede (Theologieprofessor und Publizist) verwahrt sich gegen unaufgeklärtes Fortschrittsdenken, das in eine Katastrophe führe. Er sieht die Gesellschaft mit einer »Fortschrittsfalle« konfrontiert und fordert, den Digitalisierungskurs zu verlassen. »Überwachung bis hin zum Hirnscan« sei zu befürchten. Die »Folgen von 5G für den Planeten dürften – nein, nicht nur unabsehbar, sondern absehbar katastrophal sein«. Er verweist auf eine Reihe von prominenten Warnern und Mahnern, zu denen auch IT-Experten gehören. Technischer Fortschritt folge, so Thiede, keiner Eigengesetzlichkeit unabhängig von den gesellschaftlichen Verhältnissen und Interessen. Dort eben liegt der Einstieg in eine rationale Debatte über Sinn, Unsinn und erhebliche, oft ausgeblendete Gefahren einer totalen Digitalisierung.

Peter Hensinger, Jürgen Merks und Werner Meixner kommen in eigenständigen Beiträgen ebenfalls zu diesem Ergebnis. Ihre Texte zeigen, wie Technik zum neuen Heilsbringer verklärt wird. Natürlich reden die Autoren nicht der Steinzeit das Wort. Aber sie sehen auch die Folgen der totalen Digitalisierung, die nur Konzerninteressen bediene und den »Weg in eine digitale Leibeigenschaft« ebne, wofür sie konkrete Beispiele anführen: »Politische und industrielle Macht will vom Untertanen und Konsumenten alles wissen, will Entstehung und Verlauf sozialer Bewegungen in Echtzeit erfassen und nutzt digitale Werkzeuge für ihre Kontrolle und Manipulation.« Bezeichnenderweise möchte sich das Büro für Technikfolgenabschätzung beim Bundestag nicht vor 2020, »nach Versteigerung aller Frequenzen«, zu den gefährlichen Auswirkungen auf die Menschen äußern.

Die Vereinzelung wird gefördert. Dies macht manipulierbar: »Kernziel der Herrschenden zur Systemstabilisierung war zu allen Zeiten, dass Schulen angepasste Untertanen liefern. Das Bildungswesen soll heute den Nachwuchs für die smarte Diktatur konditionieren. Dafür wird es derzeit umgebaut. Die Reform nennt sich ›Digitale Bildung‹«.

Gerade wer Zweifel an Einwänden gegen die totale Digitalisierung hat, sollte die Schriften lesen. Den Autoren ist zuzustimmen: »Marxisten sollten sich endlich einmal mit der digitalen Produktionsweise auseinandersetzen.«

Werner Thiede: Die digitale Fortschrittsfalle. Warum der Gigabit-Gesellschaft mit 5G-Mobilfunk freiheitliche und gesundheitliche Rückschritte drohen. Pad-Verlag, Bergkamen 2018, 90 Seiten, 5 Euro

Peter Hensinger/Jürgen Merks/Werner Meixner: Smart City- und 5G-Hype. Kommunalpolitik zwischen Konzerninteressen, Technologiegläubigkeit und ökologischer Verantwortung. Pad-Verlag, Bergkamen 2019, 88 Seiten, 5 Euro

Bestelladresse für beide Broschüren: pad-verlag@gmx.net

Ähnliche:

Mehr aus: Politisches Buch