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Aus: Ausgabe vom 22.01.2019, Seite 3 / Schwerpunkt
Trauerfeier in Gdansk

Abschied von Adamowicz

Zehntausende gaben ermordetem Gdansker Bürgermeister das letzte Geleit
Von Reinhard Lauterbach, Poznan
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Landesweite Anteilnahme: In Poznan kamen am Samstag viele Menschen zusammen, um die Trauerfeier für Pawel Adamowicz zu verfolgen

In Gdansk ist am Sonnabend der ermordete Bürgermeister Pawel Adamowicz zu Grabe getragen worden. Seit Donnerstag konnten die Bürger Abschied nehmen. 30.000 Menschen hatten in der Nacht zum Freitag bis zu zwei Stunden angestanden, um vor dem im »Europäischen Solidarnosc-Zen­trum« aufgebahrten Sarg des Bürgermeisters vorbeizuziehen. Auf 40.000 schätzte die Polizei die Zahl der Menschen, die am Samstag trotz frostiger Temperaturen auf der Hauptstraße der Gdansker Altstadt vor Großbildschirmen die Beerdigungsmesse verfolgten. Im Inneren der gotischen Marienkirche waren 3.500 Gäste versammelt. Die Bundesrepublik vertraten der frühere Bundespräsident Joachim Gauck und die Bürgermeister der Hansestädte Hamburg und Bremen. Gauck war in der zweiten Reihe gleich hinter den ehemaligen polnischen Präsidenten Lech Walesa, Bronislaw Komorowski und Aleksander Kwasniewski plaziert; für den aktuellen Staatspräsidenten Andrzej Duda fand sich zur Empörung der rechten Presse ein Platz erst in der achten Reihe, Ministerpräsident Mateusz Morawiecki saß noch weiter hinten. Jaroslaw Kaczynski, Chef der regierenden Partei »Recht und Gerechtigkeit« (PiS), nahm nicht teil.

Schon bei dem Trauergottesdienst unmittelbar nach der Überführung des Sarges in die Marienkirche am Freitag abend warnten Kirchenvertreter vor dem naheliegenden Bedürfnis, den Mord politisch gegen die PiS in Stellung zu bringen. Man dürfe das Böse nicht mit Bösem bekämpfen, so der Bischof, der die Predigt hielt. Solche Aufrufe zur Mäßigung prägten auch die zweite Messe am Sonnabend. Erzbischof Slawoj Leszek Glodz rief dazu auf, von Lügen und »unbegründeten Vorwürfen« Abstand zu nehmen.

Deutlicher wurden Freunde des Ermordeten in ihren Grabreden. Aleksander Hall, ein Veteran des polnischen Konservatismus und politischer Mentor von Adamowicz, nahm sich die »sogenannten öffentlichen Medien« vor: Mit ihren »Lügen und Manipulationen« müsse Schluss sein. Der katholische Intellektuelle und Priester Ludwik Wisniewski skandierte geradezu, es müsse ein Ende haben mit dem Schüren von Hass und Ausgrenzung in den Debatten, vom Parlament bis zum Internet. Das sei ein »überhandnehmendes Gift«. An dieser Stelle erhob sich die Trauergemeinde und spendete, für einen Gottesdienst ungewöhnlich, langanhaltenden Beifall. Das Staatsfernsehen TVP zog sich, obwohl Wisniewski den Sender mit keinem Wort erwähnt hatte, den Schuh an und schaltete auf die Kamera, die die Trauergäste auf der Straße zeigte, um die Ovationen für Wisniewski nicht zeigen zu müssen.

Sowohl die katholische Kirche als auch die PiS sind durch den Mord an Adamowicz in einer unangenehmen Situation. Eine Umfrage von voriger Woche zeigte, dass sich der Zustimmungswert für die PiS innerhalb von zwei Tagen nach dem Mord um zehn Prozentpunkte verringerte. Es ist bekannt, wer den politischen Gegner als »Polen schlechterer Sorte«, »Diebe und Kommunisten«, »Verräterfressen« und »Stasiwitwen« bezeichnet hat: Jaroslaw Kaczynski. Das zwingt auch die Kirche zum Taktieren. Erzbischof Glodz ist normalerweise für seine Nähe zur PiS bekannt. Aber über den, wie die massenhafte Teilnahme der Bürger an den Trauerveranstaltungen zeigt, in seiner Stadt populären Bürgermeister nach seinem Tode geringschätzig zu reden, hätte der Kirche selbst geschadet und musste daher unterbleiben.

Es ist ist wenig wahrscheinlich, dass nach dem Tod von Adamowicz eine der beiden Seiten in Polen in sich geht und auf verbale Angriffe verzichtet. Von Rechten tauchten alsbald Postings auf, in denen kritisiert wurde, dass ein »Unterstützer der Genderideologie« wie Adamowicz mit allen Ehren in der Hauptkirche von Gdansk bestattet worden sei. Was denn wohl in den Erzbischof gefahren sei? Adamowicz war als Bürgermeister an der Spitze des »Gleichheitsmarsches« der LGBT-Szene mitgegangen. Das nehmen ihm die Rechten ebenso übel wie seine Bereitschaft, 2015 syrische Flüchtlingskinder in Gdansker Krankenhäusern behandeln zu lassen. Die Initiative war seinerzeit daran gescheitert, dass die PiS-Regierung den Kindern und ihren Betreuern keine Visa ausstellte.

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