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Aus: Ausgabe vom 19.01.2019, Seite 15 / Geschichte
Südostasien

Revolution in Vietnam

Im Januar 1789 siegte ein Bauernheer in der Schlacht bei Hanoi über die ins Land eingefallene Armee der Mandschu-Dynastie
Von Gerhard Feldbauer
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Statue von Nguyen van Hue, dem späteren Kaiser Quang Trung (1752–1792), vor dem ihm gewidmeten Museum im vietnamesischen Phú Pong

Noch immer hält sich die Meinung, dass die von den kapitalistischen Staaten im 19. Jahrhundert ihrem Kolonialjoch unterworfenen Länder zuvor im Zustand sozioökonomischer Zurückgebliebenheit befunden und unter mittelalterlichen Feudalverhältnissen existiert hätten. Ganz zu schweigen von der Kolonialpropaganda, den so unterjochten Völkern seien bürgerlicher Fortschritt und Zivilisation vermittelt worden. Die Geschichte Vietnams widerlegt derartige reaktionäre Ansichten. Das Land befand sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts an der Schwelle zu einer zwar etwas verspäteten, aber entwicklungsfähigen Etappe einer bürgerlichen Gesellschaft.

17 Jahre vor dem Pariser Sturm auf die Bastille war ein Bauernaufstand ausgebrochen, der ausgeprägte Züge einer frühbürgerlichen Revolution aufwies. Ihren Namen erhielt diese nach ihrem Ursprungsgebiet in den Tay-Son-Bergen im westlichen Zentralvietnam. An ihrer Spitze standen die drei Brüder ­Nguyen (van Nhac, van Lu und Hue). Seinen Höhepunkt erreichte der Aufstand sechs Monate vor Beginn der Französischen Revolution. Im Januar 1789 siegte bei Hanoi ein 100.000 Mann starkes Bauernheer über eine doppelt so viele Soldaten zählende Armee der zu dieser Zeit in China herrschenden Qing-Dynastie der Mandschu. Wie später in Frankreich, hatten die im Tay-Son-Aufstand gestürzten vietnamesischen Feudalherren die ausländischen Invasoren zu Hilfe gerufen.

Saigon Tea Party

Beiden Ereignissen, die in weit voneinander entfernt liegenden Ländern stattfanden, war gemeinsam, dass die Tage der Feudalherrschaft gezählt waren. Auf der Tagesordnung der Geschichte stand die Geburt des Kapitalismus – und das, obwohl in Vietnam wie in anderen Ländern Asiens auch die Entwicklung der neuen Produktivkräfte hinter der in europäischen Ländern zurückgeblieben war. Eine tiefe Krise hatte das Feudalsystem erfasst. Feudalherren, Mandarine und Notabeln raubten den Bauern den letzten Boden und stürzten sie immer tiefer ins Elend. Die bäuerlichen Wirtschaften, Handwerk und Gewerbe stagnierten, die Handelsbourgeoisie konnte sich nicht entfalten.

In der das ganze Land erfassenden Bauernerhebung spielten Kreise der Handelsbourgeoisie, des Handwerks und Gewerbes eine wichtige Rolle. Die Brüder Nguyen entstammten selbst der Handelsbourgeoisie. 1776 nahmen die Aufständischen Saigon ein. Eine der ersten Maßnahmen der Nguyen war, dass sie die dort lagernden Waren der chinesischen Händler ins Meer werfen ließen – ein Beweis für die Wahrnehmung der Interessen der eigenen Kaufleute. Erinnert sei daran, dass fast zur gleichen Zeit in Boston die Amerikaner englischen Tee in den Ozean warfen, was als Boston Tea Party in die Geschichte einging.

Die Nguyen konfiszierten die Ländereien der geflüchteten Feudalherren, die vor allem arme Bauern zur Nutzung erhielten. In den Bergwerken im Norden begann die Rohstofförderung, es wurden Werkstätten für Waffen errichtet, Papiermühlen und Druckereien entstanden. In den großen industriellen und kaufmännischen Zentren Hanoi, Saigon, Bien Hoa und Fai Fo setzten Vorstufen der kapitalistischen Produktion auf der Grundlage der freien Lohnarbeit ein. Sie basierte auf der neu eingeführten nationalen Währung, der Sapeke. Das Vietnamesische trat als Amtssprache an die Stelle des seit der Besatzungszeit gültigen Chinesisch. Eine Bildungsreform sah vor, in jedem Dorf eine Schule zu errichten. Auch das vietnamesische Nationalepos »Thuy Kiêu« (Das Mädchen Kiêu) von Nguyên Du, das erst nach der Tay-Son-Herrschaft erschien, spiegelte deren großen Einfluss auf die kulturelle Entfaltung der Nation wider. 1799 wurde ein »Historisches Amt« geschaffen, das den Auftrag erhielt, eine Nationalgeschichte zu verfassen. Herausragend war schließlich die politische Forderung nach »Gleichheit aller Bewohner« des Landes und »Gleichheit in allen Dingen«.

Im Süden rief das gestürzte Feudalregime die thailändischen Feudalherrscher zu Hilfe. 1784 drang ein 50.000 Mann zählendes Heer mit 300 Kriegsschiffen auf dem Mekong in Südvietnam ein. Auf dem My Tho, einem Nebenarm des Mekong, wurde die Armada vernichtend geschlagen. 1788 folgte der Einfall eines 200.000 Mann zählenden Heeres der Qing in Nordvietnam, das Hanoi besetzte. Nguyen Hue, der das militärische Kommando führte, ließ sich »um der Einigung der Nation willen«, wie es in den Chroniken hieß, im Dezember 1788 vor dem Bauernheer unter dem Namen Quang Trung zum Kaiser ausrufen. Dann brach das Volksheer auf. Bei Thanh Hoa meldeten die Vorausabteilungen, dass der Gegner noch bei Hanoi verharrte. Auch die Qing-Truppen waren durch ihre Späher vom Eintreffen der vietnamesischen Armee bei Thanh Hoa informiert.

Schlacht um die Hauptstadt

Um den moralischen Faktor einer Schlacht zur Befreiung der Hauptstadt zu nutzen, entschloss sich Nguyen Hue, die feindliche Armee bei Hanoi anzugreifen. In sechs Tagen führte er seine Truppen mit Elefantenreiterei über eine Entfernung von 150 km vor die Tore der Hauptstadt. Da er hinter jedem Reiter zu Pferd noch einen Soldaten des Fußvolkes aufsitzen ließ, erreichte er Hanoi für den Gegner völlig überraschend nicht nur früher als erwartet, sondern auch in voller Stärke. Den Überraschungsmoment ausnutzend, stellte das Bauernheer die noch nicht zum Kampf formierten Mongolen zu unterschiedlichen Zeiten an drei verschiedenen Orten vor der Hauptstadt zum Kampf und schlug sie in die Flucht. Die Niederlage war so verheerend, dass der Hof von Beijing Frieden schloss und die Tay Song anerkannte.

Nach dem Sieg erließ Quang Trung folgende Proklamation an das Volk: »Ihr alle, ob mächtig oder gering, lebt seit mehr als zwanzig Jahren dank uns, der Brüder Tay Son, und unserer Wohltaten. Wir wissen aber auch, dass wir unsere Siege in Nord und Süd der Hilfe des Volkes unserer Provinzen verdanken. In ihm haben wir tapfere Männer und fähige Beamte gefunden, so dass wir unseren Hofstaat gründen konnten. Überall, wo unsere Waffen waren, hielten die Feinde nicht stand.«

Die Herrschaft der Tay Son währte bis 1802. Diese frühbürgerliche Revolution scheiterte letztlich, weil die Bauern als die entscheidende Massenbasis, auf Grund ihrer sozialen Lage und Perspektive nicht die führende Kraft werden konnten. Kleinbürgertum und Handelsbourgeoisie, aus deren Reihen die Brüder Nguyen hervorgingen, erwiesen sich insgesamt nicht fähig, diese Aufgabe auszufüllen. In diese Rolle hätten sie hineinwachsen können, wenn zwei der drei Brüder nicht frühzeitig verstorben wären (Hue 1792, Nhac ein Jahr später), was über die Rolle von Persönlichkeiten in historischen Prozessen bzw. der Konsequenzen ihres Fehlens nachdenken lässt. Nachfolger vom Format der verstorbenen Führer, besonders was deren volksverbundenen Charakter betraf, gab es nicht.

Konterrevolution

Hinzu kam, dass die Feudalreaktion Hilfe aus Frankreich erhielt. Organisator dieser Konterrevolution war der einflussreiche Missionar Pigneau de Béhaine, der 1775 den Prinzen Canh, Sohn des gestürzten Nguyen Anh, mit nach Versailles nahm und mit ihm ein Abkommen über französische Hilfe gegen die Gewährung von »Handelsvorteilen« schloss, wie es zurückhaltend, aber mit den weitreichenden vertragsrechtlichen Konsequenzen dieser Zeit formuliert wurde.

Béhaine stellte eine »Freiwilligenexpedition« aus adligen Emigranten, Abenteurern und Deserteuren zusammen, die man »zweifellos ohne viel Federlesens an die Wand gestellt (hätte), wenn sie den Behörden des republikanischen Frankreich in die Hände gefallen wären«, schrieb der Historiker Jean Chesneaux. In Vietnam rekrutierte Béhaine eine Armee gegen die Tay Son. Mit der Einnahme von Hanoi 1802 gelang es der Nguyen-Dynastie, den Tay-Son-Aufstand endgültig niederzuschlagen. Danach wurde Vietnam nochmals – bis zur 1858 einsetzenden kolonialen Eroberung durch Frankreich – Lehensstaat der Mandschu-Kaiser.

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