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Aus: Ausgabe vom 19.01.2019, Seite 11 / Feuilleton
Erinnerungspolitik

Den Antikommunisten abgetrotzt

Von Dr. Seltsam
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Spandau ist stolz: Der sowjetische Kulturoffizier und Hochschullehrer Wladimir Gall während einer Diskussionsrunde in Berlin-Weißensee, 28. Februar 2009

Im Kampf gegen den Russenhass bedarf es besonderer Zähigkeit. Vor dreieinhalb Jahren forderte in Berlin-Spandau eine Bürgerinitiative um den Aktivisten Piotr Luczak die Benennung einer Straße an der dortigen Zitadelle nach Wladimir Gall zur Erinnerung an den sowjetischen Kulturoffizier. An diesem Sonntag, dem 100. Geburtstag Wladimir Galls, wird der Rundweg um die Zitadelle nun tatsächlich nach ihm benannt. Schade, dass er das nicht mehr erlebt, er starb mit 92 Jahren am 9. September 2011 in Moskau.

Wer sich seines Namens nicht erinnert, kennt doch seine Taten. Sie sind in Konrad Wolfs unerreichtem Antikriegsfilm »Ich war neunzehn« (1968) überliefert: Berlin ist fast ganz erobert, Angehörige von Wehrmacht und SS haben sich mit Zivilisten in der Zitadelle verschanzt und drohen, bis zur letzten Patrone gegen die Rote Armee zu kämpfen. Sie halten das für ihre Pflicht. Der junge Hauptmann Gall, der gut Deutsch spricht, begibt sich mit Leutnant Wassili Grischin in die Höhle der SS und fordert diese zur Übergabe der Festung auf. Es geht den Sowjetsoldaten nicht zuletzt um die Spandauer, die im Artilleriebeschuss ihr Leben lassen müssten. Sich mit der todessüchtigen SS zu konfrontieren, um Feinde zu retten, das ist echtes Heldentum. Am 1. Mai 1945 wird die Zitadelle kampflos übergeben. Wenn man das im Kino sieht, muss man weinen, und so ist es wirklich geschehen.

Ich hatte das große Glück, Gall persönlich kennenzulernen. An einem 9. Mai trug ich bei einem seiner letzten Berlin-Besuche für ihn den schweren Kranz die Stufen zum Sowjetischen Ehrenmal in Treptow hinauf, um ihn zu Füßen der Statue des Rotarmisten mit dem Kind auf dem Arm niederzulegen. Gall war weise, belesen und amüsant, ein genaues Gegenbild zum dumpfen Helden aus deutschen Kriegsfilmen und meines Wissens der einzige wirklich bedeutende Mensch in der gesamten Geschichte Spandaus.

Ursprünglich forderte die Bürgerinitiative die Umbenennung einer Straße nach Gall, aber die Anwohner wollten keine Änderung ihrer Adressen, und so wurde der Wanderweg rund um die Zitadelle gewählt, im Grunde eine letzte bösartige Respektlosigkeit der großen Parteien im Spandauer Bezirksparlament, die am liebsten den Krieg gegen die »bösen Russen« wieder aufleben ließen, dabei wäre von ihrem Stadtteil ohne Galls Heldentat wenig übriggeblieben.

Doch der schöne Wanderweg am Havelufer bietet bessere Gelegenheit, über Heldentum gegen Faschisten nachzudenken, als eine befahrene Straße. Zur Feier am Sonntag werden Angehörige von Gall erwartet, vielleicht kommt Peter Sodann, der seine Prominenz als Mitglied der Bürgerinitiative für diesen guten Zweck einsetzte, und bestimmt auch jemand aus der weitverzweigten Familie Wolf.

Am Vorabend wird »Ich war neunzehn« noch einmal gezeigt, es gibt eine restaurierte Fassung. Anschließend spricht Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase mit dem ehemaligen russischen Botschafter Wladimir W. Kotenjow. Zu empfehlen wäre Galls spannendes Buch »Moskau, Spandau, Halle – Etappen eines Lebensweges«. Die Verbreitung könnte den profunden Antikommunismus der Spandauer ein wenig aufbrechen, nötig wär’s.

Vorführung des Films »Ich war neunzehn« mit anschließendem Gespräch: Sa., 16 Uhr, Kulturhaus Spandau, Mauerstr. 6, Eintritt frei

Festakt zur Benennung des Wladimir-Gall-Wegs: So., 11 Uhr, in der Zitadelle

Leserbriefe zu diesem Artikel:

  • Rainer Döhrer: Eine unvergessliche Tat Konrad Wolfs Antikriegsfilm »Ich war neunzehn« ist für mich ein großartiges und bedeutendes Filmerlebnis geblieben. Zumal das Geschehen um die Zitadelle Spandau herum in den letzten Tagen des Zweiten ...

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