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Aus: Ausgabe vom 24.01.2019, Seite 11 / Feuilleton
Theater

Es hat etwas Meditatives

Publikum, das auf Maschinen schaut: »In der Sache J. Robert Oppenheimer« am Deutschen Theater Berlin
Von Jakob Hayner
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»Theater im Zeichen der Abschaffung des Menschen«

»In der Sache J. Robert Oppenheimer« von Heinar Kipphardt zählt neben Bertolt Brechts »Galileo Galilei« und Friedrich Dürrenmatts »Die Physiker« wohl zu den bekanntesten jener Theaterstücke, die das Verhältnis von technischem und gesellschaftlichem Fortschritt verhandeln. Kipphardt, einst unter Wolfgang Langhoff Chefdramaturg am Deutschen Theater Berlin (DT), veröffentlichte das Stück über den Physiker, der als »Vater der Atombombe« bezeichnet wurde, 1964. Das war zwei Jahre nach der »Kubakrise«, die der Weltöffentlichkeit das Szenario eines atomaren Krieges recht deutlich vor Augen führte. Dieser Tage wird erneut vor einem Atomkrieg gewarnt. Das mag Anlass gewesen sein, Kipphardts Stück am DT wieder auf den Spielplan zu setzen. Regisseur Christopher Rüping, Jahrgang 1985, hat sich der Sache angenommen. Premiere war am vergangenen Sonntag. Rüping arbeitete wie schon des öfteren mit dem Bühnenbildner Jonathan Mertz, der Kostümbildnerin Lene Schwind und dem Musiker Christoph Hart zusammen.

Des Regisseurs Vorliebe dafür, ein Bühnenbild während der Vorstellung auf- und wieder abbauen zu lassen, zeigte sich schon in seiner Inszenierung von Brechts »Trommeln in der Nacht«, die im Sommer zum The­atertreffen eingeladen wurde und die Kulisse der Uraufführung aus dem Jahre 1922 adaptierte. Das Spiel mit Bezügen zwischen historischer und aktueller Aufführung prägt nun auch die »Oppenheimer«-Inszenierung. Zu Beginn ist die Bühne leer bis auf einen runden Tisch, auf dem sich Kameras befinden. Die Scheinwerfer sind auf ihn ausgerichtet. Die Schauspieler sitzen daran, Knopf im Ohr. Der Text des Stückes, der auf dem Protokoll einer Anhörung Oppenheimers vor einem US-Untersuchungsausschuss basiert, wird erst ein-, dann nachgesprochen. Eine erste Aneignung.

Im Laufe der Aufführung werden Kostüme angelegt, wird ein Bühnenbild hineingeschoben, beides im Stil der 50er Jahre, das Stück spielt 1954. Oppenheimer gilt den Behörden als Sicherheitsrisiko, und das nicht nur wegen seiner Sympathien für die kommunistische Weltbewegung, sondern allein schon, weil er nach den Atombombenabwürfen von Hiroshima und Nagasaki bei der Entwicklung der Wasserstoffbombe Skrupel zeigt, was als mangelnde Loyalität des Wissenschaftlers gegenüber den Zielen der Regierung aufgefasst wird.

Oppenheimer, gespielt von Felix Goeser, hadert mit der von ihm führend vorangetriebenen Entwicklung. Aber er hadert nur. Er wird vom FBI überwacht. Seine Privatsphäre ist dahin, sein Leben Gegenstand des Regierungsinteresses. Er beklagt das. Kein Stoff für eine Heldengeschichte. Aber offenbar auch kein Stoff für die Gegenwart. So langsam, wie es in das Stück hineingeht, so schnell geht es wieder heraus. Das Bühnenbild wird abgeräumt und im von Scheinwerfern durchstochenen Nebel zu dröhnender Musik hält Maike Knirsch ein flammendes Plädoyer für einen beschleunigten Weg in die Zukunft. Es gelte, sich von aller Angst gegenüber technischen Neuerungen freizumachen – ganz im Geiste der vor ein paar Jahren ausgerufenen philosophischen Mode des Akzelerationismus. Oppenheimer erscheint hier als Verräter einer Techno-Utopie, als Zauderer, wie man sie nicht mehr brauchen kann. Utopie liegt heute nicht im anders machen, sondern im schneller machen.

Anschließend rollen kleine Maschinchen auf die Bühne, Mischungen aus Saugroboter und Leuchtkugel. Es hat etwas Meditatives, wie sie da automatisch herumfahren. So könnte das Theater im Zeichen der Abschaffung des Menschen aussehen: Publikum, das auf Maschinen schaut.

Das Thema bei Oppenheimer war noch die Selbstauslöschung der Menschheit, nun ist es ihr Überflüssigwerden. Die Gewaltdrohung wird allemal aufrechterhalten, garantiert sie doch, dass die Verhältnisse bleiben, wie sie sind. Man wird an einen Befund Walter Benjamins erinnert, nach dem die Selbstentfremdung der Menschheit den Grad erreicht hat, der sie ihre eigene Vernichtung als ästhetischen Genuss ersten Ranges erleben lässt. Die Brillen aufgesetzt, auf den Stühlen sitzend, blicken sie in den Atomblitz.

Oppenheimers ehemalige Verlobte brachte sich um, sie konnte die Welt nicht mehr ertragen. Ein paar Zeilen aus ihrem Abschiedsbrief stehen am Ende der knapp zweistündigen Inszenierung. Ist das letztlich die konsequentere Haltung gewesen? Eine andere Lösung bietet der Abend, der vor allem recht effektvoll seine Fremdheit gegenüber dem Stoff zum Ausdruck bringt, zumindest nicht an.

Nächste Aufführungen: 27. und 30. 1.

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