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Aus: Ausgabe vom 22.01.2019, Seite 15 / Betrieb & Gewerkschaft
Arbeitskämpfe

Ein, zwei, viele Streiks

Ausblick auf das Tarifjahr 2019: Verhandlungen für rund sieben Millionen Beschäftigte, Gewerkschaften fordern im Schnitt sechs Prozent mehr Lohn
Von Marc Bebenroth
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Die Arbeit der Beschäftigten ist Gold wert: Hier demonstrierende Beschäftigte der Geld- und Werttransportbranche am 3. Januar in Berlin

Das Sicherheitspersonal an bundesdeutschen Flughäfen hat dem Tarifjahr 2019 einen kämpferischen Auftakt beschert. Verdi und der Deutsche Beamtenbund dürften dank der jüngsten Warnstreiks (siehe jW vom 16.1.) gestärkt in die für den morgigen Dienstag geplante Verhandlungsrunde mit den Flughafenbetreibern gehen. In diesem Jahr werden die im Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) organisierten Gewerkschaften für insgesamt rund 7,3 Millionen Lohnabhängige um bessere Arbeitsbedingungen verhandeln, wie es aus dem Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung auf dessen Internetseite heißt.

Wann genau Beschäftigte in den Ausstand treten, um den Druck auf die Kapitalseite zu erhöhen, hängt vom Verlauf der jeweiligen Tarifauseinandersetzung ab. Allerdings stehen die Ablaufdaten bestehender Tarifverträge fest. Einige Wochen vorher beginnen meist die Verhandlungen. Den WSI-Angaben zufolge besteht dieses Jahr in 83 Tarifbereichen des DGB die Chance, mehr für die Beschäftigten herauszuholen. Generell setzt sich dabei der Trend auf seiten der Gewerkschaften fort, neben höheren Löhnen und Gehältern auch die Option auf geringere Arbeitszeit zu fordern. Das trägt dem Umstand Rechnung, dass auch in den vergleichsweise gut entlohnten Branchen der Druck auf die Beschäftigten wächst.

Am 23. Januar sollen die Verhandlungen in der nordwestdeutschen Eisen- und Stahlindustrie weitergeführt werden. Hier hat die Kapitalseite die Forderungen der IG Metall nach sechs Prozent mehr Geld sowie einem Urlaubsgeld in Höhe von 1.800 Euro »als überzogen« abgelehnt, wie die Gewerkschaft am 11. Januar mitteilte. Überzogen sei demnach auch der Anspruch, dass Beschäftigte sich entscheiden könnten: statt für mehr Geld für weniger Arbeitszeit. Dagegen erklärte IG-Metall-Verhandlungsführer Knut Giesler laut Mitteilung, die Stahlbranche müsse bei den Arbeitsbedingungen zur Metallindustrie aufschließen, »um Fachkräfte zu bekommen«. In der ostdeutschen Stahlindustrie soll laut Gewerkschaft am kommenden Montag erstmals verhandelt werden. Ab Februar sind dann auch wieder Warnstreiks erlaubt.

Zum Monatsende läuft im Bankgewerbe, in dem außerhalb der Genossenschaftsinsitute laut WSI 217.900 Beschäftigte arbeiten, und in der westdeutschen Textilindustrie mit ihren 46.200 Werktätigen der jeweils gültige Tarifvertrag ab. Für die Arbeitenden in den Geldhäusern fordert Verdi sechs Prozent mehr Gehalt und die Möglichkeit, statt dessen die Arbeitszeit zu reduzieren. Für die Textiltarifrunde hat es bereits zwei Verhandlungsrunden gegeben. Allerdings seien diese bislang ergebnislos geblieben, wie die IG Metall am Mittwoch mitteilte. Die Unternehmen hätten eine Erhöhung der Löhne und Gehälter um 3,4 Prozent bei einer Laufzeit von 28 Monaten angeboten. Die IG Metall hingegen fordert für ein Jahr allein 5,5 Prozent mehr Lohn. Entsprechend bewertete IG-Metall-Verhandlungsführer Manfred Menningen das Angebot der Gegenseite laut Mitteilung als »in der Summe zu mickrig«. Am 12. Februar sollen im Textilbereich die Verhandlungen weitergehen.

Ende Februar laufen Tarifvereinbarungen unter anderem in der Papierindustrie, in Hessens Kunststoffindustrie und Fleischerhandwerk sowie bei den bayerischen Brauereibetrieben aus. Anschließend stehen auch Verhandlungen im Einzel- und Großhandel, im Kfz-Gewerbe, bei Speditionen sowie neben dem Bäckereihandwerk ebenfalls in der Grundstoffindustrie an. Ab Juli könnten Arbeitskämpfe in der Industrie und bei der Zeitarbeit Wirkung entfalten. Ende 2019 laufen zudem bundesweit die Tarifverträge in der Systemgastronomie aus.

Im Tarifjahr 2019 liegen die geforderten Lohnerhöhungen bislang zwischen 5,5 und 6,5 Prozent. Die Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG), Verdi, IG Metall, IG Bauen, Agrar, Umwelt (IG BAU) und IG Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) verknüpfen allesamt die Forderung nach Anhebung der Gehälter mit der nach besserer Bezahlung von Nachwuchskräften und der nach einem besseren Übergang in Altersteilzeit. Mit Blick auf die gesamtwirtschaftliche Situation bedeuten die Forderungen der Gewerkschaften jedoch nur das Minimum dessen, was in der Bundesrepublik jährlich an Einkommenszuwachs passieren müsste. Die vom Export abhängigen Kapitalfraktionen werden jedoch weiter ihre Profitinteressen verteidigen und höchstens mickrige Lohnerhöhungen akzeptieren – es sei denn, die Beschäftigten demons­trieren Stärke und Beharrlichkeit wie die Kollegen vom Sicherheitspersonal an den Flughäfen.

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