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Aus: Ausgabe vom 24.01.2019, Seite 10 / Feuilleton
Musik

Zum Einschlafen Schranz

Leidenschaftliche Latinos, chillige Chinesen? Musikwissenschaftler haben untersucht, wer wo was wann hört
Von Leonhard Furtwängler
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Lust auf Salsa? Tanzende Teilnehmer an der Migrantenkrawane in die USA (Mexiko, Oktober 2018)

Wenn Sie sich auch manchmal fragen, was Sozialwissenschaftler den lieben langen Tag so treiben: Sie untersuchen zum Beispiel anhand von Spotify-Daten, wie weltweit Musik gehört wird. Zumindest hat das ein Team um Minsu Park von der Cornell-Universität getan, einer Privatuni im US-Bundesstaat New York, und seine Ergebnisse im Fachmagazin Nature Human Behaviour veröffentlicht. Insgesamt werteten die Forscher 765 Millionen Stücke aus, die von fast einer Million Menschen aus 51 Ländern über den ungemein beliebten Streamingdienst abgespielt wurden. Unter die Kategorie »Ach was, sag bloß« fällt die Feststellung, dass kultur- und länderübergreifend tagsüber energiegeladene und abends entspannende Musik bevorzugt wird. Wer gibt sich auch schon kurz vor dem Einschlafen nochmal eine schöne Dröhnung 160-Bpm-Techno? Doch auch kulturelle Klischees und andere küchenpsychologische Annahmen werden bestätigt: Asiaten mögen offenbar ruhigere Töne, während Lateinamerikaner auf anregende Rhythmen abfahren. Jüngere Menschen mögen es etwas flotter als Ältere. Keine Antwort fanden die fleißigen Forscher jedoch auf ihre erstaunlich naive Frage, ob Musik unsere Emotionen beeinflusst oder wir Musik auswählen, die zu unserer Gemütslage passt – wahrscheinlich sei ein Wechselspiel beider Ansätze, so die Autoren. Wie halt meistens.

Es gibt weitere Haken. So schränkt der Musikwissenschaftler Gunter Kreutz von der Carl-von-­Ossietzky-Universität Oldenburg ein: »Musikhören ist ein Indikator für die menschlichen Bedürfnisse nach Regulation ihrer Stimmungen. Es ist schwer, daraus zu schließen, was in der Umwelt jeweils vor sich geht und wie sich die Menschen eigentlich fühlen.« Es sei einseitig, Vorliebe für energetische Musik in Südamerika als Lebensfreude zu deuten. »Denn die Lebensverhältnisse in weiten Teilen der Bevölkerungen geben eigentlich wenig Anlass dazu, Salsa zu tanzen.« Vielmehr sei entscheidend, sozioökonomische Daten mit in die Analyse einfließen zu lassen. Problematisch ist auch, dass in der Studie nur die Daten von Spotify-Nutzern ausgewertet wurden – was Menschen ausklammert, die den Dienst nicht nutzen können oder wollen. Dennoch ist Kreutz beeindruckt: »Die Studie ist ziemlich einzigartig, weil sehr effiziente Methoden benötigt werden, um mit den riesigen Datenmengen umzugehen.« Ein Randaspekt: Dass dabei plausible Ergebnisse entstünden, spreche dafür, dass auch die Datensammlungen von Konzernen und Geheimdiensten über das menschliche Verhalten in vielen Ländern recht zutreffende Schlussfolgerungen ermöglichen.

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