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Aus: Ausgabe vom 22.01.2019, Seite 5 / Inland
Spekulanten

Dr. med. Heuschrecke

Private-Equity-Fonds drängen in den deutschen Gesundheitsmarkt. Ihr bevorzugtes Einfallstor sind Medizinische Versorgungszentren
Von Ralf Wurzbacher
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Skalpell! Spekulanten wollen mit Arztpraxen ihren Schnitt machen (Börsenfasching in Frankfurt, 24.2.2009)

Es gibt sie noch: unabhängige niedergelassene Ärzte, die nur nach bestem Wissen und auf eigene Rechnung praktizieren. Aber sie werden weniger. Seit einigen Jahren drängen immer mehr Akteure in den deutschen Gesundheitsmarkt, für die Profit alles und das Patientenwohl nachrangig ist. Besonders augenfällig ist die Entwicklung im Bereich der Medizinischen Versorgungszentren (MVZ). Das sind Zusammenschlüsse mehrerer Mediziner, die gemeinsam unter einem Dach eine fächerübergreifende Behandlung »aus einer Hand« gewährleisten sollen. So jedenfalls lautete die Zielstellung des Gesetzgebers, als die ersten MVZ vor 15 Jahren entstanden. Insbesondere versprach sich die Politik davon eine bessere Versorgung in der Breite, vorneweg in ländlichen Gebieten.

Die schönen Vorsätze von einst sind längst überholt. Wie unter anderem die Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) beklagen, sind MVZ inzwischen zum bevorzugten Einfallstor für Gesundheitsunternehmen und renditehung­rige Finanzinvestoren verkommen. Die Verbünde würden sich demnach nur noch selten auf freiwillige Initiative von Vertragsärzten bilden, wie dies lange Zeit die Regel war, sondern durch den »geplanten Aufkauf von Vertragsarztsitzen durch privatwirtschaftlich organisierte Konzerne«. Sehr häufig mischen dabei Krankenhäuser mit: Sie kaufen sich in großem Stil in Arztpraxen im Umfeld ein, die als Zulieferer von Kunden für den Klinikbetrieb fungieren. Laut Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linksfraktion im Bundestag befanden sich 2017 bundesweit 1.169 humanärztlich betriebene MVZ in der Trägerschaft von Kliniken. 2006 waren es gerade einmal 211.

Hinter den Klinikbetreibern stehen dabei immer häufiger kapitalstarke Finanzjongleure, die nur noch auf das schnelle Geld lauern. Wie Ende November das Fachorgan Medical Tribune unter Berufung auf den Medizinhistoriker Paul Ulrich Unschuld berichtete, würden heutzutage im Krankenhausbereich Margen von 16 bis 18 Prozent der verwendeten Pflichtbeiträge als Gewinn abgezogen. Alarmierend ist vor allem das aggressive Vordringen von Private-Equity-Fonds (PEG). Nach Schätzungen des Buchautors Rainer Bobsin kontrollieren derlei Beteiligungsgesellschaften mittlerweile rund 420 Praxis- und MVZ-Standorte.

Ganz verstärkt machen sie sich in der lukrativen Zahnmedizinbranche breit. 2017 bestanden nach Regierungsangaben 45 zahnärztliche MVZ in PEG-Trägerschaft, 70 könnten es nach noch unbestätigten Angaben Ende 2018 gewesen sein. Zum Vergleich: 2014 befand sich keine einzige Zahn-MVZ unter der Kontrolle internationaler Investoren. Hintergrund ist eine Gesetzesänderung von 2015, wonach MVZ nicht mehr fächerübergreifend tätig sein müssen. Seitdem können sich beliebig viele fachgleiche Ärzte, also auch Dentisten, unter einem Dach zusammentun. Und je mehr das tun, desto mehr lässt sich verdienen.

Den Raubzug der Geldgeier hat die Politik durch weitere »Patzer« begünstigt. Nach geltender Rechtslage dürfen MVZ nur von Ärzten, Kliniken und Erbringern nichtärztlicher Dialyseleistungen betrieben werden. Damit sollte eigentlich der Zugang von Akteuren verhindert werden, die mit Medizin nichts am Hut haben. Aber eine Hintertür steht bis heute sperrangelweit offen: Indem sich Finanzinvestoren marode oder kleine Krankenhäuser unter den Nagel reißen, gelangen sie pro­blemlos zu einer MVZ-Lizenz. 23 Kliniken sollen laut Bobsin allein aus diesem Grund bereits den Besitzer gewechselt haben, 15 gingen demnach in den Besitz von Private-Equity-Fonds über.

»Die Bundesregierung sieht der Übernahme von Gesundheitseinrichtungen durch Großinvestoren tatenlos zu«, beklagte Achim Kessler, Sprecher für Gesundheitsökonomie bei der Linksfraktion. Die in ihrer Antwort auf seine Anfrage angekündigten Einschränkungen wären »nicht mehr als ein Tropfen auf den heißen Stein und gehen am Kernproblem, dem MVZ-Betrieb über privatisierte Krankenhäuser, vorbei«. Die Regierung könne sich nicht einmal dazu durchringen, »das Treiben von Großinvestoren als problematisch zu bezeichnen«.

Auch die deutsche Ärzteschaft verfolgt die Vorgänge mit Sorge. »Wenn wir weiterhin unsere bewährte und vielfältige ambulante Versorgungslandschaft aufrechterhalten wollen, dann müssen wir im Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) nachhaltige Regelungen zur Eindämmung der Konzernbildung in der ambulanten Versorgung festschreiben«, äußerte sich vor zehn Tagen der Präsident der Ärztekammer Nordrhein, Rudolf Henke. Das fragliche Gesetz befindet sich aktuell in der parlamentarischen Beratung. Der Funktionär monierte ferner, dass sich die Zentren weitestgehend in Großstädten, Ballungsräumen oder in einkommensstarken Regionen gebildet hätten. Dabei gelange ein Großteil der Arztsitze einer ganzen Fachgruppe in die Hand eines Konzerns. Nach Zahlen der Bundesregierung befinden sich lediglich 14 Prozent der MVZ in ländlichen Gemeinden, von den zahnärztlichen Zentren sind es nur 3,4 Prozent.

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