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Rund ums Schaf

Von Helmut Höge
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»Heil der Herde ist für die pastorale Macht das wesentliche Ziel.« Gottesfürchtige und Schafsköpfe während der jährlichen Schäferparade in Madrid (Oktober 2018)

Mich beschäftigen gerade Schafe. Die Literatur dazu ist unbefriedigend, die meisten Studien befassen sich mit ihrem Nutzen, der Herde, den Rassen und den Schäferproblemen (Fleisch- und Wollpreise), kaum mit einzelnen Schafen. Vielleicht kann man so beginnen: Im »Hirtenwettstreit«, den der antike griechische Dichter Theokrit besang, gab es eine Hierarchie der Hirten, die vom Nimbus ihrer Tiere herrührte. Die Rinderhirten waren angesehener als die Ziegen- und Schafhirten. Mit der »Türkenherrschaft« ab 1460 drehte sich diese Hierarchie um, die Rinder wurden weniger und die Schaf- und Ziegenherden gehörten immer öfter den Besatzern. »Mit oft groß angelegten Raubzügen« wurden deren Herden von griechischen Viehdieben und Partisanen entführt und als »Herden des Volkes« auf die Berge getrieben. »Viehdiebstahl galt als patriotische Tat«, schreibt der Spiegel 1981 in einem Bericht, der davon handelt, dass auf Kreta, wo die Osmanen erst 1913 abzogen, das nächtliche Entführen von Schafen und Ziegen noch immer ein »Volkssport« sei.

Der italienische Sprachforscher Cam Carotta hält die ganze Schafkultur Griechenlands für ein Ergebnis der Osmanenherrschaft. Die Griechen züchteten einst mehr Rinder als Schafe, sie opferten ihren Göttern gelegentlich bis zu 5.000 Rinder auf einmal. Ihren Anfang nahm die Devastierung aber bereits mit den fortwährenden Eroberungen des Attischen Seebunds: Homer besang sie noch, die fleißigen Holzfäller, die Arkadiens Wälder für den Schiffsbau vernichteten. 400 Jahre später beklagte Platon die Folgen – Humusschwund und Erosion: »Geblieben sind nun im Vergleich zu einst nur die Knochen eines erkrankten Körpers, nachdem ringsum fortgeflossen ist, was vom Boden fett und weich war, und nur der dürre Körper des Landes übrig blieb«, heißt es in seinem Fragment »Kritias«.

Mit der Schaf- und Ziegenzucht und ihrer Ausbreitung war auch noch schwer Metaphysisches über die Welt gekommen – eine Hirtenideologie: der Monotheismus (Judentum, Christentum und Islam). Wahrscheinlich wurden vor etwa 10.000 Jahren zuerst wilde Schafe im Orient domestiziert. Mit ihrer Domestizierung entwickelte sich der Hirtenstand. Und bald wurden dort auch alle Herrscher als Hirten begriffen, sie behüteten die Menschen als Herde wie auch als Individuen. Der Wissenshistoriker Michel Foucault geht in seiner »Geschichte der Gouvernementalität« davon aus, dass die Idee einer »pastoralen Macht« (sei es Häuptling, König oder Gott) ebenfalls im Orient entstand. Man findet diese Machtvorstellung in Ägypten, Assyrien und Babylon. »Der Titel des ›Hirten‹, der Titel des ›Pastors‹ gehört zur königlichen Titulatur für die babylonischen Monarchen.« Vor allem bei den Hebräern wurde dann das »Pastorat ein grundlegender Verhältnistypus zwischen Gott und dem Menschen«. Es ging dabei, anders als heute, da man in Israel die Heilige Schrift gerne als Grundbuch liest, nicht um das Besetzen eines Territoriums: »Die Macht des Hirten wird per definitionem auf eine Herde ausgeübt.« Dem griechischen Denken ist die Idee fremd, dass die Götter die Menschen wie ein Pastor, wie ein Hirte seine Schafherde führen. Sie haben »territoriale Götter«. Die orientalische Hirtenmacht wird dagegen laut Foucault auf »eine Herde in ihrer Fortbewegung, in der Bewegung« ausgeübt. Das »Heil der Herde ist für die pastorale Macht das wesentliche Ziel«. Moses, Abraham, Isaak und Jakob waren Schafhirten. Moses wurde als Hirte seines Volkes von Gott auserwählt, weil er seine Schafe in Ägypten so umsichtig gehütet hatte. Der erste (nomadische) Schafhirte nach der Vertreibung aus dem Paradies war Abel, er wurde bekanntlich von seinem (sesshaften) Ackerbauern-Bruder Kain erschlagen.

In der »hebräischen Thematik der Herde« schuldet der Hirte laut Foucault seinen Schafen alles, »derart, dass er hinnimmt, sich selbst für das Heil der Herde zu opfern (…) Etwas, das im Mittelpunkt der christlichen Problematik des Pastorats steht.« Dabei hat der »abendländische Mensch« in Jahrtausenden gelernt, »was zweifellos kein Grieche je zuzugestehen bereit gewesen wäre, sich als Schaf unter Schafen zu betrachten.«

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