Gegründet 1947 Sa. / So., 20. / 21. April 2019, Nr. 93
Die junge Welt wird von 2181 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 28.01.2019, Seite 15 / Politisches Buch
»Zivilisationsrassismus«

Der liebste Feind

Kampfschrift mit vielen Auslassungen: Petra Wild analysiert den Platz des Islam in der politischen Ideologie des »Westens«
Von Gerd Bedszent
RTX6DCP7.jpg
Futter für die Feindbildpflege: Vorbereitungen für eine Demonstration gegen das Verbot der Gesichtsverschleierung in Kopenhagen (26.7.2018)

Gleich vorab: Wer in dem kürzlich im Wiener Promedia-Verlag erschienenen Band »Lieblingsfeind Islam« eine fundierte Analyse der verschiedenen Strömungen der hauptsächlich in Nordafrika und Teilen Asiens verbreiteten Religion vermutet, wird enttäuscht sein: Die Autorin Petra Wild liefert unter diesem Titel eine Kampfschrift gegen vor allem in Europa und Nordamerika verbreitetes rassistisches Gedankengut. Sie beschreibt ausführlich und kenntnisreich verschiedene Varianten und Verbreitungswege rassistischer Ideologie, benennt rassistische Verbrechen und kritisiert heftig den europäischen Kolonialismus und dessen Spätfolgen. Ihre Feststellung, der derzeitige antimuslimische Rassismus sei ein »Zivilisationsrassismus«, ist selbstverständlich zutreffend. Nur wenig von dem, was im Buch steht, ist fragwürdig oder ganz falsch. Aber es fehlt auch sehr viel.

Die Autorin, studierte Islamwissenschaftlerin, stellt beispielsweise zutreffend fest, dass das in Europa zum Mainstream gewordene Islambild komplett fehlerhaft ist. Eine korrigierte Darstellung dieser Religion und ihrer Anhängerschaft vermisst man in dem Buch jedoch – erst ganz am Schluss findet sich ein Kapitel mit einer Schilderung der Blütezeit islamisch geprägter Kultur im Süden der iberischen Halbinsel. Den lobenden Worten der Autorin über die wissenschaftlichen und kulturellen Leistungen des Reiches von Al-Andalus inmitten der religiösen Finsternis des ausgehenden Hochmittelalters kann man ganz gewiss zustimmen. Aussagen über die Ursachen des Niedergangs dieser islamischen Hochkultur und dem zeitgleichen Aufstieg des christlich geprägten Westeuropas finden sich im Buch aber nicht. Dazu hätte es eines Ausfluges in die Wirtschaftsgeschichte bedurft – aber um das Thema Ökonomie schlägt die Autorin einen ganz großen Bogen. Statt dessen konstatiert sie, die Rückständigkeit der islamisch geprägten Regionen sei eine Erfindung der europäischen Aufklärung.

Es finden sich im Buch auch kaum Informationen über die derzeitige Situation in islamisch geprägten Ländern. Die Autorin weist zwar ganz kurz auf eine zunehmende Religiosität hin. Mit dem Islamismus, meint sie, habe dies aber gar nichts zu tun. Die repressiv regierten Golfmonarchien kommen im Buch nicht vor, auch nicht die blutigen Auseinandersetzungen in Syrien und im Jemen, nicht das poststaatliche Chaos in Libyen und auch nicht das sich immer weiter in Richtung Diktatur entwickelnde Regime in der Türkei. Die Autorin erwähnt zwar zutreffend, dass Indonesien einmal eine der weltweit stärksten kommunistischen Parteien hatte – die Beteiligung der religiösen Rechten an den Massakern des Jahres 1965, denen die Mehrzahl der indonesischen Kommunisten zum Opfer fiel, verschweigt sie jedoch.

Selbstverständlich ist es komplett falsch, alles Übel dieser Welt auf das Konto islamistischer Fundamentalisten zu schieben und dann eine ganze Bevölkerungsgruppe mit diesen in einen Topf zu werfen. Der Islamismus ist, ebenso wie beispielsweise der Hindunationalismus und die wieder modische Deutschtümelei, auch nur eine von mehreren militant-konservativen bis faschistoiden Strömungen, die vom weltweiten Niedergang der politischen Linken profitiert haben.

Dieser Niedergang – und seine Bedeutung für die Konstruktion des »Lieblingsfeindes Islam« – wird von der Autorin wahrgenommen und kommentiert. Ihrer Kritik an den sogenannten Antideutschen, die mittlerweile ganz offen ins rechte Lager übergewechselt sind, kann man durchaus zustimmen. Die Ursachen für das fast vollständige Verschwinden der noch in den 1980er Jahren starken linken Bewegung lagen aber auch in deren Theoriefeindlichkeit begründet. Viele damalige Aktivistinnen und Aktivisten zogen einfach gestrickte Freund-/Feindbilder tiefgehenden Analysen vor. Für den politischen Frontwechsel, den viele von ihnen nach 1990 vollzogen, genügte es dann, ein Feindbild gegen ein anderes auszutauschen.

Dieser an sich einfachen Erkenntnis verschließt sich die Autorin, ist vielmehr unkritische Fürsprecherin einer noch immer rein aktionistischen Bewegung. Und diejenigen, die den von ihr propagierten Kurs eines von beinahe aller Theorie abgekoppelten Antiimperialismus nicht mittragen, werden von ihr kurzerhand mit den Antdeutschen in einen Topf geworfen.

Petra Wild: Lieblingsfeind Islam. Historische, politische und sozialpsychologische Aspekte des antimuslimischen Rassismus. Promedia, Wien 2018, 272 Seiten, 19,90 Euro

Ähnliche:

Mehr aus: Politisches Buch