Gegründet 1947 Sa. / So., 20. / 21. April 2019, Nr. 93
Die junge Welt wird von 2181 GenossInnen herausgegeben
Aus: Ausgabe vom 22.01.2019, Seite 11 / Feuilleton
Theater

Darauf ein Glas Milch!

Frank Castorf beginnt sein Alterswerk mit »Galileo Galilei. Das Theater und die Pest« am Berliner Ensemble
Von Erik Zielke
v.l. Wolfgang Michael, Jeanne Balibar, Aljoscha Stadelmann
Ein Küsschen für Artaud: Vor dem Widerruf muss Galilei (Jeanne Balibar ersetzt hier Jürgen Holtz) noch etwas leiden

Die nicht besonders große Bühne des Berliner ­Ensem­bles, des Brecht-Theaters am Schiffbauerdamm, ist übervoll. Vor allem dank eines riesigen, hölzernen Fernrohrs, das justiert werden kann und begehbar ist. Der Bühnenbildner Aleksandar Denic, in den letzten Jahren vielleicht wichtigster Arbeitspartner des Regisseurs Frank Castorf, hat sie für die Inszenierung von Brechts »Leben des Galilei« eingerichtet, das in dieser Fassung »Galileo Galilei. Das Theater und die Pest« heißt. Der neue Titel wurde wohl nicht ohne Grund gewählt, war doch Castorfs »Baal« 2015, gespickt mit Fremdtexten und assoziationsreich erweitert wie bei diesem Regisseur üblich, Anlass zum Streit mit den Erben Brechts, die Inszenierung musste nach wenigen Vorstellungen abgesetzt werden. Bei dieser sechsstündigen Premiere am Sonnabend gibt es keinen Skandal.

Bertolt Brecht beginnt die Arbeit an »Leben des Galilei« Ende der dreißiger Jahre im dänischen Exil und unterzieht das Stück bis zu seinem Tod immer wieder Änderungen. Der geniale Galileo Galilei, um seinen Unterhalt kämpfend, verbessert ein Fernrohr. Mit diesem Instrument gelingen ihm Beweise, die das geozentrische Weltbild widerlegen. Der Konflikt mit der katholischen Kirche ist nicht abzuwenden, unerwartet widerruft Galilei. Seine Forschungen setzt er fort – unter Aufsicht der Machthaber.

Zu Beginn des ersten Bildes stehen Sarti und ihr Sohn Andrea auf der Bühne. Galilei betritt die Szene: Jürgen Holtz, mittlerweile 86jährig. Der Sarti gibt er einen innigen Kuss – der Gelehrte und seine Hausangestellte. Nach wenigen Sekunden legt Holtz sein Gewand ab und steht, für einen Castorf-Abend nicht unüblich, nackt da. Ungewöhnlich aber ist, wie dieser Ausnahmeschauspieler dem Stoff Leben einhaucht. Holtz kämpft bisweilen mit dem Text, bewältigt ihn aber und lässt die sprachliche Klarheit und Schönheit erlebbar werden. Um Geld bettelnd, damit er seine Arbeit fortführen kann, entgegnet Galilei dem Kurator der Universität: »Ich verstehe, freier Handel, freie Forschung. Freier Handel mit der Forschung, wie?« Hier zeigt die Inszenierung ihre Stärke und macht die Intention des Stücks verständlich. Ausdrücklich zu loben ist auch das Spiel von Andreas Döhler als Galileis Freund Sagredo.

Die Ausbreitung der Pest in Florenz, der zum Trotz Galilei in der Stadt bleibt und seine Forschung fortsetzt, wird bei Castorf zur Schlüsselszene. Der vermeintlich mutlose Galilei, der angesichts der Folterinstrumente der Inquisition seine Erkenntnisse widerruft, verlässt Florenz nicht, obwohl die Gefahr offenbar wird. Castorf nimmt das Thema Pest zum Anlass, Brechts Theaterverständnis, nach dem die Veränderbarkeit der Welt gezeigt werden, und die Vernunft im Mittelpunkt stehen soll, auf das Antonin Artauds treffen zu lassen. Einem Traktat des Franzosen ist auch der Untertitel »Das Theater und die Pest« entliehen. Mit Brechts Galilei gesprochen, gehört das Denken zu den größten Vergnügungen des Menschen. Artaud interessierte am Theater hingegen das Abgründige, das Rituell-Mythische, die Grausamkeit. Castorf löst diesen Widerspruch nicht auf, sondern zeigt beide Vorstellungen in ihren Extremen. Brecht befragt das Verhältnis von Vernunft und Obrigkeit, von Wissenschaft und Verantwortung. Doch was nützen solche Fragen, wenn die Pest als Naturgewalt hereinbrechen kann?

Es ist ein düsteres Weltbild, das der Regisseur an diesem Abend skizziert. Vielleicht ist es auch der Kommentar eines Mannes, der sein Alterswerk vorlegt. »Der Frank ist tot«, sagt eine seiner Figuren. Kein in sich abgeschlossenes Werk wird hier präsentiert, sondern eine Inszenierung, deren Szenen immer wieder ins Leere laufen. Die Fragen bleiben offen, aber die Widersprüche werden kenntlich. Man kann den Vorwurf des Fatalismus erheben, aber muss doch zur Kenntnis nehmen, dass hier nichts wirkungslos verpufft.

In der Schlussszene setzt sich An­drea, der sich von seinem Lehrer Galilei nach dessen Widerruf abwendet, mit einem Glas Milch auf einen Stuhl. Er stürzt es hinunter, während zu Beginn des Stückes noch gefragt wurde, wie die Rechnung für die Milch bezahlt werden soll. Vielleicht ist noch Hoffnung – für die Vernunft und für die Kunst.

Nächste Aufführungen: 26.1., 27.1. und 10.2.

Ähnliche:

  • »Durch zweitausend Jahre glaubte die Menschheit, dass die Sonne ...
    08.09.2018

    Aufklärung in finsteren Zeiten

    In »Leben des Galilei« fragt Bertolt Brecht nach der Rolle von Naturwissenschaft und Vernunft im Kampf gegen Rückschritt und Barbarei. Vor 75 Jahren wurde das Stück in Zürich uraufgeführt
  • Im Jahr 1931 reiste Friedrich Wolf (1888–1953) zum ersten Mal in...
    17.08.2018

    »Kein amerikanisches Tempo«

    Der Dramatiker als Szenarist – Friedrich Wolf emigrierte 1934 in die Sowjetunion und entwarf dort zahlreiche Filme. Die wenigsten wurden realisiert
  • Lothar Lambert zweimal auf der Couch im Schwulen Museum Berlin
    17.05.2018

    Realismus und Rohheit

    Lothar Lambert hat schon Mumblecore gemacht, als noch keiner wusste, was das ist. Nun hat er einen Film über sich, sein Werk und Berlin gedreht

Regio:

Mehr aus: Feuilleton