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Aus: Ausgabe vom 22.01.2019, Seite 11 / Feuilleton
Theater

Wie es kommen soll

»Cheer Out Loud!«: Das neue Stück am Grips-Theater
Von Anja Röhl
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»Inklusion ist Anarchie, Umwälzung, Revolution«: Carina Kühne, Lisa Klabunde und Regine Seidler

Das neue Stück des Berliner Grips-Theaters erzählt von einem Sportverein in finanziellen Schwierigkeiten. Abhilfe schaffen sollen ausgerechnet die Cheerleader mit ihren athletischen Verrenkungen und glitzernden Puscheln. Der Abend für Menschen ab 14 Jahren, Uraufführung war am vergangenen Donnerstag, beginnt mit einer typischen, fast karikierten Darbietung der Mädchengruppe: laut, farbenfroh, rhythmisch begleitet von einem Livemusiker (Sonny Thet) und einem Beatboxer (Alexander Maulwurf).

Angeführt wird die Truppe von Jana (Lisa Klabunde, Grips), die besonders hart trainiert und überall die Beste sein will. Ihr Vater ist der Vereinsvorsitzende Klaus (köstlich verschroben: Max Edgar Freitag vom Theater Thikwa), den die Geldsorgen plagen, weil ein Hauptsponsor abgesprungen ist.

In Kita- und Grundschulzeiten war Jana mit Leonie befreundet, einem Mädchen mit Down-Syndrom, das nun für sie keine Freundin mehr ist, wie sie betont. Dieses Mädchen, gespielt von Carina Kühne, bekannt aus dem Film »Be my Baby«, leidet an ihrer Umwelt, die sie nicht in Frieden lassen kann. Leonie liebt das Cheerleadern, liebt es, allein zu entscheiden. Eine Familienszene macht deutlich, wie sehr ihr die elterliche Überbesorgnis zusetzt. »Leonie kann das nicht, sie kann das noch nicht, sie kann das noch nicht selbst entscheiden!« rufen die Eltern aus einem mit Tüchern verhangenen Käfig. »Sie würde ausgelacht!« Die Bewegungen der Spieler in dem Käfig sind kantig verfremdet. Lichtblick ist ein Bruder, der Leonie mehr zutraut, auch, weil er dauernd auf sie aufpassen soll und das blöd findet.

Das Training der Cheerleader ist kräftezehrend, die Übungsleiterin erbarmungslos. Alle sollen immer noch besser werden, im Takt bleiben, die richtige Figur haben, nie genügen sie.

Bei einer Sitzung des Vereinsvorstands trumpft der neue Kassenwart auf: Alex (kabarettreif: Frederic Phung) ist jung, dynamisch, kapitalismusaffin. Er kennt sich aus mit Fördertöpfen und empfiehlt »Inklusion«. Keiner will das, keiner kennt das, keiner mag das, aber Alex ordnet es an, und dann müssen sie wohl. Die Cheerleaderinnen protestieren mit köstlichen Sprachspielen um das Wort »behindert«.

Es kommt, wie es kommen soll: Lisa verliebt sich in den Bruder von Leonie, schlägt Leonie als neues Mitglied vor. Die freut sich, aber Trainerin Ricarda (Regine Seidler, wunderbar drahtig, militärisch mit blonder Perücke) verlässt die Gruppe mit dem stereotyp wiederholten Satz: »Ich kann das nicht, ich kann das nicht, ich kann das nicht!«

Die Gruppe findet sich nun selbst, der Bruder trainiert sie, die Welt ist aus den Fugen, und etwas Neues entsteht. Das wird in einem wunderbaren Abschlussbild sinnlich erfahrbar: Inklusion muss Neues gebären, sonst geht es nicht, Inklusion ist Anarchie, Umwälzung, Revolution. Laut, wild, farbig, schön, aber unter Abschaffung von Konkurrenz, Leistungsdruck, Angst.

Robert Neumann (Regie), Susanne Lipp (Autorin) und das Grips-Team haben einen wirklich großen Wurf auf die Bühne gebracht. Das Stück macht Spaß und entlarvt unsere Gesellschaft, die nur nach Leistung und optimalem Zuschnitt auf Markt, Börse, großes Geld ausgerichtet ist. Es zeigt Hohlheit, Kälte, Heuchelei; zeigt aber auch die Chancen auf, die in den Forderungen nach Inklusion liegen könnten. Ohne Überwindung der Leistungszwänge unserer Gesellschaft geht es nicht.

Hausmeister Dankwart, gespielt von Grips-Altmeister Christian Giese, überzeugt als proletarisch Kommentierender, der aufräumt, saubermacht und große Weisheiten nebenbei zur Kenntnis gibt. Eine Behinderung ist hier kein Defizit, das an den Betroffenen klebt, sondern Herausforderung für deren Umfeld, sich endlich in Richtung einer kreativeren, lustvolleren und freieren Gesellschaft umzuorientieren. Ein Hochgenuss!

Nächste Aufführungen: 14.2., 18 Uhr, 15.2., 11 Uhr, 16.2., 19.30 Uhr, Grips am Hansaplatz

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