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Aus: Ausgabe vom 19.01.2019, Seite 14 / Leserbriefe

Aus Leserbriefen an die Redaktion

Erste Werberegel

Zu jW vom 9.1.: »Seien wir ehrlich«

Zustimmung! Liebevoll beobachtet und zartfühlend formuliert. Alle reden von der Arbeiterklasse, aber keiner kennt sie. Auch ich, emeritierter Proletarier, kenne sie nicht, nur sehr unterschiedliche Kollegen und andere Lohnabhängige. Wen wollen wir mit welchen Mitteln erreichen? Jedes Grüppchen betreibt »Überzeugungsarbeit«, aber in Jahrzehnten politischer Basisarbeit ist mir noch keine Gruppe untergekommen, die die Menschen, die sie erreichen will, wirklich gefragt hätte, was sie denken, meinen, wollen und wo sie der Schuh drückt. Wer aber nicht weiß, was das Gegenüber aus welchen Gründen denkt, empfindet, worüber es grübelt und sich Sorgen macht, was es weiß und zu wissen glaubt, spricht zu einem Phantom (…). Die Situation erinnert an den Heimwerker, der ein Bücherregal bauen will, aber weder Ahnung hat, welches Holz welche Eigenschaften hat, noch wie und mit welchem Werkzeug es zu bearbeiten ist. Und statt sich zu informieren, wird im Kreise ähnlich vorgebildeter Bastler über die Bücherregalklasse und deren Widerstand schwadroniert. Vorschlag: sich einige Wochen die Quälerei antun und Erzeugnisse wie Gratiszeitungen, Boulevardblätter, Rundfunkzeitschriften oder ähnliches (…) analysieren. Herausarbeiten, welche Zielgruppe mit welchen Mitteln angesprochen wird. Herausfinden, mit welchen Mitteln der Leser geködert und mit welchen Tricks gearbeitet wird, an welche Vorurteile welcher Zielgruppe die Manipulation gezielt andockt, welche Wissenslücken genutzt werden und mit welchen Methoden irre Schlüsse, skurrile »Analysen« und Scheinlösungen in die Köpfe der Leser geschleust werden. Parallel einige Bücher über Manipulationstechniken, Werbe- und Massenpsychologie durcharbeiten. Anschließend die Ergebnisse vergleichen und analysieren, eine Zielgruppe identifizieren und sich dieser zuwenden – aber als Partner, nicht als alles viel besser wissender Oberlehrer. Erste Werberegel: Wer alle zugleich erreichen will, erreicht niemanden.

Otto Kustka, Litschau/Österreich

Eigenen Weg gehen

Zu jW vom 12./13.1.: »Großen Bruder düpiert«

Wofür hält sich der US-Botschafter in der BRD? Offen droht er Firmen mit Sanktionen, sollten sie nicht nach der amerikanischen Pfeife tanzen und »Nord Stream 2« weiterbauen. Es wird Zeit, dass sich die Politiker der BRD darauf besinnen, dass Deutschland ein souveräner Staat ist! Oder irre ich mich? Sollten wir immer noch an der langen Leine der USA geführt werden? Was die USA mit ihren Aktionen gegen »Nord Stream 2« bezwecken, ist doch offensichtlich: Sie wollen ihr Flüssiggas verkaufen. Das ist zwar teurer, macht Deutschland aber nicht von Russland abhängig – so die amerikanische Lesart. Aber wir sollen abhängig werden von den USA! Man kann den sogenannten politischen Eliten in Deutschland nur zurufen: Aufwachen und den eigenen Weg gehen!

Wolfgang Herzig, per E-Mail

Enormes Image

Zu jW vom 12./13.1.: »Erzwungener Antiimperialismus«

(…) Russlands schlimmstes Vergehen aus Sicht der Wall Street ist die Begrenzung des Zugriffs auf seine Naturreichtümer – das ist für einige der dort häufig anzutreffenden, sehr kurzfristig denkenden Gurus Gotteslästerung. Wenn Russland Mitglied im Klub werden will, muss es einen nahezu unbegrenzten Zugriff auf seine Öl-, Gas-, Erz-, Holzressourcen usw. akzeptieren. Da hatte man zu Boris Jelzins Zeiten einige Reserven, aber keine allzu großen Manschetten. Mit Präsident Wladimir Putin änderte sich das. Schaut man genauer hin, ist der Unterschied zu Chinas Wirtschaftspolitik nicht extrem groß. Putin äußerte auch vor kurzem, dass er das Programm der KP Chinas interessant finde. Wirtschaftspolitische Erfolge erreichte man vor allem auf Terrains, auf denen sich der russische Staat in der einen oder anderen Weise engagierte. Das bringt einige Vordenker zum schärferen Sinnieren. Der Nationalismus ist groß, und die Wunden, die der Sieger des Zweiten Weltkriegs durch das Zurückdrängen im Zeitraum 1989–1992 erlitten hat, »bluten« immer noch. Umgekehrt hat Russland es geschafft, sich ein enormes Image im Nahen Osten und auch in Lateinamerika aufzubauen. Dabei hat man teilweise die Sowjetunion übertrumpft. Viele Dinge sind im Fluss. Wenn man sich das global anschaut, dann haben China und Russland zahlreiche gemeinsame Interessen, aber Russland hat das schärfere Schwert und zeigt es auch hemmungsloser. Man kann Russlands Kommunisten vieles vorwerfen. Aber die Gefolgsleute des KP-Chefs Gennadi Sjuganow sind gut organisiert, und ihre patriotischen Ideen sind keine leeren Worte. (…)

Achim Lippmann, per E-Mail

Roter Faden

Zu jW vom 12./13.1.: »›Für mich ist Noske eine präfaschistische Figur‹«

Ein hochinteressantes Interview! Es fing ja schon damit an, dass die SPD im Jahre 1914 den Kriegskrediten für den Ersten Weltkrieg zustimmte. Seitdem ist die Partei aus ihrem Schlamassel nicht mehr herausgekommen. Dass die SPD-Führung mit drinhing, was den Mord an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht anbetrifft, ist beinahe unglaublich (…). Erschreckend, was Anpassung und Parteikarriere mit Menschen machen können. Das zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der Parteien. Bis heute. Robert Michels scheint mit seiner These »Das eherne Gesetz der Oligarchie« recht gehabt zu haben (in: »Zur Soziologie des Parteienwesens«, 1910). Diese These besagt, dass jede größere Gruppierung Menschentypen hervorbringt, die sich von der Basis abheben und vorwiegend im Eigeninteresse handeln. Anders ist nicht zu erklären, dass eine solch revolutionäre, sozialistische und basisdemokratisch organisierte Partei, wie sie die SPD in ihren Anfängen war, sich als derart präfaschistisch entpuppen konnte. Kein Wunder, auch heute, dass das Misstrauen gegenüber den Eliten immer mehr zunimmt und soziale Bewegungen nährt, von rechts und von links! ­Revolutionäre Morgenröte scheint am ­Horizont auf: Wenn wir jetzt das Feld den Rechten ­überlassen, ist der Faschismus nicht mehr weit!

Charlotte Ullmann, per E-Mail

Revolutionäre Morgenröte scheint am Horizont auf: Wenn wir jetzt das Feld den Rechten überlassen, ist der Faschismus nicht mehr weit!

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